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12.02.2026
16:28 Uhr
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Zehn Monate nach einem Schien- und Wadenbeinbruch beglückt die 35-jährige Federica Brignone Italien: Sie besteht das Rodeo des Super-G und kürt sich zur ältesten Ski-Olympiasiegerin.

Federica Brignone gewinnt Gold für Italien. (Foto: Michael Kappeler/dpa)
Wenn sie ehrlich zu sich war, dann hatte sie kaum daran geglaubt. Weder daran, so schnell wieder auf die Beine zu kommen, noch daran, dass sie die Knochen wieder rechtzeitig in den Skischuh zwängen würde. Und schon gar nicht, dass sie bei den Winterspielen in Italien, in ihrem Land, oben am Starthaus stehen würde: in den Dolomiten unter dem an diesem Tag von Wolken verdeckten Dreizack der Tofanen. Und dann stand Federica Brignone, 35 Jahre alt, aus Mailand, im Zielhang und nahm unter dem Jubel der Zuschauer, beglückt und auch ein wenig verwundert, die Umarmungen und Gratulationen der Kolleginnen entgegen.
„Das ist richtig stark, was sie gemacht hat“, sagte Emma Aicher anerkennend, die am Donnerstag beim Super-G ihre Chance auf eine dritte Medaille in Cortina durch einen Fahrfehler einbüßte und an einem Tor vorbeifuhr. Was Brignone gelungen sei, sagte Aicher, „das schaffen nur wenige“.
Sie wollte noch einmal die Welt verblüffen – und es ging schief: Lindsey Vonn erlebt bei ihrem verheerenden Unfall in Cortina, dass ihr Körper nach einer Knieverletzung zu schwach ist und bricht sich das linke Bein.
Es handelte sich vielleicht nicht um die schnellste Heilung seit Lazarus, aber im Bereich des an Rekordrekonvaleszenz nicht armen Wintersports war Brignone relativ nah dran. Als die alpine Skisaison Ende Oktober in Sölden begann, hatte sie noch in Zivil mit leicht unrundem Gang ein Podium betreten und von ihrem Unfall am 3. April erzählt. Sie hoffte auf ein Comeback, kaum jemand der Anwesenden im Saal hielt das für realistisch.
Der Winter war hatte sich damals, im April, fast schon zurückgezogen, die Krokusse blühten, und Brignone, zweimalige Weltmeisterin und Siegerin in 37 Weltcuprennen, trat bei den nationalen italienischen Meisterschaften im Fassa-Tal an. Es war kein Pflichttermin mehr für eine derart hochdekorierte Profisportlerin; aber Brignone, Tochter der früheren italienischen Skirennläuferin Maria Rosa Quario, wollte den Nachwuchsläufern ein Vorbild sein. Sie stürzte im Riesenslalom, verfing sich im Tor, überschlug sich und brach Schien- und Wadenbein, erlitt zudem einen Kreuzbandriss. „Es wäre schön, wenn ich wieder laufen könnte“, sagte sie danach. Von Skifahren war nicht die Rede.
292 Tage später, am 24. Januar, wagte sie nach nur wenigen Trainingstagen die Rückkehr auf die Weltcup-Pisten und wurde Sechste im Riesenslalom am Kronplatz. Das Adrenalin, sagte sie, unterdrücke die Schmerzen. Ein weiterer Test folgte in Crans-Montana, dann am Sonntag Platz zehn in der Olympia-Abfahrt. Und jetzt ist sie Olympiasiegerin im Super-G: die älteste in der alpinen Skigeschichte. Ein „miracolo“, jubelte die Gazzetta dello Sport.
