SZ 04.03.2026
13:35 Uhr

(+) Iran-Krieg: „Der Ausverkauf in Asien gerät zunehmen außer Kontrolle“


Der südkoreanische Index stürzt um zwölf Prozent ab, auch der Nikkei bricht ein. Ostasien ist bei seinen Rohölimporten auf Sicherheit in der Straße von Hormus angewiesen. Der Dax dagegen erholt sich leicht.

(+) Iran-Krieg: „Der Ausverkauf in Asien gerät zunehmen außer Kontrolle“

Von Teheran nach Seoul sind es etwa 6500 Kilometer – etwa 3000 Kilometer mehr als nach Frankfurt. Trotzdem waren die Folgen der aktuellen Krise im Nahen Osten an den Börsen in Ostasien in den vergangenen Tagen zum Teil heftiger zu spüren als in Europa. Der südkoreanische Leitindex KOSPI fiel am Mittwoch um ganze zwölf Prozent. Die Kursverluste waren zwischenzeitlich so hoch, dass der Handel sogar einmal kurzfristig für fünf Minuten ausgesetzt wurde. Der japanische Nikkei-Index gab um fast vier Prozent nach. Der Dax hingegen erholte sich am Mittwoch zunächst leicht.

Die Entwicklung zeigt die Unsicherheit an den Aktienmärkten angesichts der Kämpfe in einer Region, wo große Mengen Erdöl gefördert werden und die deshalb für die Weltwirtschaft von großer Bedeutung ist.

Bereits am Wochenanfang hatten Börsen weltweit Verluste verzeichnet. Besonders aufmerksam wurden von Finanzexperten die Entwicklung in der Straße von Hormus verfolgt.  Etwa 20 Prozent des weltweiten Rohöl-Bedarfs wird mit Frachtschiffen durch diese Meerenge direkt vor der iranischen Küste transportiert. Bislang hat Iran den Verkehr nur eingeschränkt, nicht blockiert. Aber wegen der Lage können Reedereien ihre Ölfrachter oft nicht mehr versichern, wenn sie durch die Straße von Hormus fahren. Deshalb ist der Verkehr dort nahezu zum Erliegen gekommen.

Die Folgen sind aber nicht überall gleichermaßen zu spüren. „Das hat für unterschiedliche Regionen eine unterschiedliche Bedeutung“, erläuterte Thomas Kruse, Chief Investment Officer des Vermögensverwalters Amundi bei einer Veranstaltung am Dienstag. So verbrauchten die USA im weltweiten Vergleich zwar das meiste Öl, seien aber wegen eigener Vorkommen kaum auf Importe angewiesen. Europa importiert zwar viel Öl, allerdings sind nach EU-Angaben die größten Lieferanten Norwegen, die USA und Kasachstan. Nahost-Länder spielen eine geringere Rolle. Kruse zufolge müssen nur etwa fünf Prozent der europäischen Rohölimporte die Straße von Hormus passieren. Ganz anders sei die Situation in Asien: Südkorea und Japan beziehen einen Großteil ihren Rohölimporte über diesen Weg. Auch in Indien und China ist die Abhängigkeit hoch.

Kein Wunder also, dass die Börsen in Asien auf die Lage in der Straße von Hormus deutlich nervöser reagieren. „Der Ausverkauf in Asien gerät zunehmend außer Kontrolle, weil die Marktteilnehmer die Lage nicht mehr als einen ‚einwöchigen Schlagzeilen-Schock‘ betrachten“, sagte Charu Chanana, Chefstrategin bei der Saxo Bank in Singapur der Nachrichtenagentur Reuters. Sowohl der japanische Nikkei als auch der koreanische KOSPI hatten in den vergangenen Monaten stark zugelegt. Eine Erklärung für die Verluste der vergangenen Tage könnte darum auch sein, dass einige Investoren angesichts der unsicheren Weltlage Gewinne mitnehmen und Positionen verkaufen.

Der Dax und die US-Börsen reagierten zwar auf den Konflikt in Iran zum Wochenbeginn ebenfalls mit Kursverlusten. Allerdings fielen die Reaktionen deutlich weniger heftig aus als in Asien. Der Dax verlor zwar am Dienstag mehr als drei Prozent und sank deutlich unter 24 000 Punkte – erst im Januar hatte man in Frankfurt den Sprung über die 25 000-Punkte-Marke gefeiert – die meisten Finanzexperten bezeichneten die Reaktionen aber dennoch als „verhalten“. Am Mittwoch erholte sich der deutsche Aktienindex dann trotz der schlechten Nachrichten von den ostasiatischen Börsen wieder und stieg am Vormittag um deutlich mehr als ein Prozent. Für bessere Stimmung bei den Aktionären könnte Donald Trump mit seiner Ankündigung gesorgt haben, Ölfrachter von der US-Marine durch die Straße von Hormus eskortieren zu lassen. Auch wenn Europa nicht besonders viel Öl auf diesem Weg bezieht – eine langfristige Unterbrechung dieser Handelsroute würde die Preise am Weltmarkt generell ansteigen lassen. „Bleibt der Seeweg länger gestört, droht nicht nur ein Ölpreisschub, sondern auch ein Gas-/LNG‑Schock. Gerade letzteres ist in Europa oft der sensiblere Treiber für Inflationserwartungen und langfristige Renditen“, schreibt Beat Thoma vom Schweizer Vermögensverwalter Fisch Asset Management in einem Marktkommentar.

Die große Frage ist nun, wie lange der Konflikt andauert und die Handelsrouten beeinträchtigt. Solange das nicht klar ist, müssen sich Anleger wohl auf weitere Schwankungen einstellen. Goldman-Sachs-Chef David Solomon sagte am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Australien, er sei „überrascht“ von den bislang verhaltenen Reaktion. Insbesondere meinte er damit wohl die Börsen in den USA, die infolge der Entwicklungen im Nahen Osten nur um wenige Prozentpunkte nachgegeben hatten. Er rechne damit, dass die Märkte ein paar Wochen benötigen, um die Folgen des Konflikts zu verarbeiten.

Mit Material aus den Agenturen

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