SZ 22.02.2026
16:29 Uhr

(+) Kommunalwahl in München: Wie die Zuschauer das OB-Triell erlebt haben


Mehrere Hundert Menschen verfolgen im Residenztheater die Diskussion der drei Kandidaten. Für manche sind die Argumente und das Auftreten wahlentscheidend – andere dagegen haben sich ihre Meinung längst gebildet.

(+) Kommunalwahl in München: Wie die Zuschauer das OB-Triell erlebt haben

Heute Abend schon könnte sie ihr Kreuz setzen. Oder morgen, oder in den Tagen drauf. Denn ihre Wahlunterlagen für die bevorstehende Kommunalwahl lägen bereits daheim, sagt Hedwig Wagner. Was ihr jetzt noch fehle zur Wahlentscheidung, sei einerseits Wissen über die Münchner Themen und andererseits ein Bauchgefühl dafür, wer antritt. Um das zu bekommen, ist sie hier im Residenztheater, an diesem regnerischen Sonntagvormittag, zwei Wochen vor der Kommunalwahl.

Wagner sitzt um kurz vor 11 Uhr im ersten Stock des Theaters in der Münchner Innenstadt, vor ihr ein Milchkaffee, ihr Blick geht nach draußen. Vor dem Fenster liegt der jüngst aufgemöbelte Max-Joseph-Platz – der war bis vor Kurzem heiß diskutiert in der Stadtpolitik. Die Süddeutsche Zeitung hat zum Oberbürgermeister-Triell geladen und für Wagner ist dieser Termin eine „Entscheidungshilfe“.

Klima- und Umweltschutz seien ihr wichtig, die Wirtschaft und der Schuldenberg, der auf folgende Generationen zukommt, auch in Städten wie München. Sie erhoffe sich „klare Statements“, sagt sie, damit sie eine informierte Wahl treffen könne. Und sie erwarte sich einen respektvollen, ja demokratischen Umgang unter den OB-Kandidaten: „Ich möchte nicht, dass es hier ins Abwertende, Populistische hineingleitet.“ Klappt das?

90 Minuten liefern sich Dieter Reiter, Dominik Krause und Clemens Baumgärtner beim SZ-Triell einen Schlagabtausch auf der Bühne des Residenztheaters. Was den Amtsinhaber ärgert und was seine Herausforderer besser machen wollen.

Im Publikum sitzen Münchnerinnen und Münchner unterschiedlichen Alters, Ehepaare mit grauen Kurzhaarfrisuren, Mütter mit Töchtern, Gruppen von Freunden. Sie alle sind gekommen, um zu hören, was die drei Herren zu sagen haben, dort oben auf der Bühne: Clemens Baumgärtner (CSU), Dominik Krause (Grüne) und Dieter Reiter (SPD). Alle drei wollen sie Oberbürgermeister dieser Stadt werden beziehungsweise bleiben. Heute sind sie hier, um öffentlich zu streiten. Es soll ums Wohnen gehen, um Verkehr und die Finanzen der Stadt München.

Fast 900 Plätze hat das Residenztheater, die Veranstaltung war schnell ausgebucht, am Sonntagvormittag bleiben dann aber doch einige Sitze leer. Gekommen sind viele Fans der Grünen, das lässt sich bereits beim Begrüßungsapplaus feststellen, der für Baumgärtner und Reiter freundlich ausfällt, für Krause aber deutlich enthusiastischer. Als am Ende abgestimmt wird, welcher der Kandidaten am meisten überzeugt hat, fällt das Ergebnis eindeutig aus. Krause an der Spitze, es folgen mit deutlichem Abstand Amtsinhaber Reiter und nach ihm Baumgärtner.

Die SZ hat die Münchner OB-Kandidaten der drei größten Parteien zum Interview ohne Worte gebeten: Welche zarte Seite Clemens Baumgärtner offenbart, warum Dominik Krause zum Bohrer greift und welche Sportart Dieter Reiter liebt (außer Fußball).

Eigentlich sei sie sich schon ziemlich sicher, wen sie wählen werde, sagt Undine Schneider-Haas, gebürtige Münchnerin und nach eigener Aussage schon lange Zeit SZ-Leserin, vor der Veranstaltung. Aber sie wollte die Chance nutzen, die drei Kandidaten einmal persönlich zu erleben, sie reden zu hören. „Ich hoffe, dass es nicht bei Wahlkampf-Versprechen bleibt, sondern dass sie konkret werden.“ Maria Sperr neben ihr nickt, auch sie sei hierhergekommen, um zu erleben, wie die Kandidaten wirken, wie sie ihre Meinungen vertreten und wie sie rüberkommen. Ihre Wahl beeinflussen werde das nicht, sagt sie. Sie hat schon gewählt.

