SZ 06.02.2026
16:05 Uhr

(+) IOC: Der Trick, mit dem Russland in den Weltsport zurückkehren kann


Das IOC hat Russland nie wegen des Krieges suspendiert – sondern aufgrund einer Formalie. In Mailand starten zwar nur 13 „neutrale Athleten“, aber das dürfte bald wieder anders aussehen.

(+) IOC: Der Trick, mit dem Russland in den Weltsport zurückkehren kann

Um kurz nach 11 Uhr ist ein Slot für Pjotr Gumennik reserviert, doch als in der kleinen Trainingshalle neben der Eiskunstlaufarena die von ihm ausgewählte Musik erklingt, sind auf dem Eis nur ein paar Konkurrenten zu sehen. Ganz ähnlich ist das rund drei Stunden später, als Adelija Petrosjan eigentlich eine Proberunde absolvieren dürfte. Auch sie verzichtet auf diese Einheit. Gumennik und Petrosjan haben noch ein paar Tage Zeit, um sich auf die Spiele vorzubereiten, die olympischen Einzelwettkämpfe sind erst nächste Woche – und der Teamwettkampf an diesem Wochenende findet ohne russische Beteiligung statt.

Gerade mal 13 Athleten aus Russland sind in Mailand dabei, noch zwei weniger als bei den Sommerspielen in Paris 2024. Der Grund ist simpel: Russlands Olympia-Komitee (ROK) ist suspendiert, und nur ein paar angeblich streng überprüfte Sportler dürfen als „neutrale Athleten“ starten – wobei sich in manchem Einzelfall schon gezeigt hat, dass die Prüfer des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nicht so genau hingeschaut haben. Aber die Russen nehmen das Mini-Kontingent vergleichsweise entspannt zur Kenntnis. Denn nach Lage der Dinge steht ihre baldige Rückkehr bevor.

Wladyslaw Heraskewytsch ist Fahnenträger des ukrainischen Olympia-Teams – und protestierte bereits vor vier Jahren gegen den russischen Angriffskrieg auf sein Land. Er spricht über gefährliche Reisen in die Heimat und die Rolle des IOC.

Nun ist auf der großen weltpolitischen Bühne zwar ohnehin einiges im Fluss, das im Zweifel auch schnell den Sport berührt. Aber unabhängig davon haben die Beteiligten einen raffinierten Kniff gefunden, der die Rückkehr des russischen Olympia-Komitees in die olympische Familie ermöglicht – und damit auch eine Rückkehr der russischen Athleten.

Um das zu verstehen, muss man sich noch einmal die genaue Begründung für die Suspendierung des ROK anschauen. Diese erfolgte durch das IOC-Exekutivkomitee im Oktober 2023 ja nicht wegen des Krieges gegen die Ukraine generell. Sondern weil das ROK kurz vorher die Sportorganisationen der vier ukrainischen, aber vom Kreml annektierten Regionen Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischja aufgenommen hatte. Dies bedeute, so führte das IOC damals aus, einen Bruch der Olympischen Charta, weil es die territoriale Integrität des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine verletze. Doch bereits seit dem vergangenen Jahr hat sich die Situation formal geändert.

Im russischen Olympia-Komitee gibt es traditionell verschiedene Mitgliedergruppen: Sommersportverbände, Wintersportverbände, auch ein paar persönliche Mitglieder sowie viele andere Organisationen, die irgendeinen Bezug zur Welt des Sports haben, bis hin zur Vereinigung der russischen Sportjournalisten. Rund 100 Mitglieder sind das insgesamt. Und obendrein waren in den Statuten, und jetzt wird es wichtig, noch die Mitglieder aus der Kategorie X. mit der herrlichen Überschrift: „regionale Gemeinschaftsverbände, die zur Förderung des Sports, der Propaganda und der Popularisierung der olympischen Bewegung gegründet wurden“.

Da war aus nahezu jeder der fast 90 Verwaltungseinheiten des Riesenlandes eine Organisation vertreten, vom „Rat der Sportföderationen der Region Archangelsk“ bis zum „Olympischen Rat der Republik Kalmückien“. Und in diese Liste wurden dann im Oktober 2023, unter den Ziffern 186 bis 189, auch die regionalen Sportorganisationen der eigentlich zur Ukraine gehörenden Regionen Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischja als Mitglieder aufgenommen – was bald darauf zur Suspendierung durch das IOC führte.

Die russische Seite kritisierte das als politisch motiviert und wandte sich an den Internationalen Sportgerichtshof (Cas), aber das war vergeblich, und so befand sie sich in einem Zwiespalt: Einerseits war klar, dass mit den vier Regionen als ROK-Mitgliedern eine Rückkehr in die olympische Familie kaum möglich sein würde. Andererseits war angesichts der politischen Gesamtlage ebenso klar, dass sie die Aufnahme nicht einfach so rückgängig machen würde. Also griffen die Russen zu einem Kniff: Sie veränderten die Statuten des ROK so, dass überhaupt keine regionalen Olympia-Vereinigungen mehr zum ROK gehören. Weder die von Archangelsk noch die von Kalmückien – aber eben auch nicht mehr die von Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischja.

Nun sind die politischen Realitäten in diesen vier Regionen das eine. Aber rein formal existiert der Grund für die IOC-Suspendierung damit nicht mehr. Auf die Frage, ob die Mitgliedschaft der vier Regionen entscheidend für ein Ende der Suspendierung sei oder ob es noch einen weiteren Grund gebe, verwies IOC-Präsidentin Kirsty Coventry in dieser Woche nur darauf, dass die Entscheidung des Exekutivkomitees aus dem Oktober 2023 gelte. Und man sich in den vergangenen Wochen im Exekutivkomitee nicht damit befasst habe. Auf eine weitere SZ-Anfrage zum Thema erklärte das IOC, dass sich die Rechtskommission des IOC seit September mit dem Fall befasse.

Es wäre seinerzeit durchaus möglich gewesen, Russland auch aus einem anderen Grund auszuschließen – etwa wegen des Krieges generell. So taten das andere Verbände, die dafür auch vor dem Cas Recht bekamen. Aber das damals noch von Thomas Bach geleitete IOC entschied sich für diesen technisch speziellen Weg. Das hatte auch damit zu tun, dass das IOC unmittelbar nach Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 nicht sofort reagiert hatte. Denn da war die Beziehung zwischen Bach und Russland noch recht intakt gewesen. Erst als sich das Verhältnis im Laufe der Zeit verschlechterte, folgte im Oktober 2023 die Suspendierung.

Es ist schwer vorstellbar, wie die Suspendierung Bestand haben sollte, falls die russische Seite rechtliche Schritte unternehmen würde. Aber es kommt gerade nicht zum offenen Konflikt, sondern Moskau sieht vergnügt, wie sich sportpolitisch auch so alles in seinem Sinne entwickelt. Seit geraumer Zeit ist zu bemerken, wie Russland wieder mehr und mehr Teil des Weltsports wird. Zuletzt waren in verschiedenen Fachverbänden schon wieder russische Sportler mit Flagge und Hymne zugelassen, demnächst wird das auch bei den Paralympics der Fall sein. Eine Empfehlung für die Rückkehr russischer Jugendmannschaften liegt bereits vor, und bei der IOC-Session betonte Kirsty Coventry die politische Neutralität des Sports. Es sei jetzt alles viel entspannter, sagte das russische IOC-Mitglied Schamil Tarpischtschew in Mailand lächelnd.

„Die Spiele 2026 werden die letzten für Russen in einem neutralen Status“, erklärte Russlands Sportminister Michail Degtjarjow kürzlich. Und klang dabei sehr sicher.

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