SZ 27.01.2026
13:01 Uhr

(+) Holocaust-Gedenktag: Michel Friedman: Juden in Deutschland gefährdet wie lange nicht mehr


„Ich will diese Sätze nicht mehr hören“, sagt der Publizist zu Appellen wie „Nie wieder“. Diese seien sinnlos, wenn im Alltag „der Judenhass explodiert“. Auch andere äußern sich eindringlich.

(+) Holocaust-Gedenktag: Michel Friedman: Juden in Deutschland gefährdet wie lange nicht mehr
Die politisch Verantwortlichen hätten ihr Versprechen nicht erfüllt, nach dem jüdisches Leben in Deutschland sicher sei, kritisiert Michel Friedman (Archivbild). (Foto: Oliver Dietze/dpa)

Seit 2005 ist der 27. Januar der internationale Holocaust-Gedenktag. Er erinnert an die sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden und die weiteren Opfer der NS-Herrschaft. Der Tag geht auf die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 zurück. Für viele Menschen ist das ein Tag der Trauer – auch für den Publizisten Michel Friedman, wie er sagt: „Ich habe meine gesamte Familie, 50 Menschen, nie kennengelernt. Es sind Schatten, es sind Gespenster. Und meine Mutter, mein Vater und meine Großmutter haben überlebt, weil ein Deutscher, Oskar Schindler, sie gerettet hat.“

Zugleich sei der Tag auch ein Anlass, um Bilanz zu ziehen. „2026 ist die Lebensqualität jüdischer Menschen in Deutschland so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, kritisiert Friedman im RBB-Inforadio. „Wenn ich mir diese Gedenktage vor Augen halte mit Sätzen wie ‚Wehret den Anfängen‘ und ‚Nie wieder‘, dann kann ich nur sagen, ich möchte diese Sätze nicht mehr hören.“ Man sei längst mittendrin, so Friedman: „Der Judenhass explodiert“, und auch die Gewalttaten gegen Juden nähmen zu. Der Antisemitismus sei auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende der NS-Verbrechen alltäglich wie eh und je, sagt der Sohn jüdischer Überlebender. Und das bedeute, dass die politisch Verantwortlichen ihr Versprechen nicht erfüllt hätten, nach dem jüdisches Leben in Deutschland sicher sei.

Antisemitismus lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen und dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen.

Es gebe zu viele Sonntagsreden, nicht nur an Gedenktagen, aber die Umsetzung im Alltag lasse zu wünschen übrig: Auf dem Weg zu einer „Gesellschaft, in der die Würde des Menschen, auch des jüdischen Menschen, unantastbar ist, da ist noch viel zu tun“. Es gelte gegenzusteuern im privaten Umfeld und im Alltag. „Und immer, wenn eine Bemerkung stattfindet, wo man genau weiß, das geht eigentlich nicht, muss man sich einmischen“, sagt er. Auch der Gesetzgeber, die Politik und die Gerichte müssten deutlich machen: „Judenhass ist kein Kavaliersdelikt.“

Natürlich dürfe man zum Beispiel die israelische Regierung im Gaza-Krieg kritisieren, ohne damit gleich antisemitisch zu sein, ergänzt er. Aber „wieso überträgt sich etwas, was eine israelische Regierung macht, als Hass auf jüdische Menschen in Berlin oder in Frankfurt?“

Der Judenhass sei „keine deutsche Erfindung, aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung“, so Friedman. „Und deswegen empfehle ich uns, den Nachgeborenen, miteinander zu reden und neugierig zu sein.“ Dafür müsse die Mehrheit jedoch akzeptieren: „Sie sind die Enkelkinder der Täter.“

Friedman ist nicht der Einzige, der sich an diesem Tag eindringlich äußert. Auch andere Vertreter der jüdischen Gemeinschaft rufen zum Eintreten für Demokratie und zum Protest gegen Antisemitismus auf. Es sei höchste Zeit, dass aufrechte Demokraten aufstehen und Zivilcourage beweisen, schreibt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in einem Beitrag für das Portal T-online.

Das „Internationale Auschwitz Komitee“ sieht das Gedenken an den Völkermord der Nationalsozialisten von den aktuellen politischen Entwicklungen überschattet. Deren Vizepräsident Christoph Heubner erklärt, die Überlebenden des Holocaust in aller Welt fragten sich, ob sich die Demokratien und ihre Bürgerinnen und Bürger der Gefahren hinreichend bewusst seien, die von hasserfüllter Rhetorik rechtsextremer und populistischer Politiker und Parteien ausgehe.

Schuster schreibt im T-online-Gastbeitrag, schon jetzt seien die Kräfte beträchtlich, „die uns als jüdische Gemeinschaft aus dem öffentlichen Leben verdrängen und der Sichtbarkeit, welche die Überlebenden des NS-Terrors erstritten hatten, berauben wollen“. „Diese Kräfte werden weiter erstarken, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die bedrohlichen Entwicklungen zu stoppen“, warnt er.

Gegen die „inhaltliche Entkernung unserer Erinnerungskultur“ und zum Schutz der Demokratie vor autokratischen Versuchungen sei der persönliche Einsatz jedes Einzelnen entscheidend. „Diesen Einsatz schulden wir den Überlebenden des NS-Terrors“, schreibt Schuster.

Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, weist in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf jüngste Terrorakte hin: „Von Jom Kippur in Manchester bis Chanukka in Sydney wurden Juden an ihren Feiertagen erschossen, weil sie Juden sind. Allein in den vergangenen Wochen wurden Synagogen von Mississippi bis Gießen in Brand gesteckt.“ 2026 sei nicht 1933. „Wir haben einen eigenen Staat, und auch Deutschlands Regierung tritt für jüdisches Leben ein. Doch Polizisten vor jüdischen Kindergärten und der israelischen Botschaft sind bereits die letzte Verteidigungslinie“, warnt Prosor.

Die traditionelle Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus ist für Mittwoch geplant. Gastrednerin ist die 1938 in Gdingen bei Danzig geborene US-Amerikanerin Tova Friedman. Sie überlebte das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Nicht nur am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus offenbart sich: Das „Nie wieder“ ist zu einer Phrase geworden. Die Autorin Susanne Siegert zeigt, wie sich das Gedenken verändern muss.

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