SZ 05.02.2026
13:28 Uhr

(+) Leon Draisaitl bei Olympia: Der Fahnenträger, der verteidigt werden muss


Ein NHL-Profi als Fahnenträger? DOSB-Präsident Thomas Weikert erklärt, weshalb das Votum für Eishockeyspieler Leon Draisaitl gerechtfertigt ist. Die Wahl von Skispringerin Katharina Schmid ist dagegen unstrittig.

(+) Leon Draisaitl bei Olympia: Der Fahnenträger, der verteidigt werden muss

Allzu verständlich waren die ersten Eindrücke, die Katharina Schmid am Donnerstag aus Predazzo übermittelte. „Ein bisschen kuschelig“ seien die Zimmer im olympischen Dorf, in dem die Skispringerinnen im Val di Fiemme (Fleimstal) untergebracht sind. „Das Essen ist gut“, sagte Schmid, aber dennoch: „Ich habe noch nicht ganz den Überblick.“ Es ist aber auch schwierig, mit all den Wettkampfstätten, den virtuellen Pressekonferenzen und dem latenten Chaos, das zwischen Baustellen, Schneeräumung und Sport vor den Olympischen Spielen derzeit noch in Norditalien herrscht. Bleibt nur die Hoffnung, dass am Freitagabend nicht nur bei den Eröffnungs-Zeremonien in Mailand, Livigno und Cortina (20 Uhr, ARD) eine deutsche Flagge vorhanden ist, sondern auch in Predazzo. Dort soll Schmid sie tragen.

Die zwei vordersten Repräsentanten der deutschen Athleten bei den Olympischen Spielen wurden in diesem Jahr per Wahlverfahren ermittelt: Sowohl das Publikum als auch die deutsche Mannschaft konnten wählen, ihre Stimmen wurden jeweils zu 50 Prozent gewichtet. Laut dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) herrschte Einigkeit: Schmid gewann bei den Frauen bei beiden Gruppen – und bei den Männern fiel die Wahl auf Leon Draisaitl, Deutschlands erfolgreichsten Eishockeyspieler. Der allerdings ebenfalls noch mit dem Überblick zu kämpfen hat.

Draisaitl weilte bislang nicht in Italien. Die Nachricht, dass er die Wahl zum Fahnenträger gewonnen hat, bekam er per Anruf überliefert, da er noch für die Edmonton Oilers übers Eis lief. Für seinen Heimatverein in der NHL war der 30-Jährige am Mittwochabend im Einsatz, beim 3:4 gegen Calgary erzielte er zwei Tore. Nun tritt er die Reise nach Mailand etwas verfrüht an: Am Freitagmorgen wird Draisaitl in der Lombardei erwartet, die übrigen deutschen NHL-Spieler reisen am Samstag an.

„Ich freue mich schon seit Monaten wie ein kleines Kind darauf“, teilte Draisaitl bei Instagram mit. Wie für die Mehrheit der weltweit besten Eishockeyspieler sind es auch für den Kölner die ersten Olympischen Spiele, an denen er teilnimmt. Dass er gleich die Fahne bei der Feier im San Siro tragen darf, betrachtete er als große Ehre: „Das ist ein Höhepunkt meiner Karriere.“ Die umfasst bereits eine ganze Reihe beeindruckender Auszeichnungen, Draisaitl wurde zum wertvollsten (MVP) und besten Spieler der NHL (Ted Lindsay Award) ernannt, sowie zum besten Scorer und besten Torschützen der Liga. Aber Olympionike war er eben noch nie.

Frei von Debatten blieb die Wahl auch deshalb nicht. Die Frage, ob ein erstmaliger Teilnehmer der richtige Kandidat für die prestigeträchtige Aufgabe als Fahnenträger sei, dürfe man stellen, sagte Thomas Weikert, Präsident des DOSB, bei einer Pressekonferenz am Donnerstag: „Natürlich gibt es dazu unterschiedliche Auffassungen.“ Neu ist es jedenfalls nicht, dass ein Eishockeyspieler mit der Rolle betraut wird: 2018 in Pyeongchang war Christian Ehrhoff Fahnenträger bei der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele. Weikert verteidigte die Wahl dementsprechend: Fahnenträger zu sein, sei „eine besondere Auszeichnung“, allerdings gelte das auch andersherum: „Es ist auch eine Auszeichnung, wenn man in Nordamerika ein Superstar ist, auf den die halbe Welt guckt. Dann ist es auch eine Auszeichnung, wenn so ein Superstar bei uns die Fahne trägt.“

Frei von Debatten ist hingegen die Wahl von Schmid, der zweimaligen Silbermedaillengewinnerin, die zum Erfolg des deutschen olympischen Sports als Pionierin des Frauen-Skispringens viel beigetragen hat. Schon in Sotschi 2014, als überhaupt zum ersten Mal nicht nur ein Männerwettbewerb ausgetragen wurde, war Schmid dabei. Ihre zwei Silbermedaillen gewann sie 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking, wo sie zudem im Teamspringen auf dem Weg zur Goldmedaille wegen eines zu großen Anzugs disqualifiziert worden war. In Predazzo wird die 29-Jährige zum vierten und letzten Mal an den Spielen teilnehmen, nach der Saison beendet sie ihre Karriere. Nach ihren Springen wolle sie „noch zu möglichst vielen anderen Wettkampfstätten reisen“, kündigte Schmid an. Um sich spätestens bis zur Schlussfeier einen Überblick zu verschaffen.

Katharina Schmid bereitete dem Skispringen der Frauen den Weg, gewann sieben Weltmeistertitel, erlebte viele Premieren des Sports. Am Saisonende tritt sie zurück – und könnte ausgerechnet die erste Vierschanzentournee der Frauen verpassen.

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