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01.12.2025
12:12 Uhr
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Das Studium der Rechtswissenschaften in Passau hat einen guten Ruf. Nicht zuletzt, weil die Examensvorbereitung umfangreich ist, individuell und vor allem: kostenlos. Doch nun werden viele Angebote offenbar weggespart.

Auf einem Video auf der Webseite der juristischen Fakultät lächeln die Studierenden in die Kamera. Wieso man Jura in Passau studieren sollte? Dafür nennen sie mehrere Gründe. Aktuell aber ist die Stimmung deutlich weniger fröhlich: Die Universität muss sparen, wie viele andere in ganz Bayern. Einige Studierende befürchten, dass dadurch Angebote wegfallen, die bisher überzeugende Argumente für ein Studium in Passau waren.
Ein Teil der Kürzungen lässt sich an einer geplanten Änderung der Studien- und Prüfungsordnung für Jura erkennen. Dazu gehört die Streichung von vereinzelten Klausuren und fast allen Hausarbeiten – Studierende vermuten dahinter Personalmangel, auch die Uni spricht von hohem Korrekturaufwand für Hausarbeiten.
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Weniger Prüfungsleistungen – ist das nicht eigentlich gut für die Studierenden? Freilich habe man dadurch weniger Arbeit, sagt Jakob Noll, der seit 2021 in Passau studiert. Er befürchtet aber eigenen Worten zufolge, dass dadurch die Qualität der Lehre schlechter wird. In Hausarbeiten übe man, sich kritisch mit Rechtslagen auseinanderzusetzen und wissenschaftlich zu arbeiten. Das sei es doch, was ein Studium ausmache, so Noll. Seine Kommilitonin Sinja Lippstreu stimmt zu: In den Hausarbeiten löse man selbst Fälle, „das ist genau das, was man später braucht“.
Auch fehlende Klausuren würden zwar zunächst weniger Aufwand bedeuten, sagt Noll. Doch er glaubt, dass sich das am Ende rächt. Der Stoff für das Examen bleibe schließlich gleich. Klausuren während des Studiums würden als eine Art Auffrischung dienen. Wenn es sie in bestimmten Fächern nicht mehr gebe, so Noll, verleite das dazu, den gesamten Stoff erst geballt vor dem Examen zu lernen.
Große Sorgen macht Noll und Lippstreu die Zukunft der Examensvorbereitung, das sagen sie unabhängig voneinander. Diese ist ihrer Aussage nach für viele ein Grund, sich für ein Studium in Passau zu entscheiden. Ein Bekannter habe ihm die Uni genau deshalb empfohlen, sagt Noll. Auch für Lippstreu spielte sie eine große Rolle. Denn die Examensvorbereitung ist in Passau umfangreich, individuell und kostenlos. Das sei einzigartig, damit wirbt die Uni selbst. An anderen Standorten müsse man meist auf kommerzielle sogenannte Repetitorien zurückgreifen. Das kann schnell teuer werden: Manche Anbieter verlangen für ihre Kurse 200 Euro im Monat. Studierende aus Passau berichten zudem von der guten Betreuung in den Uni-internen Vorbereitungskursen, es gebe mündliche Prüfungssimulationen, Probeexamina und Einzelcoachings.
Noch wissen sie nicht, wie es damit weitergeht. Sie betonen, dass es dazu noch keine konkreten Informationen gibt. Befürchtungen haben sie allerdings. Die Plätze für Einzelcoachings etwa seien bereits reduziert worden, sagt Lippstreu. Noll kann sich nach eigener Aussage nur schwer vorstellen, dass es in diesem Bereich keine Kürzungen geben werde. Beide befürchten, dass der persönliche Austausch verloren geht, mit dem Passau sich bisher abgehoben habe. „Wenn das wegfällt, sehe ich keinen Grund mehr, Passau vor anderen Unis zu wählen“, sagt Lippstreu.
Die Universität Passau teilt auf Anfrage mit, dass die Einzelcoachings „in großen Teilen zur Examensvorbereitung für interessierte Studierende auch weiterhin angeboten“ werden sollen. Die Streichung der Hausarbeiten gehe auf den Wunsch der Studierenden zurück, die Prüfungslast zu reduzieren. Zudem würde das Format nur begrenzten Mehrwert bieten: Es würde nicht die Kompetenzen vermitteln, die für die tatsächliche juristische Praxis erforderlich seien. Ungleiche Zugangsmöglichkeiten zu KI-Werkzeugen würden den Entstehungsprozess schwer nachvollziehbar machen. Statt Hausarbeiten soll es freiwillige Angebote zur Einführung in Recherche, wissenschaftlichem Arbeiten und juristischer Schreibpraxis geben.
Die finanzielle Lage sei herausfordernd, sagt Uni-Präsident Ulrich Bartosch. Unter anderem führten steigende Bewirtschaftungskosten und höhere Personalausgaben zu einer strukturellen Finanzierungslücke. Man müsse daher sämtliche Ausgaben sorgfältig prüfen, die Gesamtbudgets aller Fakultäten seien reduziert worden. Eine Auswirkung sei, dass der Lehrstuhl für Europäisches und Internationales Informations- und Datenrecht vorerst nicht nachbesetzt werden könne. Gleichzeitig habe man aber eine befristete Professur im Master-Studiengang Rechtsinformatik erhalten, dadurch werde „die juristische Fakultät in einer für sie strategisch wichtigen Phase gezielt unterstützt“ und die Weiterentwicklung des Studiengangs gesichert.
Bartosch betont, dass alle Schritte in „enger Abstimmung“ mit den Fakultäten und mit den studentischen Vertretungen erfolgen. „Soweit unsere Kommunikationsweise den Ansprüchen der Studierenden nicht voll entspricht, bedauere ich dies. Wir werden stets daran arbeiten, das gemeinsame Gespräch immer noch zu verbessern.“ Dazu gehöre eine offene Austauschveranstaltung Anfang Dezember.
Dass hinter den Sparmaßnahmen ein größeres, strukturelles Problem liegt, wissen auch die Studierenden. Man sehe die Verantwortung für die schwierige finanzielle Lage nicht bei der Uni Passau selbst, heißt es in einem Positionspapier der Studierendenvertretung AStA, sondern in einer jahrzehntelangen Sparpolitik der bayerischen Staatsregierungen. Die Vertreter fordern eine angemessene Grundzuweisung für die Uni Passau.
Es werde zwar immer von Rekordinvestitionen im Hochschulbereich gesprochen, sagt Lippstreu. „Es kommt aber bei den kleinen Unis nicht an.“ Viel Geld fließe in aufwendige Einzelprojekte, die Grundfinanzierung jedoch leide darunter. Bisher, so die Studentin, sei noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen, „wie schlimm es um die Unis steht“. Sie wünscht sich eine bayernweite Protestbewegung: „Ich hoffe, dass wir den Anfang machen können und dadurch eine Welle entsteht.“
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