SZ 18.01.2026
11:46 Uhr

(+) Führungsstil: Stromberg im Kanzleramt


Es ist kein Zufall, dass der Bundeskanzler und Deutschlands beliebtester Büro-Antiheld sich frappierend ähneln. Über einen Typus Chef, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint – und doch eine deutsche Sehnsucht bedient.

(+) Führungsstil: Stromberg im Kanzleramt

Über die Ähnlichkeit zwischen dem realen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland Friedrich Merz und dem erfundenen Versicherungsabteilungsleiter Bernd Stromberg (gespielt von Christoph Maria Herbst) wurde schon viel geschrieben. So viel, dass sogar der Regierungssprecher Stefan Kornelius nicht umhinkam, eine gewisse optische Ähnlichkeit der beiden Figuren einzuräumen. Wörtlich sagte Kornelius der Deutschen Presse-Agentur: „Dem Frisuren-Vergleich wird sich der Bundeskanzler vermutlich nicht entziehen können.“ Nicht ohne danach zu betonen: „Ansonsten aber unterscheiden sich Büroalltag und Umgangston im Kanzleramt deutlich von der Serie.“

Aber stimmt das auch? Bernd Stromberg ist Träger einer vollendeten Halbglatze, von der ikonischen Merz’schen Haarinsel kann er nur träumen. Und die Sache mit dem Umgangston – sagen wir so: Der Autor dieser Zeilen hatte in einem populären Quiz, bei dem man raten muss, ob bestimmte Zitate von Friedrich Merz oder Bernd Stromberg stammen, eine ausbaufähige Trefferquote von 57 Prozent. Es ist aber auch wirklich schwer. Hand aufs Herz: Könnten Sie den Satz „Junge Besen kehren gut, aber die alte Bürste kennt die Ecken“ zweifelsfrei richtig zuordnen?

Der größte Hype um beide Figuren hat sich inzwischen nach Amts- und Kinostart wieder gelegt. Es wird also Zeit für eine ausgeruhte Nachbetrachtung. Wieso erscheint der Vergleich auf den ersten Blick so naheliegend? Es könnte daran liegen, dass man die beiden intuitiv demselben Führungstypus zuordnet. Sowohl Friedrich Stromberg als auch Bernd Merz (oder war es andersherum?) entsprechen einer genuin deutschen Cheffigur: dem etwas arrogant wirkenden, gern peinlichen, leicht ungeschickt autoritären, insgesamt anticharismatischen, in den liebenswerten Momenten unfreiwillig menschlichen Vorgesetzten.

Wenn sich der Kanzler von seinen Affekten leiten lässt, geht das schon mal schief. Mit unabsehbaren Folgen, wie die Debatten der vergangenen Wochen zeigen. Vom Wert der emotionalen Intelligenz.

Böswillige Kommentatoren sehen die größte Merz/Stromberg-Parallele darin, dass sowohl Friedrich als auch Bernd in ihrer jeweiligen Amtspersona solche Ekel verkörpern, dass ihre Untergebenen schon deshalb besser zusammenarbeiten, weil sie denselben Feind, denselben linkischen Despoten vor der Nase sitzen haben, einen dermaßen danebenen Charakter, dass jeder Kollege, jede Kollegin außer dem Höllenboss zwangsläufig das kleinere Übel ist.

Müßig festzustellen, dass dieser Führungsstil Nachteile hat. Sehr fähige Mitarbeiter, zum Beispiel eine kluge Sachbearbeiterin oder ein begabter Regierungssprecher, werden regelmäßig durch die nachträgliche Einhegung katastrophaler Peinlichkeiten („Gestern Morgen in Luanda am Frühstücksbuffet hab’ ich gesucht, wo ist ein ordentliches Stück Brot – und keins gefunden“) von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten. Aus der so entstehenden Beschränkung der Ressourcen mag zwar einige Kreativität entstehen, aber mit so etwas wie echter Innovation wird es eher schwierig.

