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23.11.2025
18:40 Uhr
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Zwischen Weihnachtsmarkt und Strandleben fragen sich viele Menschen in Libanon, ob der israelische Angriff vom Sonntag der Beginn einer neuen Großoffensive ist.

Sicherheitskräfte versammeln sich an dem Ort im Süden der libanesischen Hauptstadt, wo am Sonntagnachmittag israelische Raketen einschlugen. (Foto: Mohammed Yassin/REUTERS)
Die Raketen kamen am späten Nachmittag und trafen mehrere Etagen eines Hochhauses in einem der südlichen Vororte von Beirut, dort, wo die Hisbollah viele Sympathisanten und Mitglieder hat. Sechs Raketen sollen das Haus getroffen haben, fünf Menschen kamen ums Leben, darunter nach Angaben israelischer Medien auch der Generalstabschef der Miliz, Abu Ali al-Tabatabai – wofür es bis zum Abend allerdings keine offizielle Bestätigung gab. Es ist der erste Angriff Israels auf die libanesische Hauptstadt Beirut seit einem halben Jahr. Ein paar Straßen weiter wurden dennoch weiter Hochzeiten gefeiert, an den nahen Stränden genossen viele Libanesen weiter einen letzten warmen Herbsttag. Wenig später gab es über dem Himmel von Beirut ein Feuerwerk zum Wochenende des Unabhängigkeitstages. Selbst die Eröffnung eines Weihnachtsmarktes wurde gefeiert.
Aber natürlich fragt sich das Land, ob der Angriff der Beginn einer befürchteten israelischen Großoffensive ist. Oder eine letzte Warnung?
Das Büro von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, die Armee seines Landes habe „im Herzen von Beirut einen Schlag gegen den Stabschef der Hisbollah geführt, der für den Aufbau und die Bewaffnung der Organisation verantwortlich war“. Die Eskalation im Konflikt mit der Hisbollah war offenbar nicht vorab mit den USA abgestimmt, berichten libanesische Medien, es gab auch keine Vorwarnung an die Bevölkerung. Netanjahu erklärte, Israel agiere unabhängig. Man sei „entschlossen, überall und jederzeit zu handeln, um seine Ziele zu erreichen“.
Eigentlich jährt sich in diesen Tagen der Waffenstillstand, der im November zwischen Israel und der von Iran unterstützten Hisbollah vereinbart wurde, aber die Waffen schweigen schon lange nicht mehr. Seit Monaten greift Israel fast täglich den Süden und die Bekaa-Ebene in Libanon an: Mitte der Woche kamen dreizehn Menschen bei einem israelischen Angriff auf ein Palästinenserlager ums Leben – mehr als 300 Tote soll es nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums seit dem Inkrafttreten des Abkommens gegeben haben. Angriffe der Hisbollah auf israelisches Territorium gab es umgekehrt keine.
Angefangen hatte der Krieg nach dem Terror der Hamas am 7. Oktober 2023, die Hisbollah hatte aus „Solidarität“ mit den Palästinensern begonnen, Tausende Raketen auf Israel abzufeuern. Mehr als ein Jahr beschossen sich beide Seiten gegenseitig, im Herbst 2024 ging Israel in die Offensive: Im September wurden 37 Menschen getötet, als massenhaft durch den israelischen Geheimdienst präparierte Pager und Walkie-Talkies explodierten, welche die Hisbollah zuvor an Mitglieder und Mitarbeiter verteilt hatte. Mindestens 3000 Menschen wurden dabei verletzt. Kurz darauf tötete die israelische Luftwaffe den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, nicht weit vom Ort des Angriffs am Sonntag.
Nach dem Tod von Nasrallah und dem von etwa 4000 Kämpfern ließ sich die Hisbollah auf einen Waffenstillstand ein, der ihre Entwaffnung vorsieht sowie den Rückzug Israels aus fünf besetzten Punkten auf libanesischem Territorium. Bis zum Sommer dieses Jahres zeigten sich Israel und die USA immer wieder zufrieden mit den Fortschritten bei der Entwaffnung – die auch von der libanesischen Regierung gefordert wird. Im August machte der US-Vermittler Tom Barrack den Vorschlag, dass auf jeden Schritt der Hisbollah auch ein teilweiser Rückzug Israels erfolgen sollte. Was die Regierung Netanjahu ablehnte.
Seitdem hat der Prozess an Momentum verloren. Die israelische Armee wirft der Hisbollah vor, mit Unterstützung Irans wieder heimlich aufzurüsten, militärisch wie finanziell. Die Miliz wiederum will sich nur im Süden des Landes entwaffnen lassen, weitere Schritte könnten höchstens nach dem Abzug der Israelis diskutiert werden.
Der libanesische Präsident Joseph Aoun trat sein Amt im Januar mit dem Ziel an, das Gewaltmonopol des Staates wiederherzustellen. Er appellierte in den vergangenen Wochen an die USA und die EU, Druck auf Israel auszuüben, die Angriffe auf den Süden Libanons zu beenden. Die, so argumentieren viele libanesische Politiker, würden die Hisbollah letztlich nur stärken, ihr Argumente geben, dass nur sie das Land verteidigen könne. Letztlich sind die Waffen aber der Grund für die ständigen israelischen Angriffe. Wie groß das Arsenal der Hisbollah noch ist, kann niemand außerhalb der Organisation beziffern. Eine akute Gefahr für Israel ist sie derzeit aber aller Wahrscheinlichkeit nicht.
Präsident Aoun forderte immer wieder eine Einhaltung der Waffenpause und Finanzhilfen für den zerstörten Süden des Landes, wo viele Hisbollah-Anhänger leben, um der Miliz die Aufgabe „in Würde“ zu erlauben. Garantien dafür gibt es aber auch keine, die letzte Entscheidung hat wohl der Geldgeber in Teheran. Das Regime der Mullahs betrachtet die Hisbollah als eine Art Verhandlungsmasse, sollte es zu Verhandlungen über das Atomprogramm kommen.
Israel wirft Libanon vor, trotz dieser komplizierten Gesamtlage mehr tun zu können, um den Druck auf die Hisbollah zu erhöhen. Die Armee weigert sich bislang, auch Privatgebäude nach Waffen zu durchsuchen, Armeechef Rodolphe Haykal bezeichnete die israelische Armee kürzlich erneut als „Feind“. Was vor allem die USA empörte, die dann einen geplanten Besuch von Haykal absagten.
Die Hisbollah selbst soll gespalten sein in eine Fraktion, die sich auch eine Zukunft als rein politische Bewegung vorstellen kann, und einen militärischen Flügel, der die Waffen nie abgeben will. Israel behauptet, der nun ins Visier genommene Abu Ali al-Tabatabai habe zu den Hardlinern gehört. Ob der Angriff auf ihn ein Schritt zum Frieden ist, wird sich zeigen.
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