Der Politikwissenschaftler Michael Paul von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP) ist Experte für die Arktis und Grönland. Nach „Kampf um den Nordpol“ erscheint demnächst sein neues Buch über Grönland.
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25.01.2026 14:44 Uhr |

Der Politikwissenschaftler Michael Paul von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP) ist Experte für die Arktis und Grönland. Nach „Kampf um den Nordpol“ erscheint demnächst sein neues Buch über Grönland.
SZ: Donald Trump hat die Europäer mit seiner Forderung nach Grönland schockiert. Hat der US-Präsident recht, wenn er die mangelnde Verteidigungsfähigkeit der Dänen auf Grönland kritisiert?
Michael Paul: Ja, hat er. Trump ist der erste Präsident, der auf die Arktis blickt. Obama und die früheren Administrationen haben kaum auf die Sicherheitsprobleme in dieser Region geachtet. Russland hat ab 2007 – dem Jahr der Putin-Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz – mit der Wiederaufrüstung in der Arktis begonnen. Damals nahm Moskau die Langstreckenflüge über dem Pol wieder auf, reaktivierte Militärbasen. Ein „arktischer Exzeptionalismus“ existierte nur unter Michail Gorbatschow. Wir waren einfach blauäugig.
Warum fällt das Trump jetzt erst auf?
Schon während Trumps erster Präsidentschaft sprach sein Außenminister Mike Pompeo von der Arktis als „Arena der Auseinandersetzung“, machte die Region damit geopolitisch wieder relevant. Joe Biden hatte Trumps Ideen dann aufgegriffen. Aber erst mit Beginn der zweiten Trump-Präsidentschaft wurden sie – etwa mit dem US-Programm zum Bau von Eisbrechern – forciert.
Warum bemüht Washington sich plötzlich um Rückkehr in die Arktis?
In der Arktis zählt Präsenz. Die Russen als wichtigster Anrainer-Staat sind sehr präsent, die Chinesen auch. Es geht bei alldem nicht allein um Grönland. Es geht um die gesamte Arktis.
Was macht Grönland militärisch wichtig?
Die Geostrategie. Die Amerikaner interessieren sich wegen der den USA vorgelagerten Position schon seit 1832 für die Insel. Damals erwog Washington erstmals den Erwerb von Grönland, unter Präsident Andrew Jackson. Nachdem die USA den Russen 1867 Alaska abgekauft hatten, dachten sie sogar über den Erwerb Kanadas nach. Sie wollten die Nordhemisphäre kontrollieren. Dazu kam es nie. Trump greift heute solche Ideen aus dem 19. Jahrhundert auf. Ihm geht es um die Konsolidierung der US-Sicherheitssphäre und des Kontinents angesichts der Bedrohung durch China.
Warum haben die Amerikaner sich in den späten 1960er-Jahren aus Grönland zurückgezogen, die meisten ihrer Militäranlagen dort aufgegeben?
Die USA waren erst im Zweiten Weltkrieg auf die Insel gekommen. Nachdem die Wehrmacht 1941 Dänemark besetzt und auf Grönland Wetterstationen errichtet hatte, fürchteten die Amerikaner, Hitlers Bomber könnten von Grönland aus New York angreifen. Also stationierte man eigenes Militär. Im Kalten Krieg – bis zum Bau moderner Langstreckenbomber und weitreichender Raketen – diente Grönland als Zwischenstation für US-Flugzeuge, die die UdSSR hätten angreifen können. Heute ist man technisch viel weiter.
Trump ist also kein Irrer, der irrational denkt?
Zumindest stecken Überlegungen dahinter. Trump will die pazifische und die atlantische Küste der USA schützen. Deshalb interessiert er sich für Deutschland als Zentralmacht in Europa. Und deshalb will er den Luftabwehrschirm „Golden Dome“ bauen.
Möchte er diesen Raketenschirm über Grönland aufspannen?
Die Russen müssen ihre Marschflugkörper und Hyperschall-Raketen nicht zwingend nur über Grönland fliegen lassen. Ihre U-Boote mit den modernen Kalibr-Lenkwaffen könnten an anderen Stellen an die US-Küsten herankommen. Deshalb will Trump den „Golden Dome“. Er will die gesamten USA schützen. Technisch geht das aber kaum. Es funktionierte unter Ronald Reagan mit seinem SDI-Schutzschirm auch schon nicht.
Geht es Trump bei Grönland um Russland oder um China? Washington leidet ja an einer regelrechten China-Obsession.
Trump geht es zuerst um China. Moskau hat derzeit kein Geld für den Ausbau seiner arktischen Infrastruktur. Zudem ist es in der Ukraine gebunden. Und die russisch-chinesische Allianz ist wackelig – weshalb Washington versucht, Moskau herauszulösen.
Und was macht China? Peking bezeichnet sich immerhin als „Arktis-nahe Macht“.
