SZ 19.01.2026
07:47 Uhr

(+) Finale des Afrika-Cups: Ein beispielloses Endspiel


Überforderter Schiedsrichter, Tumulte und ein entscheidender Sadio Mané: Bei Senegals Triumph gegen Marokko spielen sich Dramen aller Art ab – Brahim Díaz von Real Madrid wird zur tragischen Figur.

(+) Finale des Afrika-Cups: Ein beispielloses Endspiel

Dann lief Sadio Mané los, er hatte offensichtlich genug. Die Anzeigetafel des Prince Moulay Abdellah Stadium in Rabat zeigte gerade die 110. Minute der regulären Spielzeit an, allein das war schon Zeugnis der Besonderheiten in den Minuten zuvor. Tumulte hatte es gegeben, auf dem Feld, auf den Zuschauerrängen, wo die senegalesischen Anhänger Sitzschalen warfen und versuchten, aus ihrem Block auszubrechen. Beruhigt hatte sich die Lage noch nicht, zumindest aber schien es, als könnte das Spiel nun ohne Sicherheitsbedenken fortgesetzt werden. Dieses Finale des Africa Cup of Nations, es lag nun in den Händen von Mané, der sich auf den Weg in die Kabine Senegals machte. Er musste seine Mannschaft zurück auf das Feld holen.

„Es wäre traurig und bedauerlich gewesen, ein Finale so enden zu sehen. Es ist unmöglich, der Welt ein solches Bild zu vermitteln“, sagte der frühere Münchner über diese Szenen. Er hätte „lieber verloren, als so ein Ende zu erleben. Das hat mich bewogen, den Jungs zu sagen, sie sollen zurückkehren und unseren Fußball spielen“.

In einer beispiellosen Aktion waren die Senegalesen zuvor unter Protest vom Feld geflüchtet, nachdem ihnen in ihrer Wahrnehmung der Turniersieg gestohlen worden war. Gleich zweimal. Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo hatte erst in der zweiten Minute der Nachspielzeit einen Treffer Senegals nicht gegeben, weil diesem ein fragwürdiges Foul vorangegangen war. Der VAR konnte sich allerdings nicht einschalten, Ndala Ngambo hatte schon gepfiffen, bevor der Ball im Tor landete. Dafür meldete sich der Videoschiedsrichter wenige Minuten später: Diesmal, in der sechsten Minute der Nachspielzeit, wurde ein Zupfen am Trikot des Marokkaners Brahim Díaz als Foul geahndet – und der Schiedsrichter aus Kongo entschied nach Ansicht der Bilder auf Strafstoß.

Der Afrika-Cup ist vor dem Halbfinale ein Turnier ohne große Überraschungen. Gernot Rohr, Trainer des unterlegenen Benin, argwöhnt: Das liege nicht nur an der Qualität der großen Teams.

Es war eine Entscheidung, die eine Debatte befeuerte, die nicht zuletzt Gernot Rohr angefacht hatte, der deutsche Trainer der Mannschaft aus Benin. Marokko, hatte er im Deutschlandfunk gesagt, habe „als Gastgeber gewisse Vorteile“, Schiedsrichter würden manchmal „ein bisschen Sympathie zeigen“. Aber auch die Art, wie Senegals Team reagierte, verzerrte fraglos den Wettbewerb.

Schiedsrichter Ngambo entglitt durch den Abschied der Senegalesen in die Kabine die Kontrolle vollends. Spieler beschimpften ihn, der Ärger übertrug sich auf die Tribüne. Trainer Pape Thiaw war entscheidend beteiligt, er schickte seine Mannschaft in die Kabine. Und erst als Mané, der als einer der wenigen Senegalesen auf dem Rasen geblieben war, Minuten später den Ernst der Lage erkannte und losrannte, um seine Kollegen zurückzuholen, konnte das Spiel fortgesetzt werden. Marokkos Trainer Walid Regragui beschwerte sich hinterher bitterlich: „Wie der afrikanische Fußball sich präsentiert hat, war eher beschämend. Ein Spiel mehr als zehn Minuten lang unterbrechen zu müssen, während die ganze Welt zuschaut, ist nicht sehr stilvoll“, sagte er.

