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22.02.2026
14:13 Uhr
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Eindrücklich beschreibt die US-Investigativjournalistin Mariah Blake den Kampf einer Kleinstadt gegen krebserregende PFAS-Chemikalien. Und sie zeigt: Nur mit Hartnäckigkeit lässt sich gegen Chemieriesen etwas erreichen.

Ein PFAS-Test in einem niederländischen Labor. (Foto: Cory Morse/AP)
Der Titel klingt etwas dramatisch, könnte man meinen, bevor man Mariah Blakes neues Buch gelesen hat: „Die Vergiftung der Welt“. Man fällt ja nicht tot um nach dem Kontakt mit PFAS-Chemikalien, und schädlich ist von Zucker über Asbest bis zu wenig Bewegung vieles. Nach der Lektüre ist man dagegen eher, man muss es so sagen, geschockt. Geschockt angesichts der Dreistigkeit, mit welcher große Chemiekonzerne ihre Produkte über Jahrzehnte wider besseres Wissen vermarktet haben und weiter vermarkten. Selbst mit gründlichem Vorwissen zur PFAS-Problematik erstaunt es, wie viel Macht die US-Chemielobby tatsächlich hat und wie die dortigen Behörden jahrzehntelang darin versagten, die Bürgerinnen und Bürger vor den durch PFAS verursachten Krankheiten zu schützen.
In ihrem Buch schafft es die US-Investigativjournalistin Blake, historische Entwicklungen, wissenschaftliche Fakten und die Einzelschicksale von Menschen miteinander zu verweben. Auf 273 Seiten gelingt ihr die Kombination aus tiefer Recherche und Emotion, die das Thema braucht. Die Alleskönner PFAS machen Material wasserdicht und fettabweisend, in Regenjacken kommen sie genauso zum Einsatz wie in Pizzakartons, Pfannen und medizinischen Geräten. Das Problem ist nicht so sehr die Nutzung etwa der Pfannen, sondern dass die Chemikalien bei der Herstellung und Entsorgung ins Grundwasser und in die Luft gelangen. Die sogenannten Ewigkeitschemikalien wurden schon in allen Ecken der Welt nachgewiesen, in Robben in Grönland ebenso wie in Hausstaub in China; in der Umwelt bauen sie sich nicht ab.
In den USA, Fokus von Blakes Buch, strömten die Chemikalien über Jahre noch ungehinderter in die Umwelt als in Europa. Aber auch hierzulande wurden die Stoffe vielfach nachgewiesen, wie Recherchen von SZ, NDR und WDR zeigen, allein in Deutschland in mehreren Tausend Orten.
Die Sanierung von PFAS-verseuchten Böden und Gewässern könnte allein in Deutschland mindestens 800 Millionen Euro pro Jahr kosten, in ganz Europa ein Vielfaches. Die Kosten überfordern die Landkreise - in Düsseldorf haben sie trotzdem schonmal angefangen.
Für ihr Buch hat Blake ihre Hauptprotagonisten über acht Jahre hinweg begleitet. Sie wohnen in Hoosick Falls, einem 7000-Einwohner-Ort im Bundesstaat New York. Michael Hickey, ein Versicherungskaufmann, der so gar nicht in die Rolle des Aktivisten passen will, erkennt nach dem Tod seines Vaters einen Zusammenhang zwischen dessen Krebserkrankung, zahlreichen anderen Krankheiten im Ort und dem Trinken von PFAS-belastetem Wasser. Zuvor hatte sich in Hoosick Falls ein Unternehmen niedergelassen, das Teflon produziert, schon bald folgten weitere. Jahrelang kämpft Hickey für sauberes Trinkwasser, organisiert Informationsveranstaltungen, initiiert eine Sammelklage. Nach und nach hat er Erfolg in der Sache, erlebt aber durch sein Engagement große Nachteile für sein Privatleben.
Auch Emily Marpe kämpft für PFAS-freies Trinkwasser in Hoosick Falls. Ihre Tochter hat fünf Monate nach der Geburt einen Blutwert von 75 000 Nanogramm PFOA pro Liter, ein Stoff aus der PFAS-Gruppe – ein Wert fast 40 Mal so hoch wie der US-Durchschnitt. Auch die Geschichten zahlreicher andere Menschen schneidet Blake im Laufe der Geschichte an. Zwischenzeitlich fällt es bei all den Menschen und ihren Schicksalen fast schwer zu folgen – eins der wenigen Mankos des Buches.
Parallel beschreibt Blake den landes- und weltweiten Siegeszug der Ewigkeitschemikalien. Sie werden zu Pestiziden verarbeitet und zu Duschvorhängen, zu Hula-Hoop-Reifen und Einkaufstüten. Fluorkohlenstoffverbindungen nutzten die Amerikaner für die Entwicklung der Atombombe, später kamen PFAS in Covid-Schutzanzügen zur Anwendung. Gleichzeitig gab es schon in den 1950er-Jahren Studien, die einen Zusammenhang zwischen synthetischen Chemikalien und der Entstehung von Krebs herstellten.
Nicht selten führten diese Studien die Chemieriesen selbst durch. Die Ergebnisse behielten Firmen wie 3M und DuPont allerdings oftmals für sich, um dem eigenen Geschäft nicht zu schaden. Das arbeitet Blake heraus, indem sie nach eigenen Angaben mehr als 600 Interviews mit Wissenschaftlern, Anwälten und Whistleblowern führte und Material in Archiven, Gerichtsunterlagen und Dokumenten der US-Regierung sammelte.
In ihrem Buch entscheidet sich Blake für ein positives Ende. Hersteller wie DuPont, Chemours und 3M seien mittlerweile mit etwa 15 000 Klagen überzogen, müssten Dutzende Millionen Dollar zahlen. Die angestoßenen Veränderungen zeigten, wie viel Einzelpersonen erreichen können, schreibt sie. Als Positivbeispiel nennt Blake auch den Vorstoß von fünf EU-Staaten, die 2023 über 10 000 PFAS weitgehend verbieten wollten. Nur – eine derart weitreichende Beschränkung erscheint inzwischen fraglich. Bisher sind allein bei der zuständigen Chemikalienagentur der EU mehrere Tausend Lobbyschreiben dagegen eingegangen.
Der Einsatz der potenziell krebserregenden Chemikalien soll in Europa eingeschränkt werden. Aber große Firmen kämpfen mit Halb- und Unwahrheiten dafür, sie weiter zu benutzen - offenbar mit Erfolg, wie eine internationale Recherche zeigt.
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