SZ 05.03.2026
11:43 Uhr

(+) Italien und die Paralympics: Gleichberechtigt, offiziell zumindest


Bis zum Start der Paralympics sind in Italien längst nicht alle Missstände rund um das Thema Inklusion behoben. Doch immerhin: Das Problembewusstsein im Land wächst.

(+) Italien und die Paralympics: Gleichberechtigt, offiziell zumindest
Mehr Fernsehsender als je zuvor werden von den Paralympics und über Athleten wie den Brasilianer Andre Barbieri (li.) und den Italiener Andrea Luchini berichten. Dario Belingheri/Getty Images

Die Via Manzoni hat sich bisher nicht zurückverwandelt. Wie auf so vielen Straßen im Zentrum Mailands erinnern auf dem Straßenzug, der das Modeviertel vom Stadtteil Brera trennt, weiterhin die weiß beleuchteten Neonschilder an das Großereignis dieses Spätwinters. Genauer gesagt: an die beiden Großereignisse. Mailand und Cortina nämlich sind bekanntlich nicht nur Ausrichter der Olympischen, sondern auch der Paralympischen Winterspiele. Gleichberechtigt, offiziell zumindest: In der Realität ist die lombardische Hauptstadt diesmal der klare Junior-Partner, mit nur einem Stadion für eine Sportart: Para-Eishockey.

Was allerdings auch nicht verhindern soll, dass in Mailand ein Thema diskutiert wird, das die Paralympics in jedes Land bringen, in dem sie stattfinden: Es geht auch in Italien dieser Tage mehr als sonst um Inklusion und die Frage, inwiefern man dem Anspruch gerecht wird, an alle zu denken.

Ein Teil der Debatte kann direkt von der Via Manzoni aus erzählt werden. Dort haben sie die elegante Retro-Beleuchtung hängen lassen, mit der hier seit Januar für den Sport geworben wird. Ihrer Verpflichtung ist die Stadt damit gerecht geworden, nicht nur für die Olympischen Spiele einen großen Werbeaufwand zu betreiben. Einer anderen allerdings bis heute nicht: Im Modeviertel, in der Via Manzoni in Brera, in einigen der berühmtesten Ecken der Stadt also, haben Menschen im Rollstuhl weiterhin große Schwierigkeiten, von A nach B zu kommen. Der Alltag wird hier von unterschiedlichen Pflasterungen, schlecht reparierten Straßenbelägen und tiefen Furchen rund um die Tramgleise bestimmt. Oder gleich davon, dass die berühmte Linie 1 fast ausschließlich mit historischen Fahrzeugen befahren wird – die sind hübsch anzusehen, aber nicht barrierefrei.

Immerhin: In Mailand gibt es ein politisches Problembewusstsein dafür, dass Barrierefreiheit bisher nicht gegeben ist – was längst nicht in ganz Italien der Fall ist. Ein etwa 65 Millionen Euro teures Renovierungsprogramm wurde in der Stadt in den vergangenen Jahren mit besonderem Fokus auf die Spiele initiiert, über 90 Prozent der U-Bahn-Stationen sind inzwischen auch mit dem Rollstuhl zugänglich. An dem Ziel, eine Stadt nicht nur auch für Menschen mit Behinderung zu sein, sondern auch für alte Menschen und Eltern mit Kinderwagen, ist Mailand aber weiterhin nicht angekommen. Just bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im San Siro berichtete die Regionalrätin und ehemalige Beauftragte für Barrierefreiheit, Lisa Noja, von „Angst in der Menschenmenge“, in der sie beim Weg aus dem Stadion gefangen gewesen sei.

Immerhin: Im berühmten alten Stadion sind die regelmäßigen Gastgeber, die Fußballvereine Inter Mailand und AC Milan, seit Jahren darum bemüht, die Bedingungen zu verbessern, auch wenn wohl erst der Umzug in eine neue Arena endgültig den Zugang für alle erleichtern dürfte.

