SZ 26.09.2026
17:30 Uhr

(+) Entscheidung über die Olympiabewerbung: Wie München sich gegen Köln-Rhein-Ruhr durchgesetzt hat


Mit dem Erbe von 1972, dem Versprechen kompakter, nachhaltiger Spiele und prominenter Unterstützung überzeugt München die DOSB-Delegierten.

(+) Entscheidung über die Olympiabewerbung: Wie München sich gegen Köln-Rhein-Ruhr durchgesetzt hat

Genau elf Monate, nachdem die Münchnerinnen und Münchner bei einem Bürgerentscheid mit überraschend deutlicher Mehrheit dafür plädiert hatten, nach 1972 noch einmal Olympische Sommerspiele in die Stadt zu holen, votierten am Samstag auch die Delegierten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit überraschend deutlicher Mehrheit für München. Von den 141 zu vergebenden Stimmen bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung in Baden-Baden bekam München 91 und der letzte verbliebene Rivale „KölnRheinRuhr“ 50.

Damit bewirbt sich der deutsche Sport also nun mit der bayerischen Landeshauptstadt beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) um die Ausrichtung von Olympischen und Paralympischen Sommerspielen in den Jahren 2036, 2040 oder 2044. Wann die vergeben werden, ist derzeit noch offen.

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Nachmittag – nach einem schier nicht enden wollenden Vorlauf von Reden, Imagefilmen und Interviews – die bereits am Vormittag getroffene Entscheidung im Kurhaus von Baden-Baden verkündete, herrschte eher Erleichterung als überschwängliche Freude bei der Münchner Delegation mit dem Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) an der Spitze.

Die beiden Politiker vollzogen einen Handshake, umarmten sich kurz und klopften sich auf die Schulter. Krause räumte dann vor dem Fernseh-Mikrofon ein: „Es war schon ein Krimi, wir haben den ganzen Tag gebangt.“ Und Söder gab später zu: „Ich bin sehr, sehr erleichtert. Nordrhein-Westfalen hat uns das Leben echt hart gemacht. Ich habe im Kopf eher durchgespielt, was ich sage, wenn wir verlieren.“

Nachdem München nun aber gewonnen hat, muss Söder wohl oder übel mit Krause auf dem Oktoberfest den Olympia-Looping fahren – dieses Versprechen hatte Münchens OB dem Ministerpräsidenten neulich beim Wiesn-Anstich abgenommen für den Fall, dass München den Olympia-Zuschlag bekommen. „Das nehme ich jetzt auch noch in Kauf“, sagte Söder, mit spürbar wenig Begeisterung.

So wie sich die Dinge zuletzt entwickelt hatten, war ein knapper Ausgang erwartet worden zwischen München und KölnRheinRuhr. Von den anfänglichen Mitbewerbern war Hamburg nach einem ablehnenden Bürgervotum bereits Ende Mai aus dem Rennen ausgestiegen; Berlin hatte seine Kandidatur erst am Donnerstag offiziell zurückgezogen, nach der schlechten Bewertung der DOSB-Evaluierungskommission. Die hatte die Bewerbungskonzepte von München und Köln fast gleichauf gesehen und Berlin deutlich dahinter. Aus dem knappen Evaluierungsergebnis – 87 von 100 möglichen Punkten für München, 85 für Köln – resultierte dann auch die spürbare Nervosität im Münchner Bewerbungsteam vor der Entscheidung.

Die Entscheidung fällt in Baden-Baden, gefeiert wird im Alten Rathaus: München geht als deutscher Kandidat ins Olympia-Rennen 2036, 2040 oder 2044. Und nun geht die Arbeit erst richtig los.

Auch wenn in Baden-Baden alle DOSB-Mitglieder zusammenkamen, waren nur die Vertreter der 42 olympischen Sportverbände wahlberechtigt (mit je drei Stimmen), außerdem das zehnköpfige DOSB-Präsidium sowie die fünf anwesenden (von insgesamt acht) persönlichen Mitglieder der Dachorganisation des deutschen Sports. Am Freitagabend hatte es für die Delegierten einen Empfang im Baden-Badener Kongresszentrum gegeben, die Teams der verbliebenen Bewerber nutzten das für den Versuch, den einen oder anderen unentschlossenen Sportverband auf ihre Seite zu ziehen. Umworben waren vor allem diejenigen, die bis zu Berlins kurzfristigem Rückzug als Unterstützer der Bundeshauptstadt galten. Am Morgen danach war freilich immer noch keine Partei sicher, genug Stimmen auf ihrer Seite zu haben.

