SZ 10.12.2025
13:23 Uhr

(+) Kunst: Wie ein Taifun


Mit Nnena Kalu hat erstmals eine neurodivergente Künstlerin den wichtigen Turner-Preis gewonnen. Prognose: In zehn Jahren ist diese Frau noch viel berühmter als heute.

(+) Kunst: Wie ein Taifun

Die Jury des diesjährigen Turner-Preises muss über einen erklecklichen Reiseetat verfügt haben. Denn der wichtigste britische Kunstpreis prämiert herausragende Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern, die auf der Insel leben, aber die Präsentationen müssen nicht dort zu sehen sein. In diesem Jahr stießen die Juroren auf die besten Schauen in Barcelona, Berlin und auf der Sharjah-Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten, und, ja tatsächlich, auch auf eine im Königreich selbst. Und das sind nur die Ausstellungen der vier Nominierten.

Zum 250. Geburtstag des Namensgebers William Turner sind aber nicht nur die Ortskriterien für die Auswahl extrem dehnbar über den Globus, sondern auch die Herkunft der Auszuzeichnenden. Nachdem im Jahr 2000 mit Wolfgang Tillmans erstmals ein Künstler den Turner-Prize gewonnen hatte, der keinen britischen Pass besitzt, standen diesmal zur Auswahl eine Kanadierin mit koreanischer Mutter, ein Maler aus dem Irak, der in London sein Atelier hat, eine queer-feministische Fotografin, deren Vater aus den ehemaligen karibischen Überseekolonien stammt und sich in England der Skinhead-Kultur angeschlossen hat, sowie eine schwarze Installationskünstlerin aus Schottland, die als Autistin in einer Kulturinstitution für lernbehinderte Menschen arbeitet. Sie, Nnena Kalu, gewann schließlich den Preis bei der Verleihung am Dienstagabend.

Seit 15 Jahren tourt Christian Marclays „The Clock“ durch große Museen, jetzt zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin diese betörende 24-Stunden-Filmmontage. Kann der Künstler selbst seinen größten Hit noch sehen? Eine Begegnung.

Dass mit Kalu das zweite Mal nach Steve McQueen 1999 ein Mensch mit Lerneinschränkung den wichtigsten Kunstpreis Großbritanniens gewinnt, vermittelt sich ohne jedes Wissen über ihre Neurodivergenz sofort. Die großen Körper, die sie erst durch das emsige Umwickeln von Gegenständen mit bunten Klebebändern zusammenfügt und dann in die Luft hängt, sind erstarrte Farbexplosionen von unterbewusster Materie. Das Prinzip der endlosen Linien, dem ihre geduldige Arbeit mit Verpackungsmaterialien folgt, setzt sich auch in ihren Zeichnungen von großen Wirbeln fort, die sie immer zu zweit malt, als Zwillingsporträts eines künstlerischen Taifuns.

Zuletzt war immer wieder Kritik laut geworden, dass die Juroren unter dem Druck stünden, die schillernde Diversität des neuen Britanniens abbilden zu müssen – und weniger die wirklich herausragende Künstlerpersönlichkeit des Jahres finden zu können. Seit der Stiftung des mit 40 000 Pfund dotierten Preises im Jahr 1984 hatten so prominente Kunstgrößen wie Gilbert & George, Anish Kapoor, Rachel Whiteread oder Damien Hirst triumphiert, wogegen die glücklichen Gewinner der jüngeren Ausgaben oft den Beweis noch schuldig blieben, eine prägende Rolle in der Kunstwelt spielen zu können.

Doch den Nominierten zum Turner-Jubiläum, deren Arbeiten über das Jahr in der Cartwright Hall im nordenglischen Bradford, der englischen Kulturhauptstadt 2025, ausgestellt sind, mangelt es wirklich nicht an Prägnanz, höchstens an Innovation, wie es die Auslobung eigentlich wünscht. Rene Matićs Beitrag „Born British, Die British“ (nach einem Tattoo, den sie sich auf den Rücken hat stechen lassen) reflektiert im assoziativen Stil von Wolfgang Tillmans die Vorstellung von heilender Liebe in einer fraktionierten Gesellschaft als Installation mit Fotografien und Bannern. Mohammed Sami, der sein Gesicht nicht zeigt und nicht zu verwechseln ist mit dem berühmten katarischen Künstler gleichen Namens, thematisiert seine Gewalterfahrungen aus dem Irak in rätselhaften Landschaftsbildern, die zertrampelte Sonnenblumen, unüberwindliche Felswände oder in Netzen gefangene Wolken zeigen. Und Zadie Xa sucht in bunten Installationen und rätselhaften Gemälden spirituelle Verbindungen zu ihren Vorfahren.

Auch der Sog, den die Arbeiten der Preisträgerin Nnena Kalu entwickeln, verschlingt jeden Zweifel, die Auszeichnung sei primär sozial motiviert. Das Potenzial für Variation und Fortentwicklung, das in diesem Kreisen steckt, erlaubt sogar die Prognose, dass diese Turner-Preisträgerin eine sein wird, die in zehn Jahren berühmter ist als heute.

Der SZ liegen interne Berichte vor, die nahelegen, dass sich in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 200 NS-Raubkunstwerke befinden, unter anderem von Picasso und Klee. Die Nachfahren der meist jüdischen Besitzer werden bis heute im Dunkeln gelassen.

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