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30.01.2026
14:30 Uhr
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Während das deutsche Nationalteam noch um eine EM-Medaille kämpft, wirft die Heim-WM 2027 ihre Schatten voraus. Der Verband staunt über die Nachfrage.

Es ist ein jährlich wiederkehrendes Duell, dem sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft stellen muss. Der Gegner ist noch fieser als Dänemark: Ein Dutzend wenig oder noch weniger bekannter „Stars“ der RTL-Sendung vom Dschungelcamp, die sich im australischen Busch in den Disziplinen Hodenessen, in Kakerlaken baden oder durch Schleim kriechen versuchen. Wer schafft die höheren Einschaltquoten, Handball oder Dschungelcamp, Leistungssport oder Voyeurismus?
Den bisherigen Höchstwert gab es im Hauptrundenspiel gegen Dänemark zu verzeichnen. Es ging zwar verloren, dafür fuhren die deutschen Handballprofis im Hinblick auf die Zuschauergunst einen Spitzenwert ein: 7,88 Millionen Menschen verfolgten die Partie gegen den Weltmeister und Olympiasieger. Das entsprach einem Marktanteil von 29,1 Prozent und machte die Übertragung aus Herning zur meistgesehenen Sendung des Abends. Bei den jungen Fans, sprich der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, lag die Zuschauerzahl bei 2,38 Millionen, was einem Marktanteil von 37,4 Prozent entspricht.
Die Handball-EM 2026 geht in die entscheidende Phase. Deutschland steht nach einem starken Auftritt gegen Frankreich im Halbfinale gegen Kroatien. Alle Termine und Spiele im Überblick.
Das Trash-TV belegte klar distanziert Rang zwei mit 3,82 Millionen Menschen sowie 14,8 Prozent Marktanteil. Alles gute Zeichen, findet Mark Schober, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Handballbunds (DHB), mit Blick auf die kommenden Aufgaben. Zwar hat das EM-Turnier in Herning noch die Finalspiele vor sich, dennoch wollte Schober zusammen mit Ingo Meckes, Vorstand Sport des DHB, schon mal auf das nächste Großereignis vorausblicken: die Heim-Weltmeisterschaft 2027 im eigenen Land.
Und die Zeichen könnten nicht besser sein, wie Schober vergnügt vortrug: „Diese Europameisterschaft und die Auftritte unserer Mannschaft helfen extrem. Diese sehr große Nachfrage zu einem so frühen Zeitpunkt hat uns ebenso erfreut wie überrascht. Solch einen Run auf Tickets gab es 2019 und 2024 noch nicht.“
Nach Tagen des Haderns und Zweifelns meldet sich Juri Knorr beim 38:34 gegen Frankreich zurück – und zeigt eine seiner besten Leistungen im Nationaltrikot. Doch im Halbfinale wartet der nächste große Gegner.
Kurz vor Weihnachten startete der Vorverkauf, so Schober, und mit Ausnahme von wenigen hochpreisigen VIP-Tickets seien für die Spieltage der DHB-Auswahl für die Vorrunde in München sowie Hauptrunde und Viertelfinale in Köln schon jetzt die Karten vergriffen. 75 Prozent aller zur Verfügung stehenden Tickets seien somit weg, die restlichen 25 Prozent würden noch zurückgehalten für „Gastnationen oder Partner“. Er könne noch nicht sagen, ob aus diesem Pool noch Karten in den freien Verkauf gehen.
Auch abseits der deutschen Gruppe bestehe großes Interesse: „In Magdeburg zum Beispiel haben wir an einem Samstagsspieltag fast 4000 Tickets verkauft, das sind 60 Prozent, und wir wissen noch nicht einmal, wer da überhaupt spielt.“ Am Vorrundenspielort Kiel wurde der gesetzte Weltmeister Dänemark als Gruppenkopf platziert, dort sind für Spieltage mit den Dänen bereits 70 Prozent der Karten vergriffen. „Es ist ein absoluter Wahnsinn“, sagt der DHB-Vorsitzende, der dieses gewaltige Interesse durch „unsere digitale Kommunikation, aber auch durch den Erfolg unserer Frauen-Nationalmannschaft“ erklärt.
