SZ 27.02.2026
14:33 Uhr

(+) Missbrauch in der katholischen Kirche: „Er hat mir danach immer die Beichte abgenommen“


Im niederbayerischen Kloster und ehemaligen Internat Rohr soll der Missbrauch durch Ordensbrüder aufgearbeitet werden. Für eine Studie können sich Betroffene melden. Die Opfer hoffen auf Transparenz.

(+) Missbrauch in der katholischen Kirche: „Er hat mir danach immer die Beichte abgenommen“

Jahrzehnte hat es gedauert, bis sich das, was tief in Herms Meers Psyche begraben war, einen Weg nach draußen bahnte. 2006 war der Moment dann da. Meer war gerade wegen seiner immer wiederkehrenden Wutanfälle in Behandlung. Er lag auf einer Liege in einer psychosomatischen Klinik, hatte die Augen geschlossen und sich entspannt. „Auf einmal war ich wieder ein kleiner Bub im Zimmer des Priesters und konnte sehen, was er mit mir machte“, erzählt Meer am Telefon. Er habe damals die Augen aufgerissen und das laut ausgesprochen, was er so lange verdrängt hatte. „Scheiße, ich bin als Kind missbraucht worden.“

Das Kloster Rohr gab am Freitag mit einer Pressekonferenz den Startschuss für eine wissenschaftliche Studie zur „Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Menschenrechtsverletzungen im Internat und Gymnasium der Benediktinerabtei Rohr“. Ein unabhängiges Forschungsprojekt unter der Leitung der Historikerin und Erziehungswissenschaftlerin Annette Eberle sucht ehemalige Schülerinnen und Schüler sowie Zeitzeugen, die zur Aufklärung beitragen können.

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Aufgerufen zum Mitwirken sind alle Betroffenen, Familienangehörigen, Freunde und Freundinnen oder Mitarbeitende der Einrichtungen oder des Trägers. Sie können sich streng vertraulich an Annette Eberle wenden, per Mail unter annette.eberle@ksh-m.de oder telefonisch 0177/47 86 628.

Aufgearbeitet werden sollen Vorfälle von den 1950er- bis zu den 2000er-Jahren. 1976, 2002 und 2003 wurden Fälle von sexuellem Missbrauch „durch drei Mitbrüder angezeigt, was zur Verteilung der Beschuldigten führte“, sagte Abt Markus Eller, Administrator des Klosters Rohr, in der Pressekonferenz. 2010 erreichten nach Auskunft des Abts das Kloster Rohr weitere Meldungen über Missbrauchsfälle, die alle zur Anzeige gebracht wurden. Die Verfahren wurden wegen Verjährung beziehungsweise Tod der Beschuldigten eingestellt. Einer der Täter, der verurteilt wurde, lebt heute noch.

Im Jahr 2015 lag dem Kloster der erste Antrag auf Anerkennung des Leids vor, bis 2023 folgten weitere.  Die Höchstgrenze für Anerkennungszahlungen liegt bei 50 000 Euro. Bisher haben sich etwa 20 ehemalige Schüler gemeldet, die von sexualisierter Gewalt und Menschenrechtsverletzungen betroffen waren. Nun „freuen wir uns über alle, die sich melden und zur Aufklärung beitragen können“, sagte Studienleiterin Annette Eberle.

Herms Meer, heute 73 Jahre alt, war in den 1960er-Jahren Schüler auf dem Johannes-Nepomuk-Gymnasium der Benediktiner in Rohr (Landkreis Kelheim). Dort gab es von  1947 bis 2011 auch ein Internat. Seine Eltern hatten ihn dort hingeschickt, vor allem aber seine „sehr katholische“ Mutter wollte, dass ihr Sohn dort eine gute Bildung erhält. Doch es kommt alles anders. In der ersten Mathe-Arbeit erhält Meer eine Fünf, fängt im Klassenzimmer zu weinen an. Der Lehrer ist ein Ordenspriester, er bestellt ihn am Nachmittag in sein Zimmer. Anfangs tröstet er den damals Zehnjährigen, bietet ihm Nachhilfe an. Doch aus der netten Geste wird schnell ein Albtraum, der sich über drei Jahre erstreckt. Der Mann vergeht sich immer wieder an dem Kind. Meer sagt, er sei zwischen 200- und 250-mal missbraucht worden.

