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08.12.2025
15:30 Uhr
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Ein Historiker der Uni Passau hat das Missbrauchsgutachten für die Diözese erstellt – und dabei untersucht, aus welchem sozialen Umfeld die Kinder und Jugendlichen kamen. Dabei drängt sich ein Muster auf.

„Sehr schmerzhaft und heilsam zugleich“, nennt Bischof Stefan Oster das Missbrauchsgutachten für das Bistum Passau, das an diesem Montag veröffentlicht wurde. In einem auf der Homepage der Uni Passau veröffentlichten Videostatement wendet sich der Bischof an die „lieben Gläubigen und an alle Interessierten“. Die Studie weise nach, wie häufig Missbrauch geschehen, bagatellisiert und vertuscht worden sei, sagt Oster darin. Mit großer Hilflosigkeit könne er deshalb nur um Verzeihung bitten. Das Video wurde vorab gedreht, weil Oster die Studie schon ein paar Tage länger kennt als die Öffentlichkeit.
Vergangene Woche hatte der Passauer Historiker Marc von Knorring die Studie bereits an Oster und an die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bistums übergeben, die Auftraggeberin des Gutachtens war. Anders als in anderen Bistümern gab es am Montag in Passau keine Pressekonferenz und keine Möglichkeiten für direkte Rückfragen vor Ort, nur die vorbereiteten Videobotschaften.
Konkret untersuchte von Knorring mit seinem Team das Geschehen im Bistum seit 1945. Die Wissenschaftler identifizierten mindestens 672 betroffene Kinder und Jugendliche, die Mehrheit davon männlich. Die Betroffenenzahl sei schwierig zu ermitteln gewesen, da in Quellen oft von Gruppen wie Schulklassen oder Ministranten die Rede sei. Wie groß die jeweilige Gruppe gewesen sei, ließ sich deshalb nicht mit Sicherheit ermitteln. Auf der Täterseite kommt von Knorring wiederum auf mindestens 154 Personen, 86 Prozent von ihnen seien Mehrfachtäter gewesen.
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Auch von dem Gutachter gibt es ein vorbereitetes Video. „Die wenigstens 154 Beschuldigten oder überführten Täter waren aber nicht alleine verantwortlich für das, was an Schlimmem passiert ist“, sagt von Knorring. „Verantwortlich waren auch im Bistum Passau bestimmte Denk- und Handlungsweisen innerhalb des Systems Kirche.“ Wie zuvor im Bistum Münster und im Bistum Trier ist auch das Gutachten ein zeitgeschichtliches, es enthält sich deshalb weitgehend strafrechtlicher Beurteilungen.
Viele der Befunde lesen sich so oder so ähnlich auch in Gutachten aus anderen Diözesen, vor allem für die frühen Jahre von 1945 an: Bischöfe hatten Angst um das Ansehen der Institution Kirche, schwiegen und versetzten lieber. Sie hatten außerdem viel Geduld mit den Tätern. In erster Linie ging es den Bischöfen um die Wiedereingliederung der Delinquenten in den priesterlichen Dienst. „Ausreichend kirchenfreundliche Staatsanwälte und Richter standen offenbar zur Verfügung, auch dies seinerzeit ein deutschlandweites Phänomen“, so die Autoren der Studie. Kirchenstrafen wurden kaum verhängt, auch später vorgeschriebene Meldungen nach Rom unterblieben häufig.
Das Bistum Passau allerdings zähle zu den deutschen Diözesen, „für die hier bereits das Jahr 2002 als Zäsur im Sinne eines einsetzenden Wandels zum Besseren anzusehen ist“. Auch, wenn es eine Weile gedauert habe, bis die Vorsätze in die Tat umgesetzt worden seien.Ebenfalls seit dieser Zeit sei eine deutliche Steigerung der juristischen Verfolgung von Gewalttaten durch Kleriker im Bistum Passau feststellbar. Dies lässt aufhorchen, gilt doch für Deutschland erst das Jahr 2010 als das Jahr, in dem die ganze Dimension des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche deutlich wurde.
Seltsam mutet es an, dass die Studienautoren die jeweiligen Bischöfe im Text teilweise nur mit ihrem Vornamen benennen – „Bischof Stefan“ heißt es da, oder „Bischof Wilhelm“. Im kirchlichen Verständnis gilt der Vorsteher einer Diözese als oberster Hirte, der von seinen Schäfchen vertrauensvoll mit dem Vornamen angesprochen werden darf. Zumindest bei der Namensnennung übernehmen die Wissenschaftler damit die Diktion der Kirche.
Stark ist die Passauer Studie da, wo sie die sozialen Rahmenbedingungen und die Rolle der sogenannten „Bystander“ in den Blick nimmt. Der Begriff der Bystander bezeichnet Personen, die explizit oder implizit vom Missbrauch wussten, aber nichts getan haben. Trotz ihres Wissens hätten sie sich oft nicht aus der Deckung getraut, lieber geschwiegen und sich sogar mit Beschuldigten solidarisiert, heißt es in der Studie. Zu dieser Gruppe zählten der Untersuchung zufolge vor allem die Eltern, Gemeindemitglieder, Pfarrhaushälterinnen oder Politiker.
Auch wenn Betroffene in vielerlei Hinsicht eine heterogene Gruppe bildeten, so die Forscher, sei ein verbindender Punkt die soziale Herkunft: Es wurden eher Kinder aus großen Familien oder Familien „mit sozialer Hilfsbedürftigkeit“ Opfer, während Kinder „aus den Reihen der dörflichen Eliten“ nur selten betroffen waren.„Auch Passauer Betroffene beschreiben sich als vernachlässigte Kinder, denen eine vertrauensvolle Bindung zur eigenen Familie fehlte – und damit sowohl der Raum zum Anvertrauen als auch ein wachsames Auge der Erziehungsberechtigten“, heißt es in der Studie.
Tatsächlich gilt es heute in der Forschung als eine verbreitete Strategie von Tätern, sich gezielt besonders verletzliche Kinder zu suchen. Dies ist umso bitterer, als ausgerechnet Herkunft und Umfeld der Kinder im Nachhinein dazu herangezogen wurde, ihnen nicht zu glauben. Ein Teil der Betroffenen beschrieb außerdem, in sehr stark religiös geprägten Familien aufgewachsen zu sein – in denen es also im hohen Grade ungebührlich war, kirchliche Autorität zu hinterfragen. Versuche, von Missbrauch durch Priester zu erzählen, wurden dementsprechend abgeblockt.
Guido Pollak, Erziehungswissenschaftler und Vorsitzender der Passauer Aufarbeitungskommission, sagte, die Lektüre der Studie hinterlasse an vielen Stellen Abscheu. Zu Bystandern seien in den vergangenen Jahrzehnten auch Richter, Jugendämter, medizinische Gutachter und Schulleitungen geworden. Und er formulierte eine Erwartung an Bischof Oster: Dessen Vorgänger mögen über die Zusammenhänge von Macht und Gewalt weniger aufgeklärt gewesen sein. Für die Kommission stelle sich aber die Frage, „wie weit Bischof Stefan in seiner Verantwortung für die Menschen im Bistum kirchliche Machtausübung öffentlicher Transparenz und unabhängiger Kontrolle unterwirft“.
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