Und natürlich durch das DHB-Flaggschiff, die Männer-Nationalmannschaft, das aktuell bei der EM so begeisternd auftritt. Meckes richtet den Blick qua Amt stets in die Zukunft, man befinde sich zwar noch im Turnier, aber „ich denke drei bis vier Jahre voraus.“ Zehn Spieler des aktuellen Teams seien Jahrgang 2000 oder jünger, „wir werden uns entwickeln und nächstes Jahr stärker sein.“ Der Kampf um die Plätze werde dann zunehmen, denn „bei diesem riesigen Handballfest im eigenen Land will jeder Spieler dabei sein.“
Sicher sind für die WM 2027 die ersten vier Teams der EM qualifiziert; weil Ausrichter Deutschland und Weltmeister Dänemark darunter sind, werden Schweden und Portugal nachrücken. Für die anderen Nationen gibt es Qualifikationen im März und Mai, aus der Mittel- und Südamerikagruppe stehen bereits Argentinien (als Sieger) sowie Brasilien, Chile und Uruguay fest.
Die Auslosung findet bereits am 10. Juni in München statt, dann stehen alle Teilnehmer fest und es werden die letzten Ticket-Kontingente auf den Markt gehen. Schober warnt in diesem Zusammenhang vor Trittbrettfahrern: „Es gibt Menschen, die bei uns Tickets gekauft haben und diese teurer auf den Markt bringen.“ Er rät daher zu den regulären Plattformen handball2027.com oder eventim.de.
Und es bleibt nicht das einzige große Turnier in Deutschland: Für die WM 2029, die der DHB zusammen mit Frankreich austrägt, erwartet Schober aufgrund eines kleineren Kontingents eine noch höherer Nachfrage, weshalb der DHB dann über „alternative Konzepte wie ein Lotterieverfahren intensiv nachdenkt“, so Schober. „Eine Luxussituation für den Verband“, freut sich der DHB-Vorstand, „die wir so noch nicht kannten.“ An den Preisschrauben werde man dennoch „nicht massiv drehen“: Bei dieser WM etwa kann man Spiele in Magdeburg für neun Euro anschauen, „die deutsche Route ab 49 Euro“, so Schober, sofern man denn Karten ergattert.
Ein Eröffnungsspiel wie 2024, als in der Düsseldorfer Fußballarena dank Zusatztribünen mit 53 586 Zuschauern ein neuer Weltrekord für ein Handballspiel aufgestellt wurde, wird es nicht geben. Der DHB wolle unter dem Motto „Where handball is alive“ eine neue Geschichte erzählen und die Hallen in ganz Deutschland füllen, nicht nur, wenn das deutsche Team spielt. „Das ist unser Anspruch“, sagt Schober, dementsprechend werde man an jedem Spielort attraktive Teams an den Gruppenkopf setzen, Nationen wie „Färöer, Frankreich oder Norwegen“.
Auch in Herning habe es Anregungen gegeben – etwa die riesige Fanzone in der Jyske Bank Boxen, die in zwei anliegenden Hallen aufgebaut ist und neben Fanartikeln und Essen auch handballspezifische Vergnügen bietet wie eine Ballwurfmaschine oder sogar kleine Handballfelder für Kinder. Schon aufgrund der Kapazitäten in den deutschen Hallen werde das nicht umzusetzen sein, sagt Schober, zudem berge dies einen Nachteil: Bei Spielen ohne dänische Beteiligung sind die Zuschauer zumindest in Herning lieber in der Fanzone als in der Halle.
Das Wichtigste bis dahin aber sind gute Leistungen der deutschen Handballer, die dieser Vorgabe beispielhaft nachkommen. Kakerlaken und Ekelprüfungen sind längst kein Gegner mehr.
Erst Doppel-Spieltag, dann keine Zeit zur Regeneration: Deutschlands Halbfinal-Gegner Kroatien fühlt sich schwer benachteiligt, Trainer Dagur Sigurdsson spricht von einer „Schande“.
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