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10.01.2026
21:56 Uhr
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Der Kapitän kämpft verwundet, dem Bruder von Wayne Rooney zittert die Stimme: Beim Pokal-Coup eines Sechstligisten gegen Titelverteidiger Crystal Palace erlebt England jene Art Fußball, die auf der Insel große Emotionen weckt.

Wayne Rooney, eine der robusten Persönlichkeiten des englischen Fußballs, wurde so emotional, dass es wirkte, als wäre er selbst an der größten Sensation in der Geschichte des FA Cups beteiligt gewesen. Der einstige englische Stürmer, der vor elf Jahren mit Manchester United den ältesten Pokalwettbewerb der Welt gewonnen hatte, kämpfte als TV-Experte live in der BBC mit den Tränen, als er seinen fünf Jahre jüngeren Bruder John umarmte. „Mir geht es genauso“, sagte John mit zitternder Stimme: „Ich kann es nicht glauben, bekomme es nicht in den Kopf.“
Zuvor hatte der von John Rooney, 35, trainierte Sechstligist Macclesfield FC aus der National League North den um 117 Ränge besser platzierten Premier-League-Klub Crystal Palace besiegt. Den Titelverteidiger wohlgemerkt, der seinerseits mit seinem Cup-Sieg in der Vorsaison eine bemerkenswerte Feelgood-Pokalstory geschrieben hatte. Diesmal kam die Mannschaft von Trainer Oliver Glasner nicht über die dritte Runde hinaus, in der die Erstligisten in den Wettbewerb einsteigen.
Die Jubelszenen aus dem Moss-Rose-Stadium, benannt nach einem naheliegenden Pub und einer Rosensorte, die Widerstandskraft symbolisiert, verbreiteten sich schnell. So schnell, dass sich das sonst eher unscheinbare Macclesfield – meist nur als Haltestation für Fernzüge zwischen London und Manchester bekannt – ausnahmsweise zum Epizentrum des englischen Fußballs entwickelte. Die Heimfans feierten ausgelassen auf dem Platz. Dieser blieb bei Frosttemperaturen nur deshalb unbeschädigt, weil die Spielfläche aus Kunstrasen besteht.
Zum Mann der unvergesslichen neunzig Minuten avancierte Macclesfield-Kapitän Paul Dawson. Bereits fünf Sekunden nach Anpfiff erlitt der Mittelfeldspieler eine Platzwunde am Kopf nach einem Zusammenprall mit einem Gegenspieler. Die Wunde wurde mit einem dicken Verband mehrfach umwickelt, der sich aber unmittelbar vor der Ausführung eines Freistoßes in der 43. Minute lockerte. Damit der torgefährliche Dawson nicht zur Behandlung das Spielfeld verlassen musste, stabilisierte ein Teamkollege das Pflaster. Dawson blieb im Angriff und wuchtete – wie an so einem besonderen Tag unvermeidlich – den Ball per Kopf zum 1:0 ins Netz. Das Zitat des Fußballjahres 2026 lieferte er später womöglich gleich mit: „Mein stärkster Fuß ist der Kopf!“
Ein weiteres Slapstick-Tor durch Isaac Buckley-Ricketts (61.) machte den Rückstand für Palace nicht mehr aufholbar. Das Anschlusstor der Gäste von Jeremi Pino (90.) per Freistoß kam zu spät. In der Nacht vor der Partie, berichtete John Rooney, habe er fabuliert: „Was wäre, wenn? Aber man denkt nie wirklich, dass man es schaffen könnte.“ Insgesamt ist es neben Macclesfield nur acht weiteren Amateurteams vorbehalten gewesen, Erstligisten aus dem Pokal zu werfen.
Das FA-Cup-Wunder ist das schönste Kapitel in der Geschichte des erst vor fünf Jahren gegründeten Klubs. Der Macclesfield FC entstand als Phoenix-Verein aus den Ruinen des 146 Jahre alten Macclesfield Town FC, der den Spielbetrieb in der fünften Liga im Herbst 2020 aufgrund von Schulden von mehr als einer halben Million Euro einstellen musste. Die restlichen Vermögenswerte, darunter das Stadion, erwarb der örtliche Unternehmer Robert Smethurst. Nach dem Einstieg in der neunten Liga bewerkstelligte der neue Macclesfield FC unter Smethurst drei Aufstiege in den ersten vier Spielzeiten.
Vor einem Monat erschütterte John Rooneys Mannschaft dann eine Tragödie. Auf der Heimfahrt eines Ligaspiels bei Bedford Town starb Macclesfields Stürmer Ethan McLeod mit 21 Jahren bei einem Autounfall. Seitdem hängt im Kabinentrakt ein Bild von ihm, und die Fans erinnerten mit einem Banner gegen Palace an ihn. „Er schaut heute ganz sicher von oben auf uns herab“, sagte John Rooney den Eltern: „Ich habe das Gefühl, er ist hier bei uns.“ Den Sieg widmete die Mannschaft ihrem verstorbenen Mitspieler. „Das war für ihn“, betonte Dawson.
Macclesfield nutzte den zuletzt erkennbaren Einbruch von Crystal Palace. Durch die Premier League, die Conference League (inklusive vorheriger Playoff-Runde), den League Cup und den englischen Supercup hatte der Londoner Klub die meisten Pflichtspiele in der Hinrunde bestritten. Vor Weihnachten musste Palace sogar drei Matches innerhalb von sechs Tagen absolvieren. Die Stammelf, die wegen des kleinen Kaders nahezu in jedem Spiel auflaufen musste, wirkt erschöpft. Inzwischen wartet man seit einem Monat auf einen Sieg. In der Liga stürzte Palace auf Rang 13 ab, in der Conference League verpasste man die direkte Qualifikation fürs Achtelfinale und muss in die Playoffs.
Zudem läuft der Vertrag des Trainers Glasner aus, eine Verlängerung ist offen. Der Österreicher wird immer wieder bei Spitzenklubs gehandelt; derzeit sucht Manchester United nach einem Nachfolger für Rúben Amorim. Nach der Cup-Niederlage wollte der Trainer all dies nicht als Ausrede gelten lassen: „Es ist peinlich. Ich habe keine Erklärung dafür, was ich gesehen habe“, sagte Glasner.
Nie gewann der Fußballklub Crystal Palace in seiner Geschichte einen Titel – bis Oliver Glasner kam. Vor dem Start der Premier League erklärt der Trainer, was er verändert hat, welche Ambitionen ihn antreiben – und wie er die Uefa-Strafe gegen Palace bewertet.
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