SZ 09.01.2026
16:43 Uhr

(+) Landwirtschaft in Bayern: „Die Zukunft vieler bayerischer Höfe ist weiblich“


2026 ist offiziell das „Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft“. Der Bayerische Bauernverband wünscht sich mehr Betriebsleiterinnen und fordert eine Abkehr von veralteten Rollenbildern.

(+) Landwirtschaft in Bayern: „Die Zukunft vieler bayerischer Höfe ist weiblich“
In der Landwirtschaft sind Frauen in verantwortlicher Position noch immer deutlich in der Unterzahl. (Foto: Tom Chance/Imago)

Mehr Beratung, Vernetzung, Coachings, Ausbildung und Repräsentation – das und mehr plant der Bayerische Bauernverband (BBV), um Frauen für die Landwirtschaft zu begeistern. Daneben steht eine ganze Reihe an Forderungen an die Politik. Das gesellschaftliche Ansehen der Bäuerin soll veraltete Rollenbilder überwinden und in einer gleichberechtigten Gegenwart ankommen.

Bislang haben nur neun Prozent aller Bauernhöfe im Freistaat eine Betriebsleiterin an ihrer Spitze. Bundesweit sind es elf Prozent. Damit gehört Deutschland zu den Schlusslichtern innerhalb der Europäischen Union, wo der Gesamtdurchschnitt bei 32 Prozent liegt. In Bayern soll der Anteil über die kommenden zehn Jahre auf 20 Prozent steigen, sich also mehr als verdoppeln.

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

„Ein ambitioniertes, aber absolut realistisches Ziel“, bekräftigt BBV-Präsident Günther Felßner. Diese Veränderung sei dringend notwendig. „Landwirtschaft stärken, heißt Frauen in der Landwirtschaft zu stärken“, sagt er. Denn wegen des hohen Alters vieler Betriebsleiter stehen 43 Prozent aller bayerischen Höfe in den kommenden Jahren vor der Nachfolgefrage.

War bislang traditionell stets der älteste Sohn als Erbe vorgesehen, müsse in Zukunft nicht das Geschlecht, sondern die Qualifikation im Mittelpunkt stehen. Nur so könne der Fortbestand vieler Betriebe gesichert werden. „Die Zukunft vieler bayerischer Höfe ist weiblich“, betont Felßner.

Zumindest das zahlenmäßige Potenzial dafür wäre vorhanden. Bundesweit sind immerhin 35 Prozent aller Beschäftigten in der Landwirtschaft Frauen. Schon jetzt „ist die Rolle der Frauen auf den Höfen ganz zentral“, sagt der BBV-Präsident. Nun gelte es, Hürden auf dem Weg zur Betriebsleitung abzubauen. Um das zu erreichen, brauche es auch einen Wandel bei den gesellschaftlich verankerten Rollenbildern.

„Wir Bäuerinnen spielen schon immer eine große Rolle. Aber wegen der traditionellen Rollenverteilung eben nicht als Betriebsleiterin“, führt Landesbäuerin Christine Singer aus, die auch Politikerin (Freie Wähler) ist und im Europaparlament sitzt. Unter den Landwirten würden Frauen als Chefs nach wie vor häufig nicht ernst genommen. „Das Bild der Bäuerin muss sich ändern, auch in der eigenen Familie“, fordert Singer und berichtet aus ihrem Privatleben. „Wir übergeben in diesem Jahr den Hof mit einem guten Gefühl an unsere Tochter.“

Damit derartige Beispiele Schule machen, möchte der BBV beispielsweise vermehrt auf weibliche Repräsentation und Präsenz setzen. Das fängt an bei Fotos, etwa wenn ein Lehrgang beworben wird. „Dann stellt sich die Frage: Ist da ein Mann oder eine Frau drauf?“, erklärt Felßner beispielhaft, dass man in Zukunft auch auf solch „unterschwellige“ Aspekte achten wolle. „Es braucht mehr weibliche Vorbilder“, ergänzt Christine Singer. Um die in den Vordergrund zu rücken, soll unter anderem eine Kampagne in den sozialen Medien gestartet werden.

Generell möchte der Verband das Selbstvertrauen beim weiblichen Nachwuchs stärken, etwa durch den Ausbau von Beratungsnetzwerken. „Wir merken, dass Frauen immer etwas zögerlich sind“, berichtet Singer und nennt als Beispiel den oft zurückhaltenden Ton bei Verhandlungen in Finanzierungsfragen. Unter anderem dafür soll es künftig mehr Kurse vom Bildungswerk des BBV geben. „Gleichzeitig gründen Frauen anders als Männer und achten auf andere Dinge“, ergänzt die Landesbäuerin. Diese unterschiedlichen Perspektiven stellten auch eine Chance dar.

Zahlreiche Forderungen richten sich an die politischen Entscheidungsträger. Es brauche einen Abbau von Bürokratie und Überregulierung, Anpassungen bei der Erbschaftssteuerregelung, finanzielle Förderprogramme, einen gesetzlich verankerten Mutterschutz für Selbständige, mehr Sichtbarkeit der Landwirtschaft bereits in den allgemeinbildenden Schulen und vieles mehr – die Liste ist lang. Für BBV-Präsident Felßner jedoch aus gutem Grund. Denn nur bei guten Rahmenbedingungen und sicheren Zukunftsperspektiven würden mehr Frauen den Schritt in die Betriebsleitung wagen.

Ein 320 Jahre altes Holz-Bauernhaus in Altdorf stand jahrelang leer und verfiel zusehends. Was für ein Juwel die Bauherren gekauft hatten, merkten sie erst, als sie schon mitten in der Sanierung steckten.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: