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15.01.2026
15:06 Uhr
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Kaum Kontakt zu den Verwandten vor Ort, dafür beunruhigende Bilder und Nachrichten über viele Tote und Verhaftete: Wie geht es den Tausenden Exil-Iranern in München – und worauf hoffen sie nun?

Proteste in Iran: In München kommen nur wenige Informationen aus dem Land an. (Foto: AP)
Am Sonntag sind die Mitglieder des „Bustan Club“ wieder zu ihrem wöchentlichen Treffen im Allianz-Sportzentrum am Englischen Garten zusammengekommen – zum gemeinsamen Sporteln, zum Austausch und zum geselligen Beisammensein. Eines sei diesmal aber anders als sonst gewesen, erzählt Sasan Harun-Mahdavi, Vorstandsmitglied im Dachverein „Leben und Leben Lassen“, der eigenen Angaben zufolge die größte Community iranischstämmiger Menschen in Bayern ist. „Die Angst ist zurzeit bei allen sehr groß. Viele können nachts nicht schlafen. Sie sind traurig und leiden sehr darunter, was in Iran gerade passiert.“
Sasan Harun-Mahdavi meint damit die Protestwelle, die das Land Ende Dezember erfasst hat. Und vor allem: die brutale Reaktion des theokratischen Regimes, das Tausende Menschen getötet und Zehntausende inhaftiert haben soll. Die genauen Details über die Ausmaße des Protests sind freilich ebenso wenig bekannt wie die genauen Opferzahlen. Infolge der Internetsperre seitens der Regierung dringen kaum Informationen aus dem Land – auch nicht nach München.
„Die am häufigsten gestellte Frage am Sonntag war: Habt ihr etwas aus dem Iran gehört?“, berichtet Sasan Harun-Mahdavi. Doch selbst der in der Exil-Community bestens vernetzte Zahnarzt, der viele Kontakte nach Iran pflegt, ist derzeit von Informationen so gut wie abgeschnitten. „Man kann vereinzelt aus dem Iran raus-, aber nicht in das Land reintelefonieren. Ich habe zum Beispiel versucht, über verschiedene Netze meine Tante anzurufen, die auf dem Land am Kaspischen Meer lebt. Aber ich habe sie nicht erreicht.“
Vor allem diese unklare Informationslage sei es, die vielen Iranerinnen und Iranern in München besonders zu schaffen mache, bekräftigt Maryam Shirinsokhan vom Verein „Woman Life Freedom Munich“. Schon seit einigen Tagen könne man Familienangehörige und Bekannte in dem Land nicht erreichen, sagt die 1975 in Iran geborene Aktivistin. „Die Situation ist für uns alle beängstigend.“ Hinzu komme „Wut auf die Regierung“, die Proteste blutig niederschlage.
„Was wir im Moment im Iran erleben, ist ein Massaker“, betont Maryam Shirinsokhan. Um auf das Leiden der Menschen aufmerksam zu machen, hat der Verein „Woman Life Freedom Munich“ für diesen Sonntag zu einer Kundgebung auf dem Odeonsplatz geladen. Unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit – Freiheit, Frieden und Demokratie für den Iran“ wolle man von 13 Uhr an „ein klares Zeichen gegen die anhaltende Gewalt des iranischen Regimes gegenüber Demonstrierenden“ setzen, heißt es seitens des Veranstalters.
Bereits tags zuvor ist um 14 Uhr eine Demonstration auf dem Max-Joseph-Platz anberaumt. Exil-Iraner wollen dort „zur Unterstützung unseres Volks und des Führers Reza Schah II. Pahlavi“ zusammenkommen, sagt Hamid Fathollahi, der die Veranstaltung angemeldet hat. Der 68-jährige Münchner hat Familie und viele Bekannte in seinem Heimatland. „Wir leben zurzeit in großer Angst – vor allem, weil wir nicht wissen, was im Iran passiert“, betont er. „Meine Frau weint jeden Tag.“
Laut dem Statistischen Amt der Stadt leben in München knapp 3500 Iranerinnen und Iraner; hinzu kommt noch eine deutlich größere Gruppe von Menschen mit iranischen Wurzeln. Viele von ihnen verknüpfen die Proteste auch mit Hoffnungen auf ein Ende des autoritären Herrschaftssystems. Wobei die Vorstellungen, wie das Mullah-Regime abgesetzt werden könnte, auch bei den iranischstämmigen Menschen in München auseinandergehen.
