SZ 01.12.2025
09:09 Uhr

(+) Krise in der Wirtschaft: Warum Bayern für die Industrie zum Problem geworden ist


Bosch, Wacker und Kelheim Fibres – überall geht es um Stellenabbau oder Werksschließung. Die überbordende Bürokratie und die hohen Energiepreise sind dabei nur ein Teil der Ursache. Und trotzdem gibt es Signale, die den Unternehmen Hoffnung machen.

(+) Krise in der Wirtschaft: Warum Bayern für die Industrie zum Problem geworden ist

Vor ein paar Monaten gaben sie sich bei Kelheim Fibres noch optimistisch. Die Insolvenz schien abgewendet, die man Anfang des Jahres hatte anmelden müssen, unter anderem wegen stark gestiegener Energiepreise. Denn das Geschäft der Kelheimer Firma war und ist kostenintensiv: Sie wandelt am Ufer der Donau in einem Gewirr aus Röhren und Tanks, Hallen und Klinkerwänden Holz zu Viskose um – feinen Fasern, aus denen andere dann Hygienetücher, Teebeutel oder Tampons fertigen. Produkte, die eigentlich als recht krisen- bis zukunftssicher gelten. Doch jetzt ist oft mehr von Krise die Rede als von Zukunft, in Kelheim und an vielen anderen Orten in ganz Bayern. Tausende Beschäftigte haben Angst um ihre Jobs.

Im Fall von Kelheim Fibres hat das Unternehmen noch im September mitgeteilt, wieder „auf Kurs“ zu sein: Man habe es geschafft, „zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell zurückzukehren“. Doch nun ist dieses Geschäftsmodell schon wieder am Ende. Der rettende Finanzinvestor ist abgesprungen – obwohl der Kaufvertrag laut Kelheim Fibres bereits notariell beurkundet war. Demnach wollten oder konnten einige Großkunden keine verlässlichen Bestellungen für 2026 abgegeben. Die Folge: Dem Traditionsunternehmen droht nach fast 90 Jahren das Aus – und gut 350 Beschäftigten die Kündigung. Eine Sprecherin bestätigt, dass derzeit die „geordnete Ausproduktion“  bis zum Jahresende vorbereitet werde.

Der Schock darüber ist groß in Kelheim. Für die Stadt an der Donau war Kelheim Fibres über Jahrzehnte so etwas wie eine sichere Bank, in Hochzeiten schafften hier Tausende. Stattdessen muss man sich dort wie anderswo in Bayern gerade auf ganz neue Verhältnisse einstellen. Vor allem die einst so starke Industrie schwächelt, stellt Leute aus oder sperrt gleich zu. Die Wirtschaftskrise ist zur Standortkrise geworden.

Zwar hat die Krise längst nicht alle Betriebe erfasst: Etliche Unternehmen schreiben noch immer schwarze Zahlen, BMW etwa hat fürs vergangene Quartal mehr Gewinn gemeldet. Trotzdem dominieren die Hiobsbotschaften. So will MAN zentrale Teile seiner Lastwagen-Produktion ins polnische Krakau verlagern; am Hauptsitz der einstigen „Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg“ in München stehen deswegen 1300 von zuletzt 7000 Arbeitsplätzen im Feuer. In Bamberg bangen die Menschen um die Zukunft des Bosch-Standorts. Preh aus Bad Neustadt an der Saale, Spezialist für Displays, Knöpfe und Schalter im Fahrzeuginnenraum, hat Hunderte Stellen abgebaut. Selbst der Freistaat muss Personal sparen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat im September angekündigt, den Staatsapparat bis zum Jahr 2040 um rund 10 000 Planstellen zu verschlanken.

Immer messbarer wird die Krise auch auf dem Arbeitsmarkt. Am Freitag meldete die Regionaldirektion Bayern der Agentur für Arbeit erstmals seit fast 20 Jahren wieder mehr als 300 000 Arbeitslose in einem November. Außerdem greifen die Unternehmen verstärkt auf Kurzarbeit zurück, um Probleme zu überbrücken. Mit Stand August wurde bei fast 37 000 Menschen im Freistaat übergangsweise die Arbeitszeit verkürzt, 36 Prozent mehr als vor einem Jahr. Allein im produzierenden Gewerbe sind laut bayerischem Wirtschaftsministerium 24 601 Arbeitsplätze zwischen Mai 2024 und Mai 2025 weggefallen. Das bedeutet umgerechnet einen Schwund von 2050 Jobs jeden Monat.