Wunder? Vielleicht nicht ganz. Es kam eine Ladung Willenskraft, ein Zentner Trotz und eine gewaltige Dosis Leidensfähigkeit dazu. „Ich habe es geschafft, weil ich das Zeug dazu hatte“, sagte sie im Ziel in die Kameras. „Ich wusste, ich war Außenseiterin, aber ich wusste auch, dass ich schon viel erreicht hatte.“ Im Februar 2025, kurz vor dem verheerenden Unfall, war sie Weltmeisterin im Riesenslalom geworden. Die Art, wie sie damals durch die Tore carvte, als schwinge sie durch Sahne und nicht über ruppigen, welligen, eisharten Schnee, dazu ihr enormer Vorsprung, brachten ihr die Bewunderung der Konkurrenz ein.
Doch nicht im Riesenslalom, ihrer Paradedisziplin, hat sie am Donnerstag die Weltelite verblüfft. Sondern in einer Hochgeschwindigkeitsdisziplin, dem Super-G durch die sehr weit gesteckten Tore. Der Kurs entpuppte sich bei schlechten Sichtverhältnissen als ein Rodeo, das viele abwarf.
Emma Aicher, die direkt nach Brignone mit Startnummer sieben ins Rennen ging, lag schon bei der zweiten Zwischenzeit zurück; dann erwischte sie eine Kurve falsch, verfehlte ein Tor und wurde, ohne Sturz, aus dem Hang getrieben. „Das ärgert mich“, sagte die zweimalige Silbermedaillengewinnerin Aicher, die am Dienstag mit 0,05 Sekunden Rückstand an Kombinationsgold und am Sonntag mit 0,04 Sekunden Rückstand an Abfahrtsgold vorbeigerauscht war: „Mit Startnummer sieben darf das nicht passieren, ich kann es auf niemanden sonst schieben als auf mich.“ Sie habe ja gewusst, dass sie die Ideallinien „nicht verlassen sollte, weil es so nass und weich ist“. Auch Keira Weidle-Winkelmann, mit Aicher Silbermedaillengewinnerin in der Team-Kombination, kam nicht ins Ziel, nach einem taktischen Fehler, wie sie sagte: „Aber bei Olympia muss man was riskieren.“ Ebenso erging es einer Reihe von Spitzenfahrerinnen, etwa Sofia Goggia und Ester Ledecka. Abfahrtssiegerin Breezy Johnson aus den USA flog ins Fangnetz, aber offenbar ohne sich schwer zu verletzten.
Doch das Risiko fährt immer mit. Ein Blick auf die Super-G-Ergebnislisten vergangener Großereignisse zeigt, dass das Speed-Gewerbe bei 100 km/h auf zwei langen Messerklingen ohne Knautschzone seine eigene Athletenschar dezimiert. Es trifft auch die Besten: Die Super-G-Olympiasiegerin von 2022, Lara Gut-Behrami, verunglückte im November beim Training und zog sich eine schwere Knieverletzung zu. Die Super-G-Weltmeisterin von 2023, Marta Bassino, 29, fehlt in Cortina wegen eines Bruchs des Schienbeinköpfchens. Bei Lauren Macuga, 23, der WM-Dritten 2023, lautet die Diagnose Kreuzbandriss. Und das Drama um die Bergrettung von Lindsey Vonn, 41, die am Sonntag mit akutem Kreuzbandriss im linken und Titanüberzug im rechten Knie auf der Tofana die Ideallinie verfehlte, hat die Weltöffentlichkeit live am Fernsehen verfolgt.
Federica Brignone wurde von ihren Landsleuten am Donnerstag frenetisch gefeiert. Sogar eine Fliegerstaffel mit Nationalfarben zu ihren Ehren wurde am Dolomitenhimmel gesichtet. Ein Märchen, ein Miraculum, aber ist es ganz sicher nicht. „Ich kann gehen“, sagte Federica Brignone, „aber nicht lange ohne Schmerzen.“
Keine Skirennläuferin beherrscht die vier alpinen Disziplinen wie die Deutsche Emma Aicher. Warum? Eine Analyse – mit Trainingsvideos aus ihrer Perspektive und Einschätzungen von Hilde Gerg.
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