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20.11.2025
05:32 Uhr
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Über die nächsten zehn Jahre will Deutschland insgesamt eine Milliarde Euro in Brasiliens Regenwald-Fonds stecken. Dieses Geld soll Erträge erwirtschaften – für diejenigen, die den Wald schützen.

„Namhaft“, so hatte der Kanzler das genannt. Namhaft sollte der deutsche Beitrag zum Tropenfonds Brasiliens sein. Was dieses Wort bedeutet oder wie es sich vernünftig ins Englische übersetzen lässt, blieb nach Merz’ Auftritt bei der Klimakonferenz in Belém knapp zwei Wochen lang ein Rätsel – bis jetzt. Eine Milliarde Euro, so wurde am Mittwochabend bekannt, wird Deutschland zum Fonds beitragen.
Das Geld kommt nicht auf einen Schlag, sondern scheibchenweise: 100 Millionen Euro im Jahr, über zehn Jahre hinweg. Es fließt auch nicht direkt in den Schutz des Regenwalds. Stattdessen steckt Deutschland es in den Tropenwald-Fonds TFFF, den Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu Beginn der Konferenz offiziell gegründet hat. Der Plan: Private und öffentliche Geldgeber zahlen gemeinsam 125 Milliarden Dollar in den Fonds ein, der mit diesen Mitteln arbeitet und Erträge erwirtschaftet. „Die Ankündigung kommt zum richtigen Zeitpunkt, um weitere Dynamik für den Aufbau des Fonds zu schaffen“, sagt Ute Sudmann, Bereichsleiterin für zukunftsfähige Finanzflüsse bei Germanwatch.
Die Rendite wiederum soll teils an die Investoren gehen, teils in den Schutz des Regenwalds fließen. Konkret sollen die Besitzer von Waldflächen, unter ihnen oft Indigene, für den Erhalt des Tropenwalds entlohnt werden. Bisher hatte Lula gut 5,5 Milliarden Dollar an öffentlichen Mitteln einsammeln können. Nach seinem Plan sollen sie auf 25 Milliarden Dollar anwachsen. Umgerechnet in Dollar kämen aus Deutschland nun weitere 1,15 Milliarden hinzu. Deutschland, so betont Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), wolle aber mit seiner Einlage keine Rendite machen. „Wir wollen, dass die Menschen die Rendite bekommen.“ Ein Fünftel der Mittel ist für Indigene reserviert, die gerade in Brasilien oft die engsten Verbündeten des Regenwalds sind.
Ein anderer Plan Brasiliens ging allerdings nicht auf. Noch am Mittwoch hatte Konferenzpräsident André Corrêa do Lago die wichtigsten Streitpunkte lösen wollen, in Anwesenheit von Präsident Lula. Doch zunehmend kristallisieren sich Konflikte heraus, die nicht so einfach und schon gar nicht so schnell zu lösen sind.
So verlangt eine Allianz von mittlerweile mehr als 80 Staaten einen Fahrplan für den Ausstieg aus fossiler Energie. Die Einigung der Klimakonferenz in Dubai vor zwei Jahren, sich von Kohle, Öl und Gas „wegzubewegen“, würde damit etwas konkreter. Allerdings sind 80 Staaten noch nicht die ganze Welt, und eine Klimakonferenz entscheidet stets einstimmig.
Daneben steht eine Reihe offener Finanzierungsfragen – etwa jene, wie viele Mittel künftig für ärmere Länder bereitstehen sollen, damit diese die Folgen des Klimawandels abfedern können. Ebenso unklar ist, wie groß der Kreis der Länder ist, der dieses Geld künftig aufbringen soll. Bis Donnerstagnachmittag lagen zu all diesen Fragen noch nicht einmal neue Textvorschläge vor. Die Frist, die sich die brasilianische Präsidentschaft dieser 30. Weltklimakonferenz, genannt Conference of the Parties (COP 30), selbst dafür gesetzt hatte, war damit schon um mehr als 24 Stunden überschritten. „Die Versuchsanordnung war sehr ambitioniert“, sagt die deutsche Verhandlerin Heike Henn.
Ein anderer, sehr heikler Streit scheint dagegen nun beigelegt zu sein: der um den Austragungsort der nächsten Klimakonferenz. Die Türkei und Australien hatten sich beworben, keiner von beiden wollte nachgeben. Nach UN-Regularien wechselt die Ausrichtung reihum zwischen den Staatengruppen. Im kommenden Jahr ist die Gruppe der westeuropäischen Staaten dran, zu der sowohl die Türkei als auch Australien gehören.
Doch mittlerweile einigte sich die Staatengruppe nach Angaben aus Verhandlungskreisen auf einen salomonischen Kompromiss: Der Ausrichtungsort werde zwar die Türkei sein, die Präsidentschaft aber übernehme Australien. Hätte sich dieser Konflikt nicht lösen lassen, hätte es nur einen Ausweg gegeben: Mit Bonn als Sitz des Klimasekretariats hätte wohl Deutschland die Ausrichtung der COP 31 übernehmen müssen. Stattdessen wird es der Badeort Antalya.
Während die Weltgemeinschaft in Belém um minimalste Klimaziele ringt, kann Fernando Galvão Bezerra aus seiner Cessna dem Regenwald von oben beim Sterben zusehen. Ein Flug über menschengemachte Abgründe.
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