SZ 15.02.2026
16:41 Uhr

(+) Franziska Preuß im Biathlon: „Heute bin ich down“


Der Frust ist groß: Erneut vergibt Franziska Preuß eine olympische Einzelmedaille beim letzten Schießen. Die Suche nach den Gründen beginnt – und es gibt erste Antworten.

(+) Franziska Preuß im Biathlon: „Heute bin ich down“
Enttäuscht und entkräftet: Franziska Preuß verpasst auch im Verfolgungsrennen die ersehnte Einzelmedaille. (Foto: Hettich/Fotostand/Imago)

Beinahe hätte die Biathletin Franziska Preuß den Bann gebrochen: Wieder einmal zückte sie das Kleinkalibergewehr zur letzten Schusseinlage. Wieder einmal hatte die Ruhpoldingerin ein Klasserennen geliefert. Wieder einmal bis zum Beginn des letzten Kapitels, das im Biathlon die Entscheidung bringt. 15 von 15 Schuss hatte die 31 Jahre alte Preuß ins Schwarze getroffen, wie bereits im Mixed, im Einzel oder im Sprint war sie mit perfekter Trefferquote zum letzten Stehendschießen auf die Matte getreten.

Und dann, als liefe eine wiederkehrende Filmrolle ab, ließ Preuß abermals zwei Scheiben stehen. Statt um die erste olympische Einzelmedaille ihrer Laufbahn zu spurten, bog Preuß in die Strafrunde ein – wurde am Ende Sechste und sank im Ziel in sich zusammen, dass sie einem leidtun konnte.

Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.

Ihre letzten Spiele hätten das „i-Tüpfelchen“ auf ihre Karriere sein sollen, mit diesem Plan war die Ruhpoldingerin nach Antholz gereist. „Einmal mit einem guten Gefühl von Olympia heimkommen“, hatte Preuß im SZ-Interview erklärt, ohne konkret zu formulieren, woran sie die Gefühlswelt festmache. Gesamtweltcupsiegerin ist sie geworden, Weltmeisterin, Deutschlands Sportlerin des Jahres, nur die olympische Einzelmedaille, die fehlt weiterhin in der Vitrine. „Heute bin ich down, aber das darf man auch mal sein“, sagte Preuß nach dem Rennen geknickt, wie könnte es auch anders sein. Die beiden Fehler im Einzel habe sie beim letzten Schießen eigentlich nicht mehr im Kopf gehabt, sagte Preuß, „vielleicht aber unterbewusst“.

Nach sieben von elf olympischen Entscheidungen in der Südtirol Arena zu Antholz lässt sich ein Zwischenfazit ziehen: Das Zielwasser fließt nahezu überall, nur nicht im deutschen Hotel. Den Sieg im Zehn-Kilometer-Verfolgungsrennen sicherte sich am Sonntag die Italienerin Lisa Vittozzi vor der Sprint-Olympiasiegerin Maren Kirkeeide aus Norwegen und der Finnin Suvi Minkkinen. Zuvor im Jagdrennen der Männer war Philipp Horn als bester Deutscher auf Rang elf ins Ziel gekommen. Die Goldmedaille gewann der Schwede Martin Ponsiluoma vor Sturla Holm-Laegreid aus Norwegen und dem Franzosen Emilien Jacquelin, der Bronze zuvor im Sprint noch knapp verpasst hatte. Für Laegreid ist es die dritte Medaille in Antholz. Ponsiluoma indes sicherte dem schwedischen Verband nach einigen Fehlversuchen die erste olympische Medaille dieser Spiele. Auch in Schweden wurde Krisengerede laut, aber eine olympische Goldmedaille überdeckt alles.

Und eventuell galt und gilt das auch für den deutschen Biathlonsport der jüngeren Vergangenheit: dass die Erfolge einzelner Topathletinnen und -athleten kaschierten, wie es eigentlich bestellt ist um die Qualität und Quantität einer ganzen Disziplin samt verschiedener Ebenen. Denise Herrmann-Wick ist da zu nennen, Benedikt Doll und zuletzt eben Franziska Preuß. Ansonsten fällt auf, dass Team Deutschland verglichen mit den skandinavischen Verbänden, den Italienern und vor allem auch den Franzosen immer weniger schlag- und schusskräftig wirkt. Woran mag das liegen? Auch dazu gibt es in Antholz Antworten.

Ole Einar Björndalen hat eine Erklärung, auch er ist am Sonntag in der Arena, ihm wurde nachträglich die Bronzemedaille aus Sotschi überreicht, die jetzt um seinen Hals baumelt. „Der Nachwuchs in Deutschland ist nicht gut genug“, sagt Björndalen: „Die Deutschen müssten da viel härter arbeiten, es muss eine Verbindung geben von jungem Alter zu den Schulen, den Sportschulen zu den B-Teams und zum Nationalteam.“ Deutschland sei „ein großes Land, aber sie haben keine große Breite im Nachwuchs“.

Er empfehle, sich „viel mehr darum zu bemühen, junge Leute an den Biathlonsport heranzuführen“. Ähnlich sieht es Simon Schempp, Franziska Preuß’ Lebensgefährte, auch ihm wurden im Stadion Ehren zuteil, als Mitglied des Staffelteams, das für 2014 nachträglich die Goldmedaille überreicht bekam. Schempp richtet den Blick zuvorderst nach Frankreich: „Wenn man sich die Ergebnislisten anschaut, im Weltcup, im IBU-Cup und im Juniorenbereich, sind die Franzosen mit einer auffällig breiten Masse vorn dabei.“

Die deutschen Skijäger halten sich also zurück, wenn es um Beiträge für den Medaillenspiegel geht. Das ist die weniger gute Nachricht in Richtung Heimat, es gibt aber auch frohe Kunde in Richtung deutscher Skijägerschaft: In Deutschland, das wurde gemessen, führt Biathlon auch bei diesen Spielen das Ranking der beliebtesten TV-Wintersportarten an. Sieben Biathlon-Übertragungen von den Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo lagen bis Freitag in den Top Ten der am meisten gesehenen TV-Sendungen. Am beliebtesten war der Biathlon-Sprint der Männer in der ARD mit durchschnittlich 4,397 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 41,8 Prozent, wie die AGF Videoforschung ermittelte. Die Treue zum Biathlon verschmilzt offenbar mit Genügsamkeit.

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