Bayerns Ministerpräsident Söder war bereits eine Viertelstunde vor Beginn der Versammlung die Treppe in den Benazet-Saal hinaufgegangen, ein paar Minuten vor seinem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten-Kollegen Hendrik Wüst (CDU), dem Rivalen im Kampf um Olympia (und womöglich auch um die Nachfolge von Friedrich Merz als Bundeskanzler). Direkt vor Wüst war schnell noch Münchens Oberbürgermeister Krause dazwischengeschlüpft und die Stufen hochgegangen.

Das passte zum gesamten nationalen Bewerbungsprozess: Schon zu Beginn waren Münchens Pro-Olympia-Kämpfer die Ersten gewesen mit ihrem Bürgerentscheid vom 26. Oktober 2025. Nun, genau elf Monate später, nahmen sie nun auch die letzten Stufen als Erste.

Berlin, Rhein-Ruhr oder München? Am Samstag soll die Entscheidung über den deutschen Olympiabewerber fallen. München geht mit einem starken Partner ins Finale – und erinnert damit an die Spiele von 1972.

In der Woche vor der Entscheidung hatte das Rennen freilich eine unerwartete Dynamik angenommen: durch die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, den Abschlussbericht der DOSB-Evaluierungskommission, Berlins anschließendem Verzicht auf die Fortsetzung der Kandidatur, vor allem aber die Entscheidungen der verbliebenen Bewerber München und Köln für ein Segelrevier. Während sich München für Kiel entschied, den Partner von 1972, hatte Köln die mecklenburgische Stadt Rostock-Warnemünde ins Boot geholt – und damit den letzten Trumpf ausgespielt.

NRW-Ministerpräsident Wüst und seine SPD-Kollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern waren in den vergangenen Tagen sehr offensiv damit umgegangen, dass die dortige Bewerbung mit der Hinzunahme von ostdeutschen Sportstätten eine national verbindende Kampagne anbieten könne: Außer dem Segelrevier in Warnemünde hatten sie auch den sächsischen Kanupark Markkleeberg in ihr Sportstätten-Portefeuille aufgenommen.

Wie bei den Spielen 1972 sollen auch diesmal Wettbewerbe in Schwaben stattfinden, Kanu und Kajak  im berühmten Eiskanal - und Fußball. Aber Augsburg will noch mehr.

„Ich finde, dass wir nicht einfach Olympische Spiele von 1972 wiederholen sollten. Wir sollten das Deutschland von heute zeigen - wiedervereinigt, stark und modern“, hatte Manuela Schwesig argumentiert und das „Ost-West-Konzept“ von KölnRheinRuhr gelobt. Bayerns Ministerpräsident Söder hatte dem entgegengehalten, dass sich die von ihm unterstützte Münchner Bewerbung an das vom IOC vorgegebene „One-Village-Konzept“ gehalten habe – also möglichst kompakte Spiele an einem Ort, an dem der Großteil der Athleten in einem olympischen Dorf zusammenkommt. So wie es zuletzt 2024 bei den Spielen in Paris gefeiert worden war.

Ansonsten hatte München immer seine Nachhaltigkeit betont: damit, dass die meisten der Sportstätten von 1972 wiederverwendet werden könnten. Und die Stadt hatte mit ihrer internationalen Strahlkraft geworben, zum einen für den Sport, wie gerade durch die Vergabe der Leichtathletik-WM 2031 in das dann renovierte Olympiastadion wieder deutlich wurde. Zum anderen aber auch generell als Touristen-Destination, wie gerade beim Oktoberfest zu sehen ist. Die Theresienwiese spielt ja auch im Münchner Olympia-Konzept eine Rolle. Und all diese Trümpfe haben Kölns Ost-West-Komponente bei den DOSB-Delegierten offensichtlich ausgestochen.

Ein gutes Konzept, hohe Zustimmungswerte: Lange sah es so aus, als stünde die bayerische Landeshauptstadt im Vergleich mit den nationalen Bewerbern am besten da. Doch Köln hat erstaunlich aufgeholt.

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