SZ 10.12.2025
10:30 Uhr

(+) Eintracht in Barcelona: Es tut sich was im Frankfurter Unterbewusstsein


Beim unglücklichen 1:2 gegen Hansi Flicks Barça wird deutlich, wie sehr bei der Eintracht noch der Frust aus der Bundesliga nachwirkt. Trainer Dino Toppmöller sieht aber positive Signale – nur manche Fans machen Ärger.

(+) Eintracht in Barcelona: Es tut sich was im Frankfurter Unterbewusstsein

Der letzte Weg führte die Expedition der Frankfurter Eintracht im Stadion des FC Barcelona in die Ecke der Gegengerade, wo die eigens angereisten Anhänger noch auf die Genehmigung ihres Abmarsches warteten. Es galt, sich höflich für die Unterstützung in schweren Zeiten zu bedanken. Die Frankfurter Profis wirkten träge und erschöpft, was nichts anderes war als das äußere Zeichen dafür, dass sie sich aufgerieben hatten. Und ebenso dafür, dass ihnen nach dem 1:2 beim FC Barcelona Enttäuschung innewohnte. Und: Sie liefen in freier Formation, was an diesem Abend eine Nachricht darstellte.

Denn zuvor hatten sie über 90 Minuten plus Nachspielzeit jene Form der Geschlossenheit gezeigt, die ihnen nur drei Tage zuvor beim noch immer nachhallenden 0:6 in Leipzig völlig abgegangen war. „Es war wichtig, dass wir als Mannschaft aufgetreten sind“, sagte Sportvorstand Markus Krösche am Dienstagabend in den Katakomben der Baustelle Camp Nou, „das muss der Standard sein.“

Beim 3:1 des FC Bayern gegen Sporting trifft schon wieder der 17-jährige Lennart Karl. Seine Leistungen werfen inzwischen die Frage auf, wie seine Rolle aussieht, wenn Jamal Musiala zurückkehrt.

Dass die Pleite vom Wochenende sich nicht bloß im Unterbewusstsein der Frankfurter festgehakt hatte, konnte man insbesondere bei Trainer Dino Toppmöller heraushören. Als er um Punkt Mitternacht im Pressesaal erschien, stellte er immer wieder Bezüge zum Spiel von Leipzig her, und das nicht nur im Subtext. Man spiele immer um ein Ergebnis, sagte er; in Barcelona sei es aber viel wichtiger gewesen, dass jeder einzelne und der Mannschaftsverband den Glauben an sich selbst stärke.

„Wir haben gesagt, dass der Fokus vor allem auf den Dingen liege, was wir komplett unter Kontrolle haben: unsere Einstellung, unser Einsatz und die Bereitschaft, füreinander einzustehen“, sagte Toppmöller. Und auch Ansgar Knauff betonte, dass der Auftritt seine Wirkung perspektivisch entwickeln müsse: „Wir haken das Spiel ab, können daraus aber viel Positives für die Bundesliga mitnehmen“, sagte er.

Zum Beispiel das Gefühl einer zwischenzeitlichen 1:0-Führung. „Es war ein Supertor – in der Entstehung schon (ein Solo über den halben Platz von Nathaniel Brown, Anm. d. Red.) und in dem Finish von Ansgar“, lobte SGE-Coach Toppmöller. Und bedauerte nicht nur, dass der Schuss von Ellyes Skhiri in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit nur knapp über die Querlatte flog. Sondern auch, dass seine Mannschaft die Zahl derartiger Umschaltmomente nicht erhöhen konnte. Auf der anderen Seite hatte Barcelona nicht sonderlich viele Chancen, „das haben wir schon richtig gut verteidigt“, sagte Toppmöller.

Knauff war es, der das einzige Tor für die Eintracht erzielte – ein Kontertor (21.), das Barça-Trainer Hansi Flick einerseits ärgerte, andererseits als Beleg dafür diente, dass er nicht umsonst vor einer „Mannschaft mit viel Dynamik und Speed“ gewarnt hatte. Das war tatsächlich ein ums andere Mal zu sehen. Wäre die Eintracht nicht so oft ins Abseits gelaufen, so wäre Barcelonas Stammtorwart Joan García (Marc-André ter Stegen saß erstmals in dieser Saison als zweiter Ersatztorwart auf der Bank) noch sehr viel häufiger gefordert gewesen.