Offiziell setzt Peking auf zivile Projekte. Die Chinesen bauen im Zuge ihrer „Belt-and-Road-Initiative“ weltweit Infrastruktur-Anlagen. Die sind zivil und militärisch nutzbar. China hat schon mehrfach versucht, im arktischen Raum Häfen zu kaufen. Bisher erfolglos. Aber China hat immerhin eine Arktis-Strategie. Und es hat einen langen Atem.
Wer ist der erfolgreichste Akteur in der Arktis?
Eindeutig Russland. Für Wladimir Putin ist die Arktis zentral. Russland hat zudem die beste technische und wissenschaftliche Expertise. Putin selbst hat an der Petersburger Bergbau-Universität eine Arbeit über die Arktis als nationale Ressourcen-Basis Russlands geschrieben. Seine ehrgeizigen Pläne können aber aus Geldmangel nicht erfüllt werden; Moskau bräuchte dafür hohe internationale Investitionen. Die widersprächen aber der russischen Sicherheitsbesessenheit.
Es geht in der Arktis aber neben Rohstoffen auch um Schifffahrtsrouten zwischen Asien und Europa, um Alternativen zur langen und teuren Fahrt durch Suez- und Panama-Kanal.
Es geht um drei Arktis-Routen: neben der „Nordostpassage“ entlang Russlands Küste noch die „Nordwestpassage“ vor Kanada und die „Transpolare Route“ quer durch den Arktischen Ozean. Relevant für die zivile Schifffahrt wird all das erst in den 30er- und 40er-Jahren. Ab 2030 dürfte es wegen des Klimawandels zwar den ersten eisfreien Arktis-Sommer geben, die „Nördliche Seeroute“, die Teil der Nordostpassage ist, wird jetzt schon gelegentlich genutzt. Die Nordwestpassage vor Kanada wird aber erst Ende der 40er-Jahre befahrbar. Und im Winter wird im gesamten Arktischen Ozean weiterhin Eis das Bild prägen. Die Navigierbarkeit wäre daher saisonal, erforderte wegen des Packeises selbst im Sommer öfter den Einsatz von Eisbrechern. Deshalb investieren Schifffahrts-Gesellschaften wie Maersk bislang nicht in diese Routen. Sie machen nur Testfahrten.
Warum hat Trump es dann so eilig?
Alle haben die Arktis vernachlässigt, auch die USA. Nur in Russland gibt es in der Permafrost-Region wirklich eine Infrastruktur und große Siedlungen. Die hatte Josef Stalin unter enormen Menschenverlusten aufgebaut. Sie verfallen heute aber wegen Moskaus Kapitalmangel.
Viel Aufregung um nichts?
Nein. Trump betreibt Konsolidierungspolitik. Er will von Grönland die Garantie, dass die Chinesen keinen Zugriff bekommen auf das Territorium und auf die Rohstoffe. Manche Experten sagen allerdings, die Arktis werde „überbewertet“. Bei den Seltenen Erden und anderen Rohstoffen Grönlands etwa fragen sie, ob sich deren Förderung rechnen würde und wie groß der Umweltschaden wäre.
Man mag Dänemark wegen seiner schmalbrüstigen Grönland-Politik kritisieren. Aber was tun eigentlich Norwegen, Schweden und Finnland in der Arktis? Oder Deutschland, die EU oder die Nato?
Die Nato hat sich lange nicht gekümmert, weil der Arktis-Anrainer Kanada als Nato-Mitglied bremste. Auch bei der EU sind es die Partikularinteressen, die einer gemeinsamen Strategie entgegenstehen.
Gibt es eine deutsche Arktis-Strategie?
Offiziell noch nicht. Nach den jüngsten Ereignissen wird Berlin die Arktis aber vermutlich in seine neue Nationale Sicherheitsstrategie aufnehmen.
Hat Deutschland das Know-how und die militärische Kapazität?
Daran müssen wir arbeiten – so wie wir neuerdings verstärkt an der Verteidigung Ost- und Mitteleuropas arbeiten. Wenn Deutschland wichtigste Militärmacht Europas werden soll, kommt es um die Arktis nicht herum. Man kann die Ostflanke nicht ohne die Nordflanke verteidigen. Es geht um den gesamten arktisch-nordatlantischen Raum, um die Verbindungslinien in die USA und nach Kanada.
Der Bundeswehr mangelt es doch jetzt schon an Soldaten?
Die Bundeswehr muss sich arktisch aufstellen – beim Personal, bei Gerät und Material. Das wird Jahre dauern. Aber man muss es planen. Ursula von der Leyen als Präsidentin der EU-Kommission hat die Herausforderung verstanden. Sie hat angekündigt, dass ein europäischer Eisbrecher gebaut werden soll.
Trump will sich Grönland einverleiben. Doch welche Rolle spielt die Insel überhaupt für die Sicherheit der USA?
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