Der Cheftyp Merz/Stromberg ist besonders in Deutschland so häufig, weil es eine historisch verankerte Skepsis gegenüber charismatischen Führungspersonen gibt. Die aber zu schwinden beginnt, was man auf zwei Arten bewerten kann. Pessimistisch: Die sperrig durchritualisierte Erinnerungskultur in Deutschland verliert an Wirkung, deshalb lösen Menschen mit Anziehungskraft keine lauten Warnsignale mehr aus. Optimistisch: Die Demokratie in Deutschland ist einundachtzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs so konsolidiert, dass ein bisschen Ausstrahlung kein politisches Karrierehindernis mehr ist.

Die Wahrheit wird wie so oft irgendwo dazwischen liegen. Das Wesen der Typologie liegt immer auch in ihrer Verneinung, sprich in dem ganzen weiten Raum, der sich zwischen Typ A und Typ B aufspannt. Deswegen sind vermeintlich holzschnittartige Typologien fast immer nicht nur heiter, sondern auch erkenntnisstiftender als ihr Ruf. Welche Typen von Führungspersonen gibt es also im gegenwärtigen Deutschland, zwischen dem längst nicht mehr alternativlosen, mikromanagenden, restsexistischen Boomer-Chef und der paradox fortschrittlichen, queeren, im Ausland lebenden Führerin einer traditionalistisch-nationalistischen Unternehmung, siehe AfD-Frontfrau Alice Weidel mit Wohnsitz im beschaulichen Einsiedeln in der Schweiz? Und was können wir in den Zwischenräumen zwischen diesen Extrembeispielen der Exzentrik finden?

Sicher gibt es in irgendeiner Werbefirma da draußen immer noch den Führungstyp Don Draper. Der Protagonist der Serie „Mad Men“ (gespielt von Jon Hamm) ist ein Charismatiker alter, angelsächsischer Schule: betont geheimnisvoll, fachlich brillant, emotional verschlossen, so melancholisch mit dem Altern und dem Alkoholismus kämpfend, dass es mitunter ins Larmoyante kippt, was man ihm aber aufgrund seines sehr attraktiven Äußeren verzeiht.

Die Welt der Mode wird auch heute nicht den Typ Miranda Priestly (Meryl Streep) aus dem Film „Der Teufel trägt Prada“ missen, eine nur oberflächlich fiktionalisierte Version der legendären Vogue-Chefin Anna Wintour: eine Stilikone, die unmöglich einzuhaltende, ultrahohe Standards zur absoluten Mindestanforderung erklärt und die das besonders leise Sprechen anstelle des plumpen und lauten Lospolterns als spezielle Einschüchterungsstrategie perfektioniert hat.

Beide Führungstypen sind eher Auslaufmodelle der althergebracht toxischen Kategorie, der man die Toxizität hundert Meter gegen den Wind ansah. Sie werden nach und nach ersetzt von Nachfolgerinnen und Nachfolgern, die geschicktere Soziopathen sind und Empathie so gut schauspielern können, dass sie auch für sie selbst beinahe real wird. Immer wieder sind auch echte Seelenmenschen dabei, die die Reflexion der eigenen Rolle nicht nur als rhetorisches, machiavellistisches Machtmimikry betreiben, sondern tatsächlich für sinnvoll erachten. Chefinnen wie die Fußballklubbesitzerin Rebecca Welton (Hannah Waddingham) in der Serie „Ted Lasso“, die ihre manipulativen Strategien hinter sich lässt und Führung neu lernt.

Spannend zu wissen wäre, ob es noch Betriebe gibt, die nach astrein mafiösen Strukturen funktionieren. Aus cineastischen und nostalgischen Gründen wäre es schade, wenn nicht. Wenn also der Cheftyp Tony Soprano (James Gandolfini) endgültig ausstürbe: ein cholerischer Patriarch, dessen Führungsprinzip zwischen der Erzeugung von Angst, der Einforderung von Loyalität und der Bereitstellung von Fürsorge changiert.