Allein: Der Irrsinn war damit noch lange nicht zu Ende.

14 Minuten nach dem Elfmeterpfiff drückte Youssef En-Nesyri seinem Mitspieler Díaz den goldenen Finalball in die Hand, der Marokko zum ersten Titel seit 1976 bringen sollte. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid sollte den entscheidenden Treffer erzielen, doch er entschied sich im vielleicht bedeutendsten Moment seiner Laufbahn gegen das Gewöhnliche, gegen einen normalen Schuss. Sein Elfmeter, ein Lupfer in die Tormitte, ein schlecht ausgeführter Panenka, eine gescheiterte Hommage an Zinédine Zidane im WM-Finale von 2006, er wurde zur Peinlichkeit. Senegals Torhüter Edouard Mendy blieb stehen, fing den Ball auf, zeigte in den Himmel, aus dem es gerade zu regnen begonnen hatte, als ob es noch mehr Dramatik gebraucht hätte. Und dieses bemerkenswert wahnwitzige Finale, es setzte sich in der Verlängerung fort.

Wieder also sollten sich Marokko und Senegal mit denselben Mitteln wie zuvor bekämpfen. Ein intensiver Schlagabtausch war dieses Spiel von Anfang an gewesen, taktisch und spielerisch unterstrich es das gestiegene Niveau des gesamten Turniers. Das Drumherum blieb aber konfus: Wie schon im Halbfinale gegen Nigeria wurde Senegals Torwart Mendy immer wieder sein Handtuch geklaut, diesmal allen voran von den marokkanischen Ballkindern im Stadion von Rabat, die das Handtuch in den eigenen Fanblock warfen. Irgendwann nahm sich Senegals Ersatztorhüter der Sache an und rangelte mit mehreren Kindern um das Handtuch, während das Spiel nebenher lief. Und zu einer Entscheidung fand.

In der offiziell 94. Spielminute lief einmal mehr Sadio Mané los. Der 33-Jährige wirkte inzwischen sichtbar angeschlagen und ermüdet, aber eine Situation im Mittelfeld erkannte er meisterhaft: Dem Marokkaner Neil El Aynaoui stahl er den Ball vom Fuß, dribbelte kurz und leitete dann den Gegenangriff ein. Kurz darauf wurde Villarreals Pape Gueye angespielt, er gelangte an den Rand des Strafraums, verlor sich fast zwischen den marokkanischen Beinen und schoss doch noch, im Fallen: Traumhaft schlug sein Schuss im rechten oberen Eck ein, zum 1:0, das bleiben sollte.

Es war das Endergebnis eines Finalspiels, dessen Kuriosität selbst unter den in der Historie schon häufig besonderen Afrika-Cup-Finals herausragen wird. Und das mit extremen Bildern endete. Mit Aufnahmen der entsetzten Anhänger Marokkos im Stadion, deren teilweise unlautere Versuche, das Spiel von außen zu beeinflussen, gescheitert waren – fast schon ironisch mutete es an, dass Marokko im Nachgang des Spiels noch den Fairplay-Award gewann. Auch Brahim Díaz wurde ausgezeichnet, er erhielt von Fifa-Präsident Gianni Infantino die Auszeichnung als bester Torschütze des Turniers. So verloren wie einst Zidane, der 2006 ebenfalls eine Einzelauszeichnung erhalten, aber den WM-Titel verloren hatte, wirkte die zentrale Figur des Spiels inmitten seiner trauernden Landsleute.

Auf der anderen Seite zelebrierten die Senegalesen ihren Nationalhelden Mané, den größten Fußballer des Landes, der in Rabat durch sein angekündigtes Karriereende nach der WM 2026 seine letzte Partie bei einem Afrika-Cup bestritt. Sie wurde unter widrigen Umständen zur Krönungsmesse eines Spielers, der entscheidend dazu beitrug, dass dieses Finale überhaupt ein Ende finden konnte.

Ex-Bundesligaprofi Otto Addo führt Ghana als Trainer zur WM. Im Interview erzählt er, was die Entwicklung junger Fußballer aus Afrika hemmt, warum er auch eine Art Transfermanager ist und was sich beim Thema Rassismus in Stadien verändert hat.

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