Auch Alexander Fackler und Ulrich Aldinger sind schon vor der Diskussion recht sicher, wen sie wählen werden. Die verschiedenen Kandidaten erleben wollen sie trotzdem, sehen, wie sympathisch die Männer auftreten. Ein anderer Mann in Begleitung seiner Freundin meint, er habe sich noch nicht entschieden: „Je nachdem, wer mich heute überzeugt“. Und dabei zähle für ihn nicht der Sympathiefaktor, sondern mehr der Gesamteindruck.

Corinna Schloderer ist zusammen mit einer Freundin aus Neuburg an der Donau hier. Schloderer ist bei der Grünen Jugend, sie kandidiert für einen Sitz im Bezirksausschuss in Obergiesing-Fasangarten; die Freundin ist bei den Jusos. „Wir verlegen“, sagt Schloderer, „unseren Mädelstag heute hierher.“ Sie sei hier, um Dominik Krause zu unterstützen – und um die beiden anderen Kandidaten mal in Aktion zu sehen, denn die kenne sie kaum. Die Themen, die sie interessierten, seien bezahlbarer Wohnraum, Klimaschutz und die Teilhabe von jungen Menschen. Heute aber wolle sie den Vormittag vor allem genießen, Wahlkampf sei anstrengend genug.

„Die Diskussion um die verkehrsberuhigte Zone in der Weißenburger Straße war sehr präsent bei uns“, sagt Jamal Buscher. Weil er sich vorgenommen hat, sich mehr mit den politischen Themen zu beschäftigen, die ihn und seine Freundin in Haidhausen umgeben, seien die beiden hier. Er sei für die Verkehrsberuhigung, sagt er, fügt dann aber hinzu: Seine Freundin und er hätten kein Auto, keine Kinder. Und er sehe schon, dass das Thema für die Unternehmen in Haidhausen schwierig sei.

Abwägen, das große Ganze sehen: Das passiert an diesem Vormittag hin und wieder auch auf der Theaterbühne. Wenn über Enteignung als Instrument der Stadtentwicklung diskutiert wird oder über die Schuldenlast. Es wird kleinteilig, wenn es darum geht, ob Handwerker Badewannen mit dem Lastenrad transportieren, warum ein Stück Radweg mehrere Millionen kostet, oder darum, ob wohl ein Investor bereit wäre, mehr Toiletten und Waschbecken in Bürogebäude einzubauen, um die Flächen zu Wohnungen umzuwandeln.

Nach der Veranstaltung steht eine Gruppe junger Münchnerinnen und Münchner, Ende 20 bis Anfang 30, draußen im Regen. „Es war cool, Clemens Baumgärtner und Dominik Krause in Person zu sehen, die beiden hatte ich vorher noch nie live gesehen“, sagt einer von ihnen. Eine junge Frau meint, sie sei vorher schon von Dominik Krause überzeugt gewesen, und nun, nach der Diskussion, sei sie das immer noch. „Ich finde es trotzdem gut, die Gegenargumente der anderen zu hören, das hilft, zu differenzieren und die eigene Meinung zu schärfen.“

Hedwig Wagner, die ihren Stimmzettel bereits daheim liegen hat, sagt nach dem Triell, dass es ihr auf jeden Fall helfen werde, ihr Kreuzchen zu machen. Sie habe sich gut durch die drei Themenblöcke begleitet gefühlt, sei auch von den Fragen angetan gewesen. Zwei Dinge hätten sie dann aber doch gestört. Einerseits hätten die drei mit stadtpolitischen Fachbegriffen und teils mit Paragrafen um sich geworfen, ohne diese zu erklären, das sei schade. Und andererseits sei, als es um das kommunalpolitische Mega-Thema Verkehr ging, der nicht anwesende Mobilitätsreferent ziemlich fertiggemacht worden von Reiter. „Das hätte nicht sein müssen, das setzt keine positiven Punkte“, sagt Wagner. Wie sie jetzt nach Hause gehe? Beschwingt, und mit dem Gedanken, sich noch mehr einzulesen in einzelne Themen.

34 Fragen zum Durchklicken – und am Ende ein Ergebnis: Mit dem SZ-Wahlcheck finden Sie heraus, welche Partei bei der Kommunalwahl in München Ihrer Meinung am nächsten kommt.

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