Ein Neubau war wiederum in Verona keine Option. In der dort beheimateten antiken Arena, Schauplatz der Olympia-Schlussfeier und der Paralympics-Eröffnung am Freitag, kann man dennoch einen Hoffnungsschimmer erkennen. Dass einer der berühmtesten Veranstaltungsorte Norditaliens bis zu diesem Frühjahr im Rollstuhl nur mit Hindernissen zu besuchen war, ist das eine. Doch die Spiele wurden zum Anlass genommen, dieses Manko zu beseitigen: 18 Millionen Euro kostete das Unterfangen, die Arena und das direkte Umfeld modern auszustatten; es ging nicht nur um die Infrastruktur innerhalb der Arena, sondern auch die Anfahrtswege, die nun nicht mehr über alte Pflastersteine führen.

In anderen Bereichen ist Italien sogar ein historischer Vorreiter für inklusive Vorhaben, auch daran wird dieser Tage erinnert: etwa in der Schulbildung. Seit der Abschaffung der Sonderschulen im Jahr 1977 wird in Italien ein inklusiver Ansatz praktiziert. Im Alter von sechs bis 14 Jahren besuchen italienische Kinder eine gemeinsame Schule, Kindern mit Einschränkungen und Behinderungen wird dabei von einem Insegnante di sostegno, einem sogenannten Stützlehrer, im Alltag geholfen. Perfekt ist auch dieses System nicht, allerdings separiert es nicht von Anfang an – auch wenn zu späteren Zeitpunkten trotzdem ähnliche Probleme auftreten wie anderswo. Mit nur 32 Prozent (laut OECD-Angaben aus dem Jahr 2023) ist etwa die Quote der Menschen mit Behinderung, die erwerbstätig sind, deutlich niedriger als zum Beispiel in Deutschland.

Die Rekord-Para-Winterspiele werden das nicht beheben können, allerdings sollen durch den Sport genau diese Themen in den Fokus rücken. Mehr Fernsehsender als je zuvor werden von den Paralympics berichten, das gab die European Broadcasting Union (EBU) vor einigen Tagen bekannt. In Italien räumt der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Athleten und ihren Wettkämpfen großen Raum ein, mehr als 50 Prozent der Italiener wollen laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage von Il Tempo einschalten. 80 Prozent sehen in den Paralympics einen Anlass, sich mehr mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen.

Von der Fernseh-Öffentlichkeit bis zu den Neonschildern in der Via Manzoni spricht somit einiges dafür, dass die Para-Winterspiele nicht nur eine Randveranstaltung inmitten einer Post-Olympia-Fatigue werden. Die moderne Santagiulia-Arena mit Para-Eishockey wird dazu beitragen. Vor allem vom sportbegeisterten Cortina d’Ampezzo und dem Val di Fiemme versprechen sich die Veranstalter eine stimmungsvolle Heimat für die Para-Sportler. Es soll schließlich nicht nur sportlich, sondern auch kulturell eine inklusive Veranstaltung werden. So zumindest formulierte Giovanni Malagó, Vorsitzender des Organisationskomitees, der Fondazione Milano-Cortina 2026, während seiner Amtszeit immer wieder die eigenen hohen Ansprüche.

Bei einem Pressetermin vor einem Jahr – als noch längst nicht klar war, dass die Olympischen Winterspiele ein Erfolg werden würden – sagte Malagó einen Satz, an dem er und alle ausrichtenden Orte sich in den kommenden Wochen messen lassen müssen: „Man kann die schönsten Olympischen Spiele aller Zeiten organisieren, aber wenn man die Paralympics verpatzt, hat man nichts erreicht.“

Die viermalige Paralympics-Siegerin Anna-Lena Forster spricht über den Reiz der Spiele in Norditalien, Monoskifahren als Ganzjahresjob – und darüber, was man Eltern, die ein behindertes Kind bekommen, als Arzt besser nicht sagt.

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