SZ 15.02.2026
14:15 Uhr

(+) M. Rainer Lepsius über den Nationalsozialismus: Deutschlands Entschleimer


Wie schaffte es Adolf Hitler, die NS-Diktatur zu etablieren? Der Soziologe M. Rainer Lepsius hat 1983 in einer Vorlesung Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft auf den Hitlerismus angewandt. Noch heute eine faszinierende Lektüre.

(+) M. Rainer Lepsius über den Nationalsozialismus: Deutschlands Entschleimer
Mario Rainer Lepsius beschäftigte sich seine ganze Forscherlaufbahn mit dem NS-Staat, Foto von etwa 2008. (Foto: David Ausserhofer)

Er verstand sich als Mitarbeiter einer „Aufklärungsfirma mit einer Mission“. Und diese Mission bestand darin, die „deutsche kognitive Selbstverschleimung, die im Nationalsozialismus seinen Höhepunkt erreicht“ habe, zu analysieren und sich von ihr zu befreien. So hat es der Soziologe M. Rainer Lepsius (1928–2014) im Rückblick einmal selbst formuliert. Und er wollte unbedingt mit soziologischen Mitteln ergründen, wie es zum NS-Staat habe kommen können; historiografische Methoden dienten ihm eher als Hilfsmittel. Mit der bahnbrechenden Studie „Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendbarkeit auf den ‚Führerstaat‘ Adolf Hitlers“ (1986 beziehungsweise 1993 im Sammelband „Demokratie in Deutschland“ veröffentlicht) überraschte er die Historiker mit der Anwendung des Charisma-Theorems von Max Weber auf die Naziherrschaft und eröffnete ganz neue Blickwinkel auf die Zeit zwischen 1918 und 1934. Die dieser Studie auch zugrunde liegende Vorlesung „Soziologie des Nationalsozialismus“ aus dem Jahr 1983 an der Uni Heidelberg liegt nun erstmals aus dem Nachlass vor. Die Lektüre lohnt sich aus drei Gründen.

Zum einen muss man sich natürlich die Zeit vor mehr als 40 Jahren ins Bewusstsein rufen; damals zog der „Historikerstreit“ herauf und beim Thema NS ging es meistens um die Debatten zwischen „Strukturalisten“ und „Intentionalisten“. Kanzler Kohl träumte von der geistig-moralischen Wende, Richard von Weizsäckers Befreiungsrede war noch nicht gehalten. Und viele Deutsche waren nach wie vor der Meinung, Hitler und seine Bande wären wie Dämonen über sie gekommen. Genau gegen diese weinerliche Opferhaltung und Selbstexkulpierung sprach Lepsius in seiner Vorlesung energisch an.

Der Duktus der Vorlesung mit seinen Wiederholungen und gelegentlich sanfter Ironie („Wir wollen den Anspruch, Soziologie zu betreiben, nicht aufgeben, auch wenn wir über ein Individuum sprechen“) ist zweitens von solch argumentativer Schärfe und Klarheit, die auch Nichtsoziologen trotz zahlreicher Fachbegriffe nicht überfordern sollte. In gewisser Weise fast ein Lesevergnügen.

Und nicht zuletzt ist die Anwendung des Begriffs der charismatischen Herrschaft auf Hitler zwar heute nichts Neues mehr, doch die Herleitung und der Aufbau der Vorlesung zeigen die Brillanz eines Hochschullehrers, dem es ein Anliegen war, dass die Studenten seinen Gedankengängen auch folgen konnten. Die Lektüre hält noch immer einige Aha-Effekte bereit, auch wenn die (historische) Forschung an vielen Stellen heute andere Schwerpunkte setzt, etwa wird die Weimarer Republik nun nicht mehr ganz so negativ beurteilt, wie es noch bei Lepsius der Fall war. Doch besonders bei der Antwort auf die Frage, warum sich eine hoch organisierte und differenzierte Industriegesellschaft einem solchen Typ von politischer Ordnung fügte, zeigt sich die ganze Meisterschaft von Lepsius - denn sie führt die wesentliche Verantwortung der Eliten der damaligen Zeit ganz klar vor Augen. Ein exorbitanter Beitrag zu Deutschlands Entschleimung.

Denn die charismatische Herrschaft beruht nicht allein auf persönlicher Ausstrahlung und Führungslegitimation einer einzelnen Person, so die Quintessenz der Vorlesung, denn: „Wer die Entinstitutionalisierung des politischen und rechtlichen Systems akzeptierte, wurde Teil dieses autoritären Gefüges – selbst dann, wenn er nicht (mehr) an das Charisma Hitlers glaubte.“

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