In der zweiten Halbzeit aber kassierte die Eintracht doch zwei Gegentore – beide durch Kopfballtreffer von Außenverteidiger Jules Koundé (50./53.), jeweils nach Flanken des zur Pause eingewechselten Marcus Rashford. Das reichte den Katalanen, um sich anderntags über einen gelungenen „Exorzismus“ zu feiern, wie El Mundo Deportivo schrieb; unter Bezug auf den 3:2-Sieg, den die Eintracht in der Osterwoche 2022 in der Europa League erzielt hatte. Damals nahmen die Frankfurter das Camp Nou regelrecht ein; diesmal waren erheblich weniger Eintracht-Fans in der Stadt, sie warfen Gegenstände, Flüssigkeiten – angeblich auch Urin – und mindestens eine brennende Fackel auf Barça-Fans. „Schwarz gekleidete Wilde“, titelte am Mittwoch La Vanguardia. Schon auf dem Weg zum Stadion hatte es Zwischenfälle gegeben.

Toppmöller dürfte das kaum mitbekommen haben, sein Blick ruhte auf dem Rasen: „Ich habe den Jungs nach dem Spiel in der Kabine gesagt, dass mir das Wichtigste war, zu zeigen, dass wir eine gute Mannschaft sind“, sagte Toppmöller. In der Halbzeit habe sich in der Kabine sogar das Gefühl entwickelt, „dass wir zwar gegen eine Weltklassemannschaft spielen, aber dass da was geht“. Vor den beiden Gegentoren hatte die Eintracht zwei gute Abschlüsse, blieb da aber ohne Fortune. Und dennoch: „Mein Glaube an diese Mannschaft ist ungebrochen“, sagte Toppmöller.

Das lag auch daran, dass seine Mannschaft sich nach den Gegentoren anders verhielt als noch in Leipzig. Dort hätten seine Spieler sogar in der erschreckenden zweiten Halbzeit das Richtige tun wollen – „aber sie haben es halt nicht gemeinsam gemacht“, sagte Toppmöller. In Barcelona zeigten sie, dass sie gelernt hätten. Vor allen die Führungsspieler hätten auf dem Platz Wege gefunden, „den Rhythmus zu brechen, im Coaching schärfer zu sein, noch enger zu stehen“ – als in Leipzig. Die Folge: Barcelona wirkte fahrig, nervös und häufig ideenlos. Insbesondere Lamine Yamal war durch die koordinierte Zusammenarbeit zwischen Brown und Farès Chaïbi nahezu inexistent.

Aber: Der Ertrag drückte sich nicht in Punkten aus. Das sei auch eine Frage des Gemütszustands. Es ziehe sich durch die gesamte Hinrunde, dass Erfolgserlebnisse entweder ausbleiben oder viele Siege einen Beigeschmack trugen, sodass die pure Freude ausgeblieben sei. „Das ist für uns die größte Challenge, und wir müssen diese Herausforderung mit offenen Armen empfangen“, sagte Toppmöller.

Ob das allerdings ausreicht, um die Playoffs zu erreichen, ist nach nur vier Punkten aus sechs Spielen fraglich. „Wir wollen die Chance auf die Zwischenrunde, die wir immer noch haben, beim Schopf packen“, sagte Toppmöller mit Blick auf die ausstehenden Spiele bei Karabach Agdam und gegen Tottenham. Was insofern zweitrangig sei, als die Bundesliga der wichtigste Wettbewerb für die Eintracht sei und bleibe. „Wir werden bis zuletzt kämpfen in der Champions League“, sagte Mario Götze, der seinem Team augenscheinlich Stabilität verlieh. „Ich bin überzeugt davon, dass wir eine gute Saison spielen werden“, sagte Toppmöller.

Eintracht Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche erklärt, wie er Spitzenfußballer teuer verkauft, was ein Schlaf-Experte mit der Entwicklung des Bundesligaklubs zu tun hat – und wie er damit umgeht, als zukünftiger Manager des FC Bayern zu gelten.

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