SZ 22.02.2026
15:42 Uhr

(+) Letztes Langlaufrennen bei Olympia: Wenn der Ferrari in der Boxengasse zu McLaren fährt


Bei der Premiere der 50-Kilometer-Distanz der Frauen kommt es zu einem denkwürdigen Malheur: Die Langläuferin Darja Neprjajewa schnappt sich die Ersatzski von Katharina Hennig Dotzler – und deren Wachstruck ist im Grunde nicht mehr einsatzbereit.

(+) Letztes Langlaufrennen bei Olympia: Wenn der Ferrari in der Boxengasse zu McLaren fährt

Die 50 Kilometer der Langläuferinnen waren nicht nur der letzte Wettkampf im Val di Fiemme, sie waren auch das letzte olympische Rennen von Katharina Hennig Dotzler. Die 29-jährige Teamsprint-Olympiasiegerin von 2022 hatte schon vor den Winterspielen angekündigt, in vier Jahren nicht mehr anzutreten. Auf die Olympiapremiere der Frauen auf dieser Königsstrecke hatte Hennig Dotzler allerdings wenig Lust: „Ich bin definitiv dagegen, dass die Frauen 50 Kilometer laufen, das ist Gleichmacherei und nicht Gleichberechtigung. Die Biologie der Frau ist eine andere, das ist einfach so, da fühle ich mich auch nicht diskriminiert.“

Es hatte viele Debatten gegeben, ob diese olympische Premiere des 50-Kilometer-Laufs für Frauen wirklich sein muss. Bundestrainer Peter Schlickenrieder sagte am Samstag gar: „Ich glaube, bei diesen Langdistanzen ist diese Gender Equality einfach ein Krampf. Von den Athletinnen kam es ganz sicher nicht, das hat sich wieder einer dieser Schlaumeier einfallen lassen.“ Ihr Argument: Das Rennen bringe die Athletinnen nicht nur körperlich an die Grenzen und darüber hinaus, es sei oft auch nach 30 Kilometern entschieden, was für Fans und Läuferinnen wenig spannend sei.

Es wurde dann ein Wettkampf, den Hennig Dotzler nie mehr vergessen wird. Aber nicht, weil er zu anstrengend gewesen wäre. Sondern, weil die unter neutraler Flagge startende Russin Darja Neprjajewa auf der Strecke nach knapp der Hälfte des Rennens einfach Hennig Dotzlers Ski genommen hatte. Auf den 50 Kilometern ist es üblich, dass Ersatzski in der Wechselzone bereitstehen, falls es nicht gut flutscht auf der Loipe oder die Bedingungen sich ändern. Neprjajewa aber verwechselte die Box – und fuhr mit Hennig Dotzlers Ersatzski weiter.

„Das war, wie wenn in der Formel 1 der Ferrari in der Boxengasse zu McLaren fährt“, sagte Schlickenrieder im ZDF.

„Freude, Stolz, eine kleine Prise Ernüchterung“: So bewertet der DOSB die deutsche Olympia-Bilanz. Der erkennbare Abschwung wird nicht klar als solcher benannt – manche Probleme gären seit Jahren.

Für die Techniker des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn auch Hennig Dotzler wollte eine Runde später zum Skiwechsel, aber die Box war ja leer. Schnell mussten neue Ski aus dem rund 300 Meter entfernten Wachstruck her, aber die waren noch gar nicht gewachst. „Zu diesem Zeitpunkt war das Technikerteam bereits in der Mittagspause, der Wachstruck war im Prinzip heruntergefahren. Wir mussten also alles wieder hochfahren, einen halben Truck neu aufbauen“, sagte DSV-Cheftechniker Lukas Ernst: „Jedes Bügeleisen, jede Wanne, jede Rotorbürste war bereits eingepackt. Das war schon eine echte Herausforderung.“

Der Wettlauf gelang, knapp zehn Sekunden, bevor Dotzler in die Wechselzone kam, lagen dort die neuen Ski, sie stieg in die Bindung. Doch dann passierte das nächste Malheur: „Ich bin aus der Box raus und hab direkt danach ein Stück Frischhaltefolie mitgenommen.“ Die Folie lag auf der Strecke, dann klebte sie plötzlich an ihren Ski. Hennig Dotzler musste nochmal anhalten und sie entfernen.

Neprjajewa lief derweil einfach weiter mit Hennig Dotzlers Ski, obwohl sie hätte disqualifiziert werden müssen. Einen Kilometer nach dem Wechsel, schilderte sie später, „habe ich gemerkt, dass ich die falschen Ski habe. Ich wusste nicht, was ich machen soll, die Trainer sagten mir, ich solle weiterlaufen. Es ist mir sehr peinlich.“

Hennig Dotzler kam sieben Sekunden vor Neprjajewa als Neunte ins Ziel. „Das hier gehört mit zu meinen verrücktesten Rennen“, sagte Hennig Dotzler, „ich habe erst im Ziel erfahren, was passiert ist.“

Olympiasiegerin wurde übrigens die Schwedin Ebba Anderson. War da nicht was? Vor acht Tagen war sie die untröstliche Figur in der Staffel gewesen, als sie auf einer Abfahrt einen Salto schlug, ihren Ski verlor – und eine Minute lang eben der Loipe entlang spurtete, bevor sie neues Material bekam. Die Schwedinnen verloren Gold.

Die schönste Szene am Sonntag: Neprjajewa berichtete Hennig Dotzler von der Panne und entschuldigte sich. Die beiden umarmten sich, später wurde Neprjajewa regelkonform disqualifiziert. „Ich werde daraus lernen“, sagte sie noch. Es waren ja ihre ersten Winterspiele.

Die Schwedin Frida Karlsson kann am Sonntag ihre dritte Goldmedaille gewinnen. Ehe sie zur besten Langläuferin dieser Spiele wurde, überstand sie ein mentales Tief, einen Autounfall – und ein Martyrium als Stalkingopfer.

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