SZ 18.02.2026
16:16 Uhr

(+) Medaille im Langlauf-Teamsprint: Bronze nach einer üblen Nacht


Coletta Rydzek und Laura Gimmler gehen geschwächt an den Start. Umso erstaunlicher, wie sie dem deutschen Langlaufteam ein paar Hundertstel vor Norwegen die erste Medaille der Spiele sichern. In der Qualifikation stiehlt ein Hund den Läuferinnen die Show.

(+) Medaille im Langlauf-Teamsprint: Bronze nach einer üblen Nacht

Als die Langläuferin Coletta Rydzek am letzten Hügel auftauchte, kurz vor dem Zielsprint, da wusste ihre Teamkollegin Laura Gimmler, dass es wirklich Bronze werden kann. Rydzek war im Teamsprint an die Norwegerin Julie Bjervig Drivenes herangelaufen, sie schwenkte aus, mit breitem Skatingschritt forderte die Deutsche die Norwegerin heraus. Zentimeter um Zentimeter machte sie gut, es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das spannender nicht hätte sein können. Und dann dachte sich Rydzek, wie sie später erzählte: „Diese Medaille lasse ich mir nicht nehmen. Ich kann sehr viel drücken bei Kniebeugen, wollte ins Ziel, da kam der Killerinstinkt raus.“

Am Ende schob Rydzek ihre Ski 14 Hundertstel Sekunden vor Bjervig Drivenes über die Linie. Es war die erste Olympiamedaille für das Duo, außerdem die erste Medaille bei diesen Winterspielen für das deutsche Langlaufteam. In den drei nordischen Disziplinen war bislang nur Skispringer und Olympiasieger Philipp Raimund auf dem Treppchen gestanden. Gimmler sagte später: „Ich konnte kaum hinschauen, aber Coletta kann man auf der Zielgeraden voll vertrauen.“ Und dann berichteten beide von einer dramatischen Nacht und einem ebenso unangenehmen Morgen vor dem so glücklich beendeten Wettkampf. „Wir standen so brutal unter Druck. Wir haben beide nicht geschlafen, Coletta hat sich ein paar Mal übergeben.“ Rydzek ergänzte: „Egal, Bronze!“

Rydzek selbst erzählte, dass sie sich vor dem Rennen in der Umkleidekabine habe übergeben müssen, „sorry dafür“, sagte sie in Richtung Gimmler: „Mein Magen hat heute nicht mitgespielt, ich kenne das, aber so schlimm hatte ich es noch nie. Die Nervosität war einfach sehr, sehr hoch.“ Auch Gimmler berichtete von Magenschmerzen während der Nacht. Die Nervosität der beiden Langläuferinnen war im Wissen darum, dass es ihr Rennen werden könnte, immer weiter gewachsen – so weit, bis ihr Körper einfach ein Ventil suchte. Umso erstaunlicher ist es, dass Gimmler und Rydzek zu einer solchen Leistung überhaupt noch fähig waren.

„Man hat heute gesehen, was Langlauf bieten kann, an Emotionen an Spannung, aber auch an Druck“, sagte Bundestrainer Peter Schlickenrieder. „Coletta war bei diesem langen Anstieg jedes Mal jenseits von Gut und Böse, ich dachte nur: Hoffentlich fällt sie jetzt nicht um, denn dann bleibt sie liegen. Das zeigt das Kämpferblut, das die beiden in sich haben.“

2022 in Peking hatten Katharina Hennig Dotzler und Victoria Carl gar Gold im Teamsprint gewonnen, es war eine der größten Überraschungen bei den damaligen Winterspielen. Über diese Leistung von Carl legte sich allerdings im Frühjahr 2025 ein dunkler Schatten. Nach einem positiven Dopingtest wurde sie für die laufenden Winterspiele gesperrt; das endgültige Strafmaß steht weiterhin aus.

Rydzek und Gimmler stiegen so zum neuen Teamsprint-Duo auf. Und sie haben den Knoten im deutschen Langlaufteam nun doch noch platzen lassen, mit diesem dritten Platz, den sie sich nicht erst auf der Loipe erkämpfen mussten. Im Wissen darum, dass diese Chance wohl die letzte war, auf dem Podest zu landen. Denn in die beiden 50-Kilometer-Läufe am Wochenende starten die DSV-Athleten mit eher geringen Hoffnungen.

Im Ziel fielen sich Rydzek und Gimmler schreiend in die Arme, sie herzten die Olympiasiegerinnen Jonna Sundling und Maja Dahlqvist aus Schweden und die zweitplatzierten Schweizerinnen Nadja Kälin und Nadine Fähndrich. Rydzeks Bruder Johannes, der am Donnerstag zusammen mit Vinzenz Geiger die deutschen Kombinierer im letzten Olympiawettkampf ebenfalls zur ersehnten Medaille führen will, umarmte sie fest. „Ich weiß, wie schnell sie auf der Zielgeraden ist. Es sind einige Tränen geflossen. Diese Emotionen sind für die Ewigkeit“, sagte der Gold-Gewinner von Pyeongchang: „Solche Geschichten schreibt nur Olympia.“

Die Geschichte hatte aber noch eine weitere Pointe. Denn in der Qualifikation, die Rydzek, Gimmler und die anderen kurz vor dem Finallauf überstehen mussten, lief plötzlich ein Hund über die Loipe und verfolgte die Griechin Konstantina Charalampidou und die Kroatin Tena Hadzic bis hinter die Ziellinie. Die Szene endete glimpflich, Rydzek und Gimmler waren zudem weit weg vom Hund.

Es wäre für sie wohl auch zu viel gewesen: völlig übernächtigt, mit Bauchschmerzen und leerem Magen kurz vor dem Ziel bei den Winterspielen auch noch von einem Hund gebissen zu werden.

Der Nordische Kombinierer Johannes Rydzek und seine Schwester, Langläuferin Coletta, im Gespräch über Deutschlands aktuell erfolgreichsten Wintersport-Familienbetrieb.

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