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23.02.2026
13:38 Uhr
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Von Falschrum-Fahrern, tierischen Zielfotos und Dates im olympischen Spa-Bereich: Die kuriosesten Geschichten der Olympischen Winterspiele.

17 Tage lang wurde zwischen dem Eiskanal von Cortina d’Ampezzo, den Loipen von Tesero und den Arenen von Mailand olympische Geschichte geschrieben. Aber nicht alles, was hier geschah, bewegte sich in sauber gezogenen Linien. Manche Geschichten bogen ab. Manche stolperten. Und manche kamen, ganz gegen jede Sportlogik, rückwärts an.
So wie beim Shorttrack, als der Türke Furkan Akar und der Lette Reinis Bērziņš ineinanderkrachten. Und mitten aus diesem Chaos heraus fuhr ein Dritter, der eigentlich auch längst hätte liegen müssen: Der Italiener Pietro Sighel drehte sich auf den Kufen einmal um die eigene Achse und überquerte die Ziellinie rückwärts. Es war eines dieser seltenen Fotos, die man nur deshalb nicht vergisst, weil sie zeigen, dass das Ziel nicht immer dort liegt, wo man es vermutet hat.
Vielleicht war genau dies das heimliche Leitmotiv der Spiele. Auch hinter den Kulissen wurde in alle Richtungen gerannt. Der französische Eiskunstlauf-Choreograf Benoît Richaud, ein weltweit gefragter Meister seines Fachs, sprintete zwischen den Trainerzonen hin und her und wechselte im Laufen die Jacken mit den Nationenfähnchen. Er betreute bei diesen Spielen 16 Starterinnen und Starter aus 13 Nationen. In einem Video sah man, wie er fast im Sekundentakt von Team zu Team sprang, gerade noch Kanada, dann schon wieder Georgien. Als müsse jemand all die Länder, Sprachen und Erwartungen zusammenhalten, wenigstens für ein paar Atemzüge.
Und apropos zusammenhalten: Die altehrwürdigen Olympischen Spiele erregen über alle Generationen hinweg Aufsehen. Als die deutschen Skeletonfahrer das olympische Dorf nur zwei Tage nach ihrem letzten Lauf verlassen mussten, wurde der Abschied plötzlich sehr real. Axel Jungk, Gewinner zweier Silbermedaillen, sagte dazu im Interview mit dem ZDF: „Also falls hier jemand zuschaut, der in Cortina ist und Platz für ein paar Sportler hat: Wir würden uns freuen, meldet euch!“ Die Antwort kam nicht von einem Verband oder einem Organisationskomitee, sondern aus einem Livestream: Die beiden Streamer Papaplatte und Reeze luden ihn in ihre Unterkunft ein.
Und während einige plötzlich nicht mehr wussten, wo sie schlafen würden, wussten andere sehr genau, wie viel Aufmerksamkeit ihnen sicher war. Die US-Rodlerin Sophia Kirkby plante schon vor Beginn der Spiele ihren Valentinstag per Social Media: Sich selbst bezeichnete sie als „begehrteste Junggesellin im olympischen Dorf“. Offenbar mit Erfolg, die 24-Jährige sicherte sich nach eigenen Angaben ein „Date im Spa-Bereich“, wobei sie sich zu weiteren Details ausschwieg. Die Zahl ihrer Follower in den sozialen Medien hat sie jedenfalls vervielfacht.
Und dann stand da noch der Mann, der ausgerechnet inmitten all dieser unterschwelligen Nähe über Abstand sprechen musste. Der norwegische Sechsfach-Gold-Langläufer Johannes Høsflot Klæbo wurde gefragt, ob ihm die Umarmungen seiner Freundin fehlten, die er aus Vorsicht vor Ansteckung konsequent vermied. Klæbo lächelte, wich aus und sagte, dass es nicht die fehlenden „hugs“ seien, die ihm am meisten zu schaffen machten. Man müsse bei Olympia manchmal auf viel mehr verzichten als nur auf eine Umarmung. Aber man bekommt ja auch was zurück. Sechs Mal Gold bekam allerdings nur Klæbo.
Vielleicht war das der leise Übergang von der Leichtigkeit zu der Schwere dieser Spiele. Einige Kilometer westlich, in Bormio, stapfte ein anderer Norweger aus dem Blickfeld der Kameras, wie er zumindest dachte, und direkt in den Wald. Atle Lie McGrath war als Führender gestartet, mit Slalom-Gold vor Augen, bis ihn ein Einfädler aus dem Rennen warf. Kein Wutausbruch – seine Stöcke würden hier vielleicht eine andere Geschichte erzählen –, kein Gespräch, keine Geste Richtung Tribüne. Stattdessen ging er einfach los, allein, meterweit Richtung Bäume. Nachdem er „genug Zeit im Wald verbracht hatte“, wollte der Gesamtführende im Weltcup dann aber doch wieder „bei den Menschen sein, die ich liebe“.
Doch selbst diese Spiele, die so viele private Momente zuließen, konnten sich ihren kuriosesten Augenblick nicht verkneifen. Im Langlaufstadion von Tesero tauchte plötzlich ein zweijähriger Tschechoslowakischer Wolfhund auf. Sein Name: Nazgul. Der Hund jagte spielerisch hinter der Griechin Konstantina Charalampidou und der Kroatin Tena Hadžić her, bis hinter die Ziellinie – und löste so das wohl tierischste Zielfoto der Olympiageschichte aus. In all dem perfekt organisierten Hochleistungssport, zwischen Technik, Taktik und minutiöser Planung, war es am Ende ausgerechnet ein Hund, der zeigte, wie man ohne Einlasskontrolle oder Ticket mittendrin sein kann.
In den Statistiken werden diese Winterspiele 2026 in Italien von Zeiten, Punkten und Medaillen leben. In Erinnerung aber bleiben auch die anderen Bilder: ein Athlet, der rückwärts ins Ziel fährt, ein Sportler, der im Livestream sein Bett findet, und ein Wolfhund, der das Motto „Dabei sein ist alles“ auf seine Weise gelebt hat. Manchmal ist es der Augenblick, in dem etwas aus der Spur gerät, der einen Moment zum olympischen macht.
Schon richtig: Der olympische Geist musste aufpassen, dass er sich zwischen den vielen Tälern nicht verläuft. Die Stimmung war nicht überall gut. Doch im Vergleich zu den Kunstprodukten von Sotschi, Pyeongchang und Peking hat Italien sehr viel richtig gemacht.
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