SZ 21.01.2026
08:41 Uhr

(+) Favorit bei der Handball-EM: Tatsächlich: Dänemark kann verlieren


Erstmals seit zwölf Jahren verliert Dänemark in eigener Halle ein Handballspiel: Nach dem 29:31 gegen Portugal ist der Schock im Land des EM-Favoriten groß  – und das deutsche Team muss sich schnell auf einen anderen Gegner einstellen.

(+) Favorit bei der Handball-EM: Tatsächlich: Dänemark kann verlieren
Mathias Gidsel (hinten Mitte) hat mit den Dänen bei der Handball-EM erstmals verloren. (Foto: Maximilian Koch/Imago)

Die Worte sprudelten nur so aus Salvador Salvador heraus, der mächtige Innenblocker der Portugiesen konnte sein Glück kaum fassen: „Vor zwei Tagen haben wir schlecht gelaunt die Halle verlassen, heute ist uns ein fast perfektes Spiel gelungen.“ Damit spielte der Rückraumspieler von Sporting Lissabon auf das 29:29-Remis gegen Nordmazedonien an, in dem die Portugiesen wenig überzeugend agiert hatten.

Nun durfte sich Salvador guten Gewissens ein wenig Pathos leisten, denn die Portugiesen hatten der Übermannschaft Dänemarks, dem turmhohen Favoriten bei der Handball-EM, überraschend wie verdient mit einem 31:29-Triumph die Grenzen aufgezeigt und damit die erste Sensation der Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen geliefert. Salvador sagte: „Wir machen große Fortschritte auf unserem Weg, eines der besten Teams der Welt zu werden.“

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Auch Kreisläufer Luis Frade, der beim FC Barcelona sein Geld verdient, suchte nach Erklärungen: „Es ist schwer in Worte zu fassen. Wir waren überragend, hatten den Gegner in der Abwehr perfekt im Griff, im Angriff eine hohe Effektivität, und unsere Torhüter haben uns enorm geholfen. Aber genau kann ich es nicht erklären. Kein Fachmann hätte auf uns gesetzt.“

In der Tat, dem Außenseiter ist das gelungen, woran zuvor alle Nationalteams eine kleine Ewigkeit gescheitert waren: Portugal hat den Weltmeister und Olympiasieger in der „Hölle von Herning“ düpiert, in der Jyske Bank Boxen in Midtjylland lehrt die dänische Handball-Nationalmannschaft normalerweise seit zwölf Jahren jeden Gegner das Fürchten. Die letzte Niederlage im riesigen Handball-Tempel mit der legendären Stehplatztribüne, in dem ein rotes Meer von 15 000 Fans die Mannschaft unaufhörlich nach vorn brüllt und singt, datiert aus dem Jahr 2014, als Frankreich den Gastgeber im EM-Finale 41:32 bezwang. Vom „dänischen Zusammenbruch“ schrieb die dänische Tageszeitung B.T. am Morgen danach, die Ursachenforschung blieb diffus.

Seltsam gelähmt erschien das Ensemble um Welthandballer Mathias Gidsel auch am Dienstagabend. Früh lagen die Gastgeber 1:3 zurück und zeigten Schwächen, Linksaußen Emil Jakobsen von der SG Flensburg-Handewitt ballerte aus bestem Winkel meterweit am Tor vorbei und scheiterte mit zwei Siebenmetern. Auch Kollege Magnus Landin, der ihn ersetzte, verwarf zweimal von der Strafwurf-Linie. Das gefürchtete Konterspiel des Weltmeisters wurde von den Portugiesen immer wieder mit cleverer Abwehrarbeit erstickt, und kreuzten die roten Angreifer doch mal frei vor dem Tor der Südeuropäer auf, hatten diese in Gustavo Capdeville und Pedro Tonicher zwei herausragende Torhüter.

So brachten die Gäste eine knappe Führung in die Kabine und hielten dem Ansturm der Dänen auch in der zweiten Halbzeit stand. Selbst von einem zwischenzeitlichen Rückstand (17:19) ließen sich die Portugiesen nicht aus der Ruhe bringen, sie drehten das Spiel vielmehr auf 22:20 und ließen den Favoriten nie mehr näher als ein Tor herankommen.