Aber die Wahrheit ist wohl, dass die meisten hier angeführten fiktionalen Chefbeispiele in der Gegenwart kaum noch eine Chance hätten. Moderne Führungskräfte müssen sich mit brutalen Widersprüchen auseinandersetzen. In der semantischen Verwässerung der Hierarchien zwischen dem Hamburger Sie („Giovanni, könnten Sie ...“) und dem Münchner Du („Herr Heckler, kannst du ...“) geht der Trend zu einem flächendeckenden Duz-Zwang im beruflichen Kontext. Das bringt schon grammatikalisch Herausforderungen im Balanceakt zwischen Nähe und Distanz mit sich.

Die Zeiten, in denen die Existenz harter Hierarchien weggeleugnet wurde, sind nämlich andererseits auch inzwischen wieder vorbei. Man will wieder wissen, wer der Boss ist. Die Mär, dass bei uns alle gleich seien, hat einen ephemeren Cheftypus hervorgebracht, der inzwischen aus guten Gründen wieder verschwunden ist, nämlich den bedürfnisorientierten, soften Cookie, der sich eher als Assistent seiner Untergebenen versteht und geknickt hinschmeißt, weil er es als sein eigenes Versagen wertet, dass es ihm nicht gelungen ist, mit allen gleich gut befreundet zu sein. Der Lernprozess, dass eine Tischtennisplatte im Foyer des Geschäftsgebäudes nicht bedeutet, dass man hier einfach sein Ding machen kann, darf als abgeschlossen gelten.

Modernde Chefinnen und Chefs haben nun das Problem und gleichzeitig das Privileg, dass es alle Rollenausprägungen, alle Vorgängerversionen, alle veralteten Betriebssysteme vor ihnen schon gab. Das bringt ein ziemliches Potenzial, aber gleichzeitig auch eine psychologische Herausforderung mit sich. Nämlich die illusorische Sehnsucht danach, wie Don Draper einfach um 13 Uhr zum Flachmann zu greifen, aus purer existenzieller Not ein bisschen die Untergebenen zu mobben und dann ganz eins zu werden mit seiner melancholischen Identitätskrise. Also nur zum Beispiel.

Wir alle wurden aus dem Paradies der fiesen Chefs und der armen Arbeitnehmer vertrieben. Es gibt keine Typen mehr, nur noch ambivalente Antihelden auf allen Positionen der Gesellschaft. Kein böser Chef ist nur böse, kein guter Angestellter nur gut. Das gilt sowohl und vor allem für die Fiktion, die immer komplexere Erzählungen von Firmen hervorbringt („Succession“, „Industry“, „The Pitt“), als auch für unsere Realität, die sich nach diesen Erzählungen richtet und immer wieder auch neue Erzählungen hervorbringt.

Und jetzt blickt der narrativ geschulte Angestellte auf seine Chefin und die noch besser narrativ geschulte Chefin auf ihren Angestellten, wie zwei Psychoanalytiker, die sich so sehr wünschen, einfach zwei vorbewusste Typen zu sein, die sich nie Gedanken um sich selbst machen, alle psychischen Probleme nur auf der Körperebene erleben und schließlich an einer Fettleber sterben, ohne sich nur einen einzigen profunden Gedanken zu ihrer eigenen Existenz und beruflichen Rolle gemacht zu haben. Und dann treten sie doch wieder in einen vielseitigen und komplexen Austausch, an dessen Ende der Feierabend steht.

Vielleicht ist gerade deshalb das vermeintliche Fossil Friedrich Merz der amtierende Bundeskanzler Deutschlands und das Ekel Bernd Stromberg auch 2025 einer der publikumswirksamsten Kinohelden. Vielleicht hat ihr Erfolg damit zu tun, dass wir uns alle nach einem guten alten Feindbild sehnen, in dem Wissen, dass wir vielleicht nie wieder eines bekommen werden. Ach, ach, ach. Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?

Christoph Maria Herbst spielt wieder seine ikonische Rolle als „Stromberg“, der schlimmste aller Chefs. Ein Gespräch über Missverständnisse in der Fußgängerzone, den „Klobrillenbart“ und Strombergs gescheiterte Karriere in der SPD.

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