SZ 15.02.2026
17:11 Uhr

(+) Lena Dürr bei Olympia: Der verflixte zweite Durchgang


Wie vor vier Jahren: Lena Dürr liegt bei Olympia bis kurz vor der Zieldurchfahrt auf Medaillenkurs – wieder klappt es nicht. Die Italienerin Federica Brignone gewinnt den Riesenslalom.

(+) Lena Dürr bei Olympia: Der verflixte zweite Durchgang
Lena Dürr weiß sofort nach der Zieleinfahrt, dass sie im letzten Moment eine Medaille verpasst hat. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Azurblauer Himmel spannte sich über die Gipfel der Dolomiten bei Cortina d’Ampezzo, den Monte Cristallo, Punta Sorapiss, Lagazuoi, die Tofanen. Die Februarsonne ließ die Piste glitzern, Schnee knirschte unter den Füßen. Es war über Nacht frostiger geworden, und wenn sich Lena Dürr einen Skitag hätte aussuchen dürfen, dann einen Prachttag wie diesen. Sie schwang ab und strahlte: „Eine Genussfahrt“, sagte Dürr. „Das war herrlich, hat Spaß gemacht.“

Sie war rechtzeitig zum olympischen Riesenslalom in dem italienischen Bergstädtchen angekommen. Die Winterspiele fingen für die 34-Jährige aus Germering bei München mit zehn Tagen Verspätung an. Am Sonntag schwang sie sich im ersten Durchgang mit Startnummer 16 unweit der Pomedes-Hütte in den Hang und zog rhythmisch, beschwingt und mit beachtlichem Speed um die weit gesteckten Tore. Im Ziel warf sie einen Blick auf die Anzeigetafel: zweitbeste Zeit. Nur Federica Brignone aus Mailand, ein Jahr älter, Riesenslalom-Weltmeisterin und schon am Donnerstag zur Olympiasiegerin im Super-G gekürt, war 0,34 Sekunden schneller. Hinter ihr lagen Konkurrentinnen wie Mikaela Shiffrin, Sofia Goggia, Lara Colturi, auch Emma Aicher, in ihrer schwächsten Disziplin zwischenzeitlich auf Rang 17.

Lucas Pinheiro Braathen war nach seiner Lossagung vom norwegischen Verband zum Erfolg verdammt, um nicht als Kunstfigur zu gelten. Mit Gold im Riesenslalom erlöst sich der schillernde 25-Jährige selbst.

Aber was heißt das schon zur Halbzeit eines Rennens? Der schwerste Part, der zweite Lauf kommt erst noch, und er kann das Wohlgefühl zerstören wie ein Schneebrett, das sich plötzlich löst und donnernd über eine plane, bestens präparierte Piste walzt. Lena Dürr kannte das Gefühl. Schon vor vier Jahren bei den Winterspielen 2022 war sie fast Olympiasiegerin gewesen – in Führung liegend, bis zur letzten Slalom-Zwischenzeit. Danach hatte sie im Schnee gekauert und sich die Tränen aus den Augen gewischt. Dürr war nur Vierte in Yanqing geworden, ihr hatten 19 Hundertstelsekunden zu Gold gefehlt, die ihr auf den letzten Metern in Chinas Kunstschneekristallen abhandengekommen waren, niemand wusste wo.

Der Ablauf hat sich am Sonntag wiederholt, wenn auch nicht auf ganz so dramatische Art. Der zweite Durchgang begann um die Mittagszeit, einige Stellen auf der Olympiapiste Tofana lagen jetzt schon im Schatten. Dürr ließ zwar weiter knapp die US-Rekordsiegerin Shiffrin und die Italienerin Goggia hinter sich. Aber im Zielhang am viertletzten Tor erwischte sie eine Welle falsch, musste nachsteuern, bremste und wurde nur Neunte. Wieder mit 19 Hundertstelsekunden Rückstand, diesmal allerdings auf den geteilten zweiten Platz. Federica Brignone donnerte nach ihr erneut mit Bestzeit durch die nun ein wenig enger gesteckten Tore und eroberte ihr zweites Gold; Sara Hector aus Schweden und Thea Louise Stjernesund aus Norwegen sicherten sich zeitgleich jeweils eine Silbermedaille, Emma Aicher kam auf Platz 19.

„Ich habe fast gestanden, das hat Zeit gekostet, das Tempo war fast weg“, sagte Lena Dürr im Ziel. Anders als vor vier Jahren wirkte sie diesmal allerdings nicht am Boden zerstört. Das Ergebnis sei schmerzlich, „aber allein da heute am Start zu stehen und zu wissen, wie mein schneller Schwung funktioniert, war ein kleiner Sieg für mich“. Ohnehin hat sie keine schlechten Erinnerungen an Peking: Erstaunlicherweise denkt sie heute an einen „richtig coolen Tag“ zurück, an den „sportlich gesehen besten Tag, den ich in meiner Karriere hatte“. Sie sei als Nummer eins in ein olympisches Rennen gegangen. Und sie habe, unabhängig vom Ergebnis, nahezu perfekte Läufe ins Ziel gebracht, sagte sie bei der Ankunft in Cortina.

Dürr war auch deshalb später angereist, weil sie sich zwei Wochen lang auf die olympischen Technikrennen vorbereitet hatte, allein mit DSV-Trainern. Sie suchten sich Hänge, die dem unteren Teil des Geländes der Tofana ähnelten, flach, ohne viel Gefälle, und fanden sie in Berchtesgaden am Götschen und in Garmisch-Partenkirchen. Zum Abschluss, um sich auf Cortinas Höhenlage von 1200 Metern einzustimmen, machten sie noch in den Stubaier Alpen Station. Sie trainierte Slalom, Riesenslalom, korrigierte die Haltung auf dem Ski, hängte Schwung an Schwung und fand so wieder zur Leichtigkeit beim Carven, wie sie sagte, dem von Sportlern geliebten sogenannten Flow.

Dürr gehört seit Jahren zu den Besten in den technischen Skidisziplinen, aber ihr einziger Slalomsieg im Weltcup liegt drei Jahre zurück. Im Herbst, als die olympische Skisaison begann, verbuchte sie gute Ergebnisse bei den Überseerennen, darunter einen zweiten Platz in Copper Mountain. In den Wochen danach kam sie selten über Platz zehn hinaus. Kleine Unstimmigkeiten in den Abläufen, sagte sie, brachten sie aus dem Schwung: „Ich bin auf Schnee schon sensibel.“

Jetzt spürt Dürr wieder die Geschwindigkeit. Und sie weiß, dass sie mithalten kann mit Federica Brignone, der nun zweimaligen Olympiasiegerin von Cortina mit dem Tigerhelm. „La Tigre“, wie die Italiener sagen, ist nach ihrer komplizierten Beinverletzung samt Schien- und Wadenbeinbruch wieder auf dem Sprung.

Lena Dürr hat dafür das Gefühl für das Genussskifahren neu entdeckt. Und ihre Lieblingsdisziplin, der Slalom am Mittwoch, bei dem auch die zweimalige Silbermedaillengewinnerin Emma Aicher antritt, kommt erst noch. Wieder ein Wettbewerb mit zwei Läufen.

Keine Skirennläuferin beherrscht die vier alpinen Disziplinen wie die Deutsche Emma Aicher. Warum? Eine Analyse – mit Trainingsvideos aus ihrer Perspektive und Einschätzungen von Hilde Gerg.

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