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Ungläubige Gesichter überall in der Halle, damit hatte zum Abschluss der Vorrunde niemand gerechnet. Überraschend klar war auch das Torhüter-Duell an Portugal gegangen. Weder Emil Nielsen vom FC Barcelona, in dem viele den derzeit Weltbesten sehen, noch der Flensburger Kevin Möller, der in der Schlussphase kam, konnten entscheidend eingreifen. Und vorn trafen die Extrakönner Gidsel (acht Tore) und Simon Pytlick (sechs) zwar zuverlässig, doch es reichte nicht. Auch, weil die vermeintlich besten Spieler der Welt zusehends ideenlos agierten. Meist landete der Ball bei Gidsel, der mit ablaufender Zeit immer öfter mit dem Kopf durch die portugiesische Wand wollte. Bei Abwehrschränken wie Frade, Salvador oder Victor Iturizza, der in der Schlussphase wegen eines überharten Einsteigens Rot sah, war diese Taktik zu selten von Erfolg gekrönt. Zudem wirkte es, als habe Trainer Nikolaj Jacobsen keinen Plan B. Auch das Fehlen von Kreisläufer Lukas Jörgensen, einem erprobten Innenblocker, der sich gegen Rumänien einen Kreuzbandriss zuzog, dürfte die Verunsicherung befördert haben.

Hatten die Dänen bei den hohen Siegen gegen Nordmazedonien (36:24) und Rumänien (39:24) zum Auftakt ihre Gegner noch mit blitzschnellem Passspiel zerlegt, gelang es ihnen gegen Portugal nie, „in ein Momentum zu kommen“, wie Gidsel hernach festhielt. Das war entscheidend, denn wenn die Dänen ins Rollen kommen, sind sie kaum zu stoppen. „Heute haben wir nur mit 80 Prozent gespielt, das können wir nicht akzeptieren“, analysierte der Welthandballer: „Das ist eine riesige Enttäuschung. Jetzt haben alle gesehen, dass wir auch verlieren können.“

Dazu bedurfte es einer energischen Abwehr und eines treffsicheren Angriffs, den die Portugiesen vor allem in den überragenden Costa-Brüdern Francisco und Martim stellten, die beide jeweils neun Treffer erzielten und von den Dänen „nicht in den Griff“ zu bekommen waren, wie Gidsel zugab. Die Gelobten gaben sich bescheiden: Martim Costa, der in der engen Schlussphase die entscheidenden Tore warf, sprach von einem „richtig guten Spiel“ seiner Mannschaft, vorn wie hinten. Dennoch habe man „nur zwei Punkte, jetzt müssen wir in jedes Spiel gehen, als wäre es ein Finale“.

Für alle Analysten überraschend gehen die Dänen mit null statt zwei Punkten in die Hauptrunde, anders als Portugal, Frankreich und Deutschland. Das erhöhe den Druck immens, klagte Gidsel: „Jetzt haben wir vier Endspiele.“ Nur die ersten beiden Teams der Hauptrundengruppe kommen ins Halbfinale, das ist für die Dänen nicht verhandelbar. Eine weitere Niederlage könnte beim Heimturnier in ihrer Lieblingshalle bereits das Aus bedeuten.

Somit trifft Deutschland im ersten Hauptrundenspiel am Donnerstag (15.30 Uhr/ARD) auf Portugal, nicht wie erwartet auf Dänemark. Niemand hat damit gerechnet, dass die Dänen ihre Gruppe nicht gewinnen könnten. Das letzte Duell der DHB-Auswahl mit den Portugiesen ging verloren, vor einem Jahr bei der WM im Viertelfinale. „Wir müssen die Füße auf dem Boden halten und den Sieg schnell vergessen“, mahnte Salvador Salvador streng: „Deutschland hat ein starkes und junges Team, mit einer sehr guten Abwehr.“ Aber, dann sprudelte die Zuversicht wieder aus ihm heraus: „Wir haben sie bei der Weltmeisterschaft geschlagen und wissen, was wir tun müssen.“

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