SZ 26.11.2025
12:31 Uhr

(+) Konzert in der Olympiahalle München: Belanglos provokant – Till Lindemann beschwört das Skandalöse


Wozu die halbnackten Frauen, die sich fortwährend an Gitarren und Stangen rekeln? „Meine Welt“ vom „Rammstein“-Sänger wirkt als Show-Konzept vorhersehbar.

(+) Konzert in der Olympiahalle München: Belanglos provokant – Till Lindemann beschwört das Skandalöse
Warum stellt sich Till Lindemann, die Bühnenfigur, ins Scheinwerferlicht, um als goldgesichtiger und behäbig headbangender Stacheltroll vermeintliche Männerfantasien zu beschwören? Hier ein Archivbild von einem Konzert in Düsseldorf. (Foto: Malte Krudewig/dpa)

Till Lindemann, die Bühnenfigur, hat eine Obsession für Körperöffnungen. Überproportional häufig im Vergleich zu anderen Bildinhalten werden sie auf eine große Leinwand im Hintergrund der Band projiziert, überwiegend schwarz-weiß oder blutrot überhöht, um künstlerische Abstraktion zu betonen.

Es wirkt wie ein Mantra der Provokation, pendelnd zwischen urologischem Voyeurismus und überbetontem Fetischismus, wenn Schamlippen flattern, Essensmatsch und Undefinierbares aus Mündern oder Därmen quillt – eine Beschwörung des Skandalösen, die allerdings in Zeiten von Social Media und Maschinenintelligenz seltsam antiquiert wirkt.

Werden bei „Rammstein“-Konzerten Fans für Sex mit Till Lindemann gecastet? Zahlreiche Frauen werfen ihm Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe vor. Über ein System, das dem Sänger liefert, was immer er will.

Längst kann man alles sehen, wenn man will, und ästhetische Deformierungen, die zu Zeiten von Circus Hagenbeck noch Schaulustige in die Manege lockten, produziert ein digitaler Bilderdienst mit ein, zwei Prompts.

Wozu also all das Geflimmer in der Olympiahalle? Wozu die halbnackten Frauen, die sich fortwährend an Gitarren und Stangen rekeln, wozu die Texte, die „Schmerz“ auf „Herz“, „gebrochen“ auf „abgestochen“ reimen und in unpoetischer Direktheit zwischenmenschliche, vorwiegend sexuelle Beziehungen als zwanghaft, leidend oder enttäuschend charakterisieren? Warum stellt sich Till Lindemann, die Bühnenfigur, ins Scheinwerferlicht, um als goldgesichtiger und behäbig headbangender Stacheltroll vermeintliche Männerfantasien zu beschwören?

Eines jedenfalls wird schnell klar. Die Inszenierung liebt das Monumentale. Im Laufe des Konzertabends werden immer wieder Hebebühnen oder Podeste geschoben und Musikerinnen auf Säulen gestellt. Ständig ist irgendwo auf der Bühne Bewegung, Haare werden geschleudert, Beine gespreizt und Instrumente gepost. Flimmernde Lichter sorgen für schillernde Effekte, Requisiten wie künstliche Fische werden ins Publikum geschleudert, es ist ein Feuerwerk der Reizüberflutung.

„Meine Welt“ folgt damit einer Bildrhetorik der Überwältigung. Möglichst viele schnelle Impulse sorgen für gefühlte Atemlosigkeit, die dabei aber als Eindruck trotzdem statisch bleibt.

Das liegt auch daran, dass es eigentlich nicht viel zu erzählen gibt. Till Lindemanns mehr gegrowlte und deklamierte als gesungene Texte feiern die alternde Manneskraft, den Verfall, den Hass mit geschickt verschleiertem und eher gefühlt brutalem Subtext, der rechtlich relevante Fragen im Unklaren des Künstlerischen lässt.

Es ist die Bühnenfigur, die Verse singt wie: „Ich habe den Schwanz wieder drin / in meiner Tanzlehrerin / denn ich lieb sie so sehr.“ Oder die zur Einleitung des Konzerts greint: „Altes Fleisch / Das Faltenbild hat sich verschlimmert / das Geschlechtsteil ist verkümmert / Haare wachsen überall / der Schuss fällt vor dem Knall“, um sich dann im Memento Mori der eigenen Vergänglichkeit zu suhlen. Oder die als Zugabe, poetisch kaum noch verschlüsselt, dem Publikum die Botschaft mit auf den Weg gibt: „Ich hasse Kinder / Hier kommt die Frage aller Fragen / Kann und muss man Kinder schlagen / Nein, ich liebe sie / Ja, ich liebe sie / Alle Kinder groß und klein / doch sie sollen meine sein.“

Vor der Halle wird der Olympiaturm orange beleuchtet, aus Solidarität mit der Kampagne „Orange The World“, die ursprünglich vom Women’s Global Leadership Institute angeregt und seit 2008 von den Vereinten Nationen und UN Women weitergeführt wird, um auf Diskriminierung und Gewalt gegen Mädchen und Frauen aufmerksam zu machen.

Im Olympiapark wird an diesem Abend demonstriert – dass ausgerechnet an diesem Tag ein Konzert von Lindemann stattfindet, empfinden die Demonstrierenden als provokant.

In der Halle Till Lindemann, die Bühnenfigur, die „Ich hasse Kinder“ singt. Wozu?

Musikalisch schließlich klingt das Programm „Meine Welt“ routiniert, aber wenig kreativ. Die technisch perfekt agierende Band bietet ein rund 80-minütiges dramaturgisch und in den Arrangements sehr ähnlich ablaufendes Programm. Es gibt Ausnahmen wie den ruhigeren Song „Tanzlehrerin“ und einen Rock-Funk-Ausflug, zu dem Lindemann in einer transparenten Discokugel durchs Publikum geschoben wird.

Ansonsten dominieren dynamische Extremkontraste rund um flächige Metal-Gitarrenriffs, dazu wuchtige Schlagzeugschläge, die zwischendurch die Musiker und Musikerinnen schon mal zum Marschieren animieren. Das wirkt ein wenig wie Rammstein light, nur eben ohne das überdrehte Pathos des Originals. Running Gags wie der beflissene Roadie im stilisierten Stahlhelm, der fortwährend den von Lindemann getretenen Mikrofonständer wieder aufstellen muss, erscheinen als Auflockerung dabei eher dünn als lustig.

„Meine Welt“ wirkt damit als Show-Konzept vorhersehbar, als Provokation belanglos und als Aussage überflüssig. Nach dem Konzert sieht man neben der Halle den Olympiaturm in Orange leuchten. Darum geht es wirklich.

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