SZ 07.02.2026
14:01 Uhr

(+) Eintracht Frankfurt: Riera vermisst eine Prise Aggressivität


Kein Sieg, aber immerhin ein Punkt: Gegen Union Berlin reißt Eintracht Frankfurt sein fragiles Konstrukt selbst ein – und der neue Trainer zeigt in der entscheidenden Situation, wie er wirken will.

(+) Eintracht Frankfurt: Riera vermisst eine Prise Aggressivität
„Abgesehen von den Standards, bei denen Union Berlin vielleicht sogar die beste Mannschaft der Liga ist, hatten wir das Spiel gut im Griff“, resümiert Albert Riera sein Bundesiga-Debüt. (Foto: Inaki Esnaola/Getty Images)

Albert Riera ist noch nicht allzu lange als Trainer der Frankfurter Eintracht in der Bundesliga tätig; ein paar Tage, um genau zu sein. Doch diese Zeitspanne hat wohl ausgereicht, um ohne nähere Kenntnisse der Psychometrie behaupten zu können: Der weithin unbekannte Coach von der Balearen-Insel Mallorca zählt zu der mitunter beneidenswerten Gattung Mensch, die das Glas im Zweifel als halb voll betrachten und nicht als halb leer. Erst recht nach einem 1:1, wie der 43-Jährige es am Freitagabend im Stadion an der Alten Försterei des 1. FC Union erlebte, der Stätte seines Bundesliga-Debüts in Berlin-Köpenick.

„Ich habe viele positive Dinge gesehen“, sagte Riera und bezog dies insbesondere auf Fragen der „Energie und Leidenschaft“. Fürwahr: Die Eintracht ist in diesem Jahr (wie Union) weiterhin ohne Sieg und von den europäischen Rängen schon ein Stück weit entfernt. Andererseits: Eingedenk der seit Wochen mehr als bloß mangelhaften Trittsicherheit auf Berliner Boden (Tennishallenbeläge für Matches des Regierenden Bürgermeisters ausgenommen), durfte die Eintracht überaus dankbar sein, „keinen schlechten Schritt“ gemacht oder auch die überfüllten Krankenhäuser umschifft zu haben.

Wer ist der Coach, der die Eintracht wiederbeleben soll? Der Spanier Albert Riera sammelte seine Erfahrung in der Türkei, in Slowenien und Frankreich – und löste bei seinen Klubs oft Tumulte aus.

Natürlich war absehbar gewesen, dass nach dem Spiel vom Freitag die Binse gelten würde, dass auf den neuen Coach viel Arbeit warten würde; Riera selbst führte diese Worte mehr oder weniger im Mund, als er nach der Partie vor die Medien trat. Dort sagte er aber auch dies: dass er schon am dritten seiner gerade einmal vier Arbeitstage als SGE-Coach die übrigens sehr biblischen Worte gesagt haben will: Es war gut. Es war sehr gut.

Was genau gut war? Dass er den Eindruck gewonnen hatte, die Mitglieder seiner Mannschaft würden ihren Job (wieder) genießen. Das war nicht auf den Vorgänger Dino Toppmöller gemünzt, sondern auf die Umstände. Beziehungsweise darauf: Dass den SGE-Profis über Monate hinweg das Gefühl verloren gegangen sei, was es bedeute, der „Boss“ eines Spiels zu sein, wofür in Hessen auch das Wort „Babo“ geläufig ist.

Jetzt, unter den Anordnungen des Mallorquiners Riera – dem Ballermann-Babo sozusagen – waren tatsächlich Ansätze einer Metamorphose zu begutachten gewesen. Die Eintracht sei über weite Strecken des Spiels „dominant“ gewesen, habe erkennen lassen, die Protagonisten-Rolle beanspruchen zu wollen. Die Ideen waren so manches Mal noch ungeordnet. Aber der frühere Weltmeister Mario Götze, der den Einfällen der Kollegen noch am ehesten Sinn verlieh, bestätigte die Einordnungen Rieras: Keiner habe sich versteckt, „jeder hat den Ball gefordert“, die Arbeit mache „Spaß“. Zur Erinnerung: Es ist erst ein paar Tage her, da SGE-Sportgeschäftsführer Markus Krösche darüber klagte, bei der Eintracht habe sich zuletzt eine „Rette-sich-wer-kann-Mentalität“ eingeschlichen.