So sagt etwa Maryam Shirinsokhan: „Die Iraner haben bislang schlechte Erfahrungen mit militärischer Einmischung von außen gemacht. Jeder Eingriff hat die Demokratiebewegung zurückgeworfen.“ Demgegenüber findet Farhid Habibi: „Die einzige Hoffnung im Iran ist ein militärischer Eingriff des Westens. Und die größte Hoffnung ist Donald Trump.“
Friedrich Merz äußert sich in Indien zur Lage in Iran – und der Kanzler klingt, als ziele die Bundesregierung jetzt aktiv auf einen Regimewechsel in Teheran ab.
Farhid Habibi ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des Vereins „Munich Circle“, den Deutsch-Iraner in München nach den Protesten im Jahr 2022 infolge des Todes von Jina Mahsa Amini aus der Taufe gehoben haben. Die Initiative hat mehr als 65 Geflüchtete aus dem Land unterstützt, die bei Demonstrationen verletzt wurden. Auch diese Menschen würden derzeit um ihre Angehörigen und Bekannten in der Heimat bangen, erzählt Habibi.
Aufgrund der Internetsperre sei die Informationslage dünn, jedoch würden Nachrichten aus der Grenzregion zum Irak sowie Berichte von Personen, die aus dem Iran ausgereist seien, ein „schreckliches Bild“ wiedergeben. Beispielhaft nennt Habibi eine Sprachnachricht einer Krankenschwester, die bis vor wenigen Tagen noch im Iran gewesen sei. „Sie hat uns erzählt, dass ihnen die Menschen dort unter den Fingern weggestorben sind. Und dass Demonstrierende vom Krankenbett weg entführt wurden.“
Vor diesem Hintergrund betont Farhid Habibi: „Es ist unglaublich, wie mutig diese Menschen sind, die jetzt auf die Straße gehen.“ Zudem verweist er mit Blick auf vergangene Aufstände in den Jahren 2009, 2011, 2017, 2019 und 2022 darauf, „dass die Frequenz der Proteste zunimmt“. Auf sich allein gestellt seien die Demonstrierenden jedoch chancenlos gegen die Militärmacht eines Regimes, „das vollkommen skrupellos ist und keine Hemmungen kennt“. Aus diesem Grund hofft der Unternehmer aus Allach auf ein Einschreiten der USA, wie es deren Präsident Donald Trump mehrfach angekündigt hat.
Sollte das Mullah-Regime tatsächlich fallen, setzt Habibi beim Aufbau eines neuen Iran zuvorderst auf Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs. Er hat sich zuletzt als Stimme der Opposition im Ausland positioniert und zum Umsturz aufgerufen. Der 65-Jährige, der in den USA lebt, war im vergangenen Juli Gastgeber einer Konferenz von iranischen Regimegegnern in Unterschleißheim, die „Munich Circle“ organisiert hatte. Aktuell plane man eine weitere Kundgebung mit Reza Pahlavi in München, sagt Farhid Habibi. Ihm zufolge soll diese Veranstaltung möglichst an einem der nächsten beiden Wochenenden stattfinden.
Überdies hat sich „Munich Circle“ in einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt. Darin fordert der Verein unter anderem eine „klare parlamentarische Positionierung“ für die Freiheitsbewegung in Iran sowie gezielte Sanktionen, eine internationale Terrorlistung der Islamischen Revolutionsgarden und humanitäre Schutzprogramme für politisch Verfolgte. „Die Menschen im Iran“, heißt es in dem Schreiben, „kämpfen unter Einsatz ihres Lebens für universelle Werte, die auch die Grundlage unserer freiheitlichen Ordnung bilden: Freiheit, Würde und Selbstbestimmung. Diese Werte verpflichten zum Handeln.“
Nach Einschätzung der Menschenrechtler ist die iranische Führung mit extremer Härte gegen die eigene Bevölkerung vorgegangen. Ein verhafteter 26-jähriger Demonstrant soll doch nicht zum Tode verurteilt worden sein.
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