Die Gründe für die Standortkrise sind oft und lange diskutiert worden – von der als überbordend empfundenen Bürokratie über die fehlende Nachfrage bis zur starken Konkurrenz aus China. Auf der Kostenseite macht vor allem die Energie den Industriebetrieben zu schaffen: In einer Umfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK) benannten zuletzt 62 Prozent der befragten Unternehmen hohe Strompreise als „negativen Faktor für Investitionen“. Am vergangenen Donnerstag legte der BIHK per Pressemitteilung nach. „Wir haben keine Zeit mehr, über die dringend nötige Wirtschaftswende nur zu diskutieren“, warnte Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl.

Wie groß die Standortprobleme sind, zeigt der Blick nach Burghausen. Auch dort geht die Angst vor Jobverlust um: Am Donnerstag hat der Chemiekonzern Wacker ein Sparprogramm über 300 Millionen Euro angekündigt. Etwa die Hälfte dieser Summe will das Unternehmen in den kommenden beiden Jahren durch den Abbau von 1500 Arbeitsplätzen hereinholen. Das würde fast jeden Zehnten der weltweit zuletzt rund 16 600 Wacker-Beschäftigten den Job kosten – und vermutlich besonders das Stammwerk bei Burghausen treffen. Dabei ist der bedeutendste Standort des Konzerns größer als das Fürstentum Monaco.

Insgesamt gilt die Industrie im bayerischen Chemiedreieck schon seit 100 Jahren als Garant für den Wohlstand einer ganzen Region. Rund 20 000 Arbeitnehmer sind dort direkt in diesem Sektor beschäftigt, noch einmal mindestens die doppelte Zahl an Jobs hängt indirekt von der Chemieindustrie ab.

Die wiederum hängt von gewaltigen Mengen an Energie für ihre chemischen Prozesse ab. Die Unternehmen im bayerischen Chemiedreieck verbrauchen schon jetzt ungefähr ein Prozent des gesamten deutschen Strombedarfs – und der Verbrauch wird sich auf mittlere Sicht wohl mindestens verdoppeln, weil die Firmen von den fossilen Energieträgern unabhängiger werden wollen und müssen. Deshalb fordern die Interessenvertreter der Konzerne schon seit Langem einen staatlich gestützten Industriestrompreis.

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Einen solchen hat der Bund inzwischen beschlossen. Ob er den Herausforderungen genügen wird, ist die Frage. „Die Vorgaben der EU sind hier leider sehr eng und enthalten viele bürokratische Anforderungen und Einschränkungen“, heißt es aus dem bayerischen Wirtschaftsministerium. Sollten die Möglichkeiten aber ausgeschöpft werden, „dann wird es auch Unternehmen geben, die davon profitieren und ihre Energiekosten senken können“. Die Einführung eines Industriestrompreises von 2026 an sei „ein Schritt in die richtige Richtung“.

Zudem schlägt das Ministerium unter anderem eine Senkung der Unternehmenssteuern von 28,5 Prozent auf maximal 25 Prozent vor sowie die Abschaffung des Solidaritätszuschlags für alle. Für beides wäre ebenfalls der Bund zuständig. Im Ministerium setzt man darauf, dass die beschlossenen Reformen der Bundesregierung hoffentlich „noch ihre volle Wirkung entfalten“, zusätzlich zu den von Bayern auf Landesebene angestoßenen Maßnahmen.

In Niederbayern könnten sie zu spät kommen. Kelheim Fibres prüft zwar, ob im kommenden Jahr zumindest eine „mengenmäßig begrenzte Fortführung der Produktion“ möglich ist. Dazu müssten aber kurzfristig genug Kunden zusagen, heißt es aus dem Unternehmen. Eine Entscheidung über den Weiterbetrieb könnte in den kommenden Tagen fallen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt ein Mitarbeiter am Telefon. Bei den Beschäftigten hat sich Kelheim Fibres schon mal öffentlich fürs Durchhalten bedankt. Nun stehe man miteinander in Verantwortung, „faire Lösungen“ für alle Betroffenen zu finden.

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