SZ 15.12.2025
20:12 Uhr

(+) Konsum: Warum kauft jemand am Airport einen Wein für 25 000 Euro?


Flughäfen sind inzwischen mehr als ein Drehkreuz für fliegende Menschen. Auch abgehobene Luxusprodukte wie Whisky und Wein drehen sich dort.

(+) Konsum: Warum kauft jemand am Airport einen Wein für 25 000 Euro?
Einkaufsstand der „Gebr. Heinemann“ am Frankfurter Flughafen. (Foto: Oliver Heinemann/dpa)

Nichts bremst den Rausch des Fliegens mehr als der Transitbereich eines Flughafens – wo man bis zum Weiterflug entweder der Zeitnot oder der Langeweile ausgeliefert ist. Lässt sich das erste Problem mit schnellen Schritten und einem sturen Tunnelblick bis zum Gate bewältigen, liegt die größere Herausforderung im erzwungenen Aufenthalt an einem belanglosen „Nicht-Ort“. So bezeichnete der Soziologe Marc Augé 1992 die „Hubs des supermodernen Lebens“: Sie seien „ohne Geschichte, ohne Kultur und ohne Voraussetzung für Erinnerungen“. Deshalb vergessen Vielflieger, wie viel Zeit sie an Flughäfen totschlagen.

Wären da nicht die abgehobenen, sündhaft teuren Luxusgüter, die inzwischen regelmäßig feilgeboten werden. Sie machen in Deutschland das Terminal 2 des Frankfurter Flughafens erinnerungswürdig – selbst wenn man nur guckt und staunt statt zuzuschlagen. Im März verkaufte das Hamburger Unternehmen „Gebr. Heinemann“ dort einem Mann aus Brasilien eine 80 Jahre alte Flasche Mouton Rothschild, einen roten Bordeauxwein aus dem Jahr 1945. Preis: 24 999 Euro. Den sogenannten Jahrhundertjahrgang kennzeichneten eine minimale Ernte, maximale Qualität und der Sieg über Nazi-Deutschland, was der Baron Rothschild mit einem „V“ für „Victoire“ auf dem Etikett festhalten ließ. Zugleich war der Preisnachlass von glatten 10 000 Euro memorabel: 2023 hatte derselbe Wein im selben Geschäft noch 34 999 Euro gekostet.

„Wir wollen Reisenden weltweit einzigartige Produkte mit einer Geschichte anbieten“, erklärt Einkaufsdirektor Ruediger Stelkens das Bemühen. Sechs Flaschen des 45er Rothschild hatten die Gebr. Heinemann vor 13 Jahren „für etwas weniger als 20 000 Euro“ pro Stück vom Händler Mähler-Besse erworben. Käufer fanden sich auch an den Flughäfen in Singapur, Oslo und Sydney. Die Idee hinter solchen Transaktionen: Die Angebote erzeugen Unverwechselbarkeit – zwischen allerlei Standardprodukten am Nicht-Ort.

Am Flughafen Wien zählt zum aktuellen Sortiment auch ein japanischer Whisky für 349 999 Euro und exakt 99 Cent. Vor drei Jahren fand er am Flughafen Istanbul noch für 559 000 Dollar einen Käufer. Der sei einer jener Stammkunden und Sammler, die eigens eingeflogen kämen, berichtet Stelkens. Auf die Frage, ob sie auch aus Deutschland kommen, sagt ein anderer Mitarbeiter: „Deutsche kaufen nur Wasser.“ Das ist selbstverständlich eine Untertreibung. Außerdem sind es mit Blick auf den Umsatz von Gebr. Heinemann stete Tropfen. Er betrug zuletzt 4,3 Milliarden Euro.

Sinkende Preise wie beim Mouton Rothschild mit „V“ oder dem besagten japanischen Whisky sind für die Sparte Luxus übrigens symptomatisch. Auch der Wert des schottischen Whiskys „Royal Salute Coronation Edition Blend“, der 2022 nach 52 Jahren Reifung im Holzfass zur Krönung von Charles III. abgefüllt wurde, ist bereits stark verflossen. Ging er Anfang des Jahres in Frankfurt für 39 999 Euro an einen Vietnamesen, kostet eine Flasche inzwischen 24 999 Euro. Erstaunlich bleibt dennoch, mit welchen Summen manche Fluggäste ihre Langeweile am Flughafen liquidieren.

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