Der Priester penetrierte den Jungen mit dem Finger, zwang ihn zu Oralverkehr, befriedigte sich an dem Kind „Oft hat er auch mit seinen Zähnen an meinen Buben-Genitalien rumgespielt“, berichtet Meer am Telefon. Nachdem der Priester sich seine Befriedigung verschafft hatte, endete der Missbrauch jedoch nicht. „Er hat mir danach immer die Beichte abgenommen“, erzählt Meer. So habe der Priester die Schuld auf Meer abgewälzt. Und damit gleichzeitig sicherstellen wollen, dass Meer nichts von dem Missbrauch erzählt. Auch wenn die Taten des Mannes in Rohr ein offenes Geheimnis unter den Schülern gewesen seien.

Meer wagte es damals dennoch, sich seiner Mutter anzuvertrauen. Als er eines Wochenendes zu Hause war, erzählte er ihr, was der Priester mit ihm machte. „Ich habe daraufhin von ihr links und rechts eine reingehauen bekommen. Sie sagte, es sei eine Unverschämtheit von mir, dass ich diese Herren so verleumde.“ Danach schwieg er für viele Jahre. „Als ich in die Pubertät kam, ließ er von mir ab und wandte sich anderen Kindern zu“, sagt Meer. Dennoch war es für ihn nur schwer auszuhalten, den Mann jeden Tag in der Schule zu sehen. Als Meer später in die zehnte Klasse kam, drohte er seinen Eltern damit, nie wieder nach Hause zu kommen, wenn er die Schule nicht wechseln dürfte. Er beendete das Gymnasium auf einer anderen Schule.

2023 meldete Meer die Taten an das Kloster Rohr. Zudem machte er sich auf die Suche nach anderen Missbrauchsbetroffenen. Und fand unter anderem Hans Knoll. Knoll und sein jüngerer Bruder erlebten zehn Jahre vor Meer, in den 1950er-Jahren, ein ähnliches Martyrium in Rohr. Knoll, heute 83 Jahre alt, wurde von demselben Mann als damals Neunjähriger ebenfalls sexuell missbraucht. Einmal habe er ihn während des Unterrichts an seiner Lederhose aus dem Fenster im zweiten Stock gehalten. „Er hat mir gedroht, mich fallen zu lassen“, erinnert sich Knoll heute. Er hatte Todesangst und konnte nicht verstehen, warum der Mann das machte. Knolls angebliches Vergehen: Er hatte mit einem Banknachbarn während des Unterrichts geratscht. Auch Knoll erzählte irgendwann seinen Eltern davon. Die Antwort seines Vaters damals sei gewesen, dass Mönche so etwas nicht machten.

Beide Männer bekamen in den vergangenen Jahren sogenannte Anerkennungsleistungen von dem Orden. Knoll 10 000 Euro, Meer 50 000 Euro. Meer sagt, er habe dieses Geld aber erst erhalten, nachdem er sich darüber beschwert hatte, dass zunächst nur ein einzelner Anwalt über die Höhe des Betrags entschieden habe. Danach wurde von den Benediktinern offenbar eine dreiköpfige Kommission ins Leben gerufen, die nun in weiteren Fällen aus Rohr über diese Zahlungen entscheidet.

Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, Grenzüberschreitungen: Die Unabhängige Aufarbeitungskommission Augsburg stellt ihre Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche vor. Zwei Aspekte fallen dabei auf – und eine besondere Empfehlung zur Prävention.

Im Vorfeld der Pressekonferenz gab es Unmut. Denn die Benediktiner luden keine der dem Vernehmen nach ungefähr 20 Missbrauchsopfer ein. Abt Markus Eller sagt, man habe sich „lange Gedanken gemacht“, ob es hilfreich sei, Betroffene einzuladen. Und sich dann dagegen entschieden. „Wir haben die Pressekonferenz als geschlossene Veranstaltung konzipiert, um das Aufarbeitungsprojekt, das mit der Studie startet, in den Mittelpunkt stellen zu können.“ Eller sagte, es brauche ein anderes Format ohne Öffentlichkeit, bei dem den Betroffenen die Studie vorgestellt werde und diese auch Gelegenheit zur Vernetzung haben würden. „Dieses Treffen wird gerade ausgearbeitet und wird innerhalb der nächsten vier Wochen stattfinden.“

Hans Knoll sagt, er habe vor 20 Jahren bereits dem damaligen Abt von dem Missbrauch erzählt. Dieser habe sich damals entschuldigt und Aufklärung versprochen. Dann passierte lange nichts. Knoll ist mittlerweile schwer an Krebs erkrankt. „Ich geh auf das Ende zu“, sagt er. Viele seiner Schulkameraden, die ebenfalls missbraucht worden seien, lebten schon lange nicht mehr. Sowohl Meer als auch Knoll wünschen sich, dass die Benediktiner den Missbrauch in Rohr transparent und in Zusammenarbeit mit Betroffenen aufarbeiten. „Hoffentlich haben noch mehr den Mut, sich zu melden“, sagt Hans Knoll.

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