SZ 28.01.2026
16:31 Uhr

(+) Milchpreise im freien Fall: Bayerns Milchbauern fürchten um ihre Existenz


Die Preise sinken seit vergangenem Herbst dramatisch. Von 100 Millionen Euro Verlust für die Landwirte spricht der Verband und fordert Unterstützung von der CSU. Doch aus der Partei ist nichts zu hören.

(+) Milchpreise im freien Fall: Bayerns Milchbauern fürchten um ihre Existenz

Regina Hirschvogl und Anna Gretschmann, Nachwuchs-Milchbäuerinnen in Uffing am Staffelsee, sind schon sehr früh aufgebrochen. Um Dreiviertelsieben sind die beiden jungen Frauen mit dem Traktor losgefahren. Ihr Ziel: der Odeonsplatz in München. Uli Jörg, ebenfalls Milchbauer und zwar in Steingaden, ist sogar schon um sechs Uhr mit dem Traktor aufgebrochen – ebenfalls zum Münchner Odeonsplatz. Denn dort findet an diesem Mittwoch eine Kundgebung des Milchbauernverbands BDM statt. Am Ende sind es – laut Polizei – gut 250 Milchbauern und 81 Traktoren, die sich am Odeonsplatz versammelt haben.

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Der Grund der Kundgebung: Die Milchpreise, die die Molkereien den Bauern für die Milch bezahlen, sind in freiem Fall. Unter den Milchbauern, die lange Jahr gute und steigende Preise für die Milch ihrer Kühe gewohnt waren, geht die Existenzangst um. Wie dramatisch der Preisverfall ist, zeigen ein paar Zahlen. Im September 2025, dem letzten Monat vor der Krise, haben die bayerischen Molkereien ihren Bauern durchschnittlich 54,6 Cent für den Liter Milch bezahlt. So kann man es auf der Internetseite des Verbands der Milcherzeuger Bayern (VMB) nachlesen. So berichtet es Landwirt Jörg auf dem Odeonsplatz.

Die Wende kam im Oktober 2025. In dem Monat überwiesen die Molkereien ihren Bauern plötzlich nur noch 52,8 Cent für den Liter Milch, im November waren es 50,9 Cent und im Dezember 48 Cent. Dieser Tage finden in vielen Regionen Gespräche der Molkereien mit den Bauern über den Januarpreis statt. „Ich rechne fest mit einem Abschlag von weiteren fünf Cent“, sagt der Milchbauer Jörg und seine Kollegen, die um ihn und die beiden Jungbäuerinnen herumstehen, nicken. „Und das wird nicht das Ende sein.“ Die Verluste, die bayerischen Milchbauern seit September eingefahren haben, summieren sich laut BDM bereits auf hundert Millionen Euro. Die Defizite der Milchbauern in den anderen Bundesländern, die ja ebenfalls von der aktuellen Krise gebeutelt werden, sind ebenfalls immens.

Dem wollen Jörg und die Milchbauern auf dem Odeonsplatz nicht tatenlos zusehen. Zusammen mit dem BDM richten sie einen Appell an Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder und Bundesagrarminister Alois Rainer (ebenfalls CSU), sich mit aller Kraft für die Stabilisierung des Milchmarktes einzusetzen. „Denn die Möglichkeiten dafür sind ja vorhanden“, ruft der BDM-Landesvorsitzende Manfred Gilch vom Podium vor der Feldherrnhalle herab. „Sie müssen nur aktiviert werden.“ Gilch ist ebenfalls Milchbauer und zwar im mittelfränkischen Landkreis Roth, auch er ist mit dem Traktor zu der Kundgebung nach München gefahren.

Konkret fordert der BDM, dass die EU zu einem freiwilligen Lieferverzicht Milchbauern aufruft, wie das für extreme Preiskrisen auf den Agrarmärkten möglich ist, und den Landwirten, die sich daran beteiligen, eine Entschädigung dafür bezahlt.  Damit, so argumentiert Gilch, ließe sich das aktuelle Überangebot nicht nur auf deutschen Milchmarkt, sondern auch in anderen europäischen Ländern rasch drosseln und der weitere Preisverfall stoppen. Außerdem fordert der BDM endlich verbindliche Lieferverträge zwischen Molkereien und Bauern mit festen Preiszusagen, Laufzeiten und Milchmengen, damit die Landwirte nicht mehr völlig unversehens von Preiskrisen wie der aktuellen getroffen werden können.

Die Freien Wähler, die Grünen und die SPD unterstützen die Milchbauern und ihren Appell. Vize-Ministerpräsident und FW-Chef Hubert Aiwanger, der selbst Landwirt ist, dankt dem BDM auf dem Odeonsplatz ausdrücklich für die Aktion. „Wir müssen die Gesellschaft und die Politik aufrütteln“, ruft er den Bauern zu. „Sie müssen auf die Milchkrise aufmerksam werden und mit den Bauern zusammenstehen.“ Den Lieferverzicht und die Entschädigung der Landwirte, die sich daran beteiligen, nennt Aiwanger wiederholt richtig. Die aktuelle Milchkrise betreffe ja nicht nur Deutschland und die deutschen Bauern, sondern auch andere Länder und die Landwirte dort, Italien, Rumänien und die Slowakei zum Beispiel.

Die CSU freilich ziert sich, sosehr sie sich sonst zum Fürsprecher der Bauern macht. Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) bleibt der Kundgebung fern – obwohl sie in direkter Nachbarschaft zu ihrem Ministerium an der Ludwigstraße stattfindet. Und als die Bauern, wie angekündigt, im Anschluss an die Reden auf dem Odeonsplatz zur Staatskanzlei ziehen, um dort ihren Appell an Ministerpräsident und CSU-Chef Söder zu übergeben, wird BDM-Chef Gilch in den wuchtigen Bau hineingerufen, um drinnen – fernab der Bauern  – das Papier an Europaminister Eric Beißwenger (CSU) auszuhändigen. Dabei sind die Bauern bis zuletzt fest davon ausgegangen, dass sich Beißwenger ihnen zumindest zeigt.

Schließlich ist Bayern das Milchland Nummer eins unter den Bundesländern. Mit knapp 22 000 Milch-Bauernhöfe stehen fast die Hälfte der Milchviehbetriebe Deutschlands im Freistaat, sie halten zusammen ungefähr eine Million Milchkühe und produzieren etwa 7,5 Millionen Tonnen Milch im Jahr. Freilich ist auch in Bayern die Zahl der Milchbauern rückläufig, im Jahr geben zwischen vier und fünf Prozent der Milchbauern die Milchviehhaltung auf. Die anderen Betriebe werden immer größer, auch wenn die bayerischen Milchbauernhöfe nach wie vor im Schnitt deutlich kleiner sind als die Betriebe vor allem in den nord- und den ostdeutschen Bundesländern.

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