Und jetzt? Habe der Coach das Selbstbewusstsein seiner Spieler dadurch gestärkt, dass er ihnen erkläre, „was in jedem Moment zu tun sei“. So stellte es Mittelfeldspieler Hugo Larsson dar und schilderte die Arbeit unter dem neuen Coach als anders, fordernd und intensiv. Er habe in Malmö mal einen Trainer gehabt, dessen Sitzungen 30, 40 Minuten gedauert hätten. „Ich dachte: Das ist lang!“, feixte Larsson; Rieras Sitzungen aber dauerten schon mal anderthalb Stunden. „Wir bekommen viele Informationen, damit in unseren Köpfen die Basis unseres Spiels klar ist“, sagte der Schwede. Was das heißt? Es gibt genaue Handlungsanweisungen, auch für die Fälle, in denen sich die Richtung des Spiels ändert: „Wenn das passiert, müssen wir das machen; wenn jenes geschieht, müssen wir dies tun; wenn wir dies ändern, machen wir das …“, sagte Larsson. Was das heißt? „Wir gehen sehr, sehr vorbereitet in die Spiele.“

Riera vermisste am Freitag im Grunde nur dies: eine Prise Aggressivität im letzten Angriffsdrittel, um den im Zweifel tief stehenden Gegner nicht bloß durch wechselnde Positionen im Inneren aus der Ordnung zu locken, sondern definitiv aufzubrechen. „Aggressivität braucht man nicht nur gegen den Ball, sondern auch mit dem Ball“, sagte Riera. Gegen den Ball habe seine Mannschaft unter anderem das Sandwich-Konzept gut umgesetzt: dass gegnerische Akteure von zwei Spielern zusammengepresst werden wie eine Portion Tortilla. „Abgesehen von den Standards, bei denen Union Berlin vielleicht sogar die beste Mannschaft der Liga ist, hatten wir das Spiel gut im Griff. Wir haben kaum Chancen zugelassen“, sagte Riera.

Die Partie war lange ereignisarm; was rund ums Spielfeld herum geschah – eine Choreografie, die den Zuschauern minutenlang die Sicht aufs Spiel nahm, und eine Pyro-Show, die bei Minusgraden zu einer sechsminütigen Unterbrechung führte –, reizte das Nervensystem stärker als die Partie an sich. Dass SGE-Torwart Kauã Santos kurz vor der Halbzeit einen Schuss von Aljoscha Kemlein parierte (41. Minute), war die einzige wirklich nennenswerte Szene der ersten Halbzeit. Nach der Pause streute Unions Linksverteidiger Derrick Köhn mit einem Pfostentreffer aus spitzem Winkel so etwas wie Tausalz ein. Das rief zwar nicht den Naturschutzbund, wohl aber die Eintracht auf den Plan: Die Eintracht traf durch einen satten Volleyschuss von Nathaniel Brown (84.) zur Führung; es war der einzige Moment, da der intensiv, aber nicht ausufernd oder demagogisch coachende Riera aus sich herausging. Die meiste Zeit kniete er in der Coaching-Zone und stützte das kantige Kinn in die Hand. Wenige Sekunden nach Browns Treffer riss die Eintracht das fragile Siegkonstrukt selbst ein.

Der junge Oscar Höjlund rang im Strafraum seinen Gegenspieler Rani Khedira ohne erkennbare Not zu Boden; im Nachgang zeigte sich, wie Riera wirken will: Statt den dänischen U21-Nationalspieler, der auch noch Gelb-Rot sah, für die offenkundige Tölpelei öffentlich zu teeren und zu federn, fragte er ihn nach dem Ende des Spiels, ob er aus der Szene gelernt habe. Das nächste Mal möge er in einer derartigen Szene den Gegner blocken und nicht festhalten, belehrte Riera. Es passte zur Lage der Eintracht, dass der Ball beim Strafstoß unter dem Körper des (nicht in jeder Situation souveränen) Kauã Santos ins Netz ging. Der Elfmeter von Abwehrchef Leopold Querfeld war, wie es Union-Sportgeschäftsführer Horst Heldt formulierte, so überragend „läppisch“ geschossen, dass er wohl tatsächlich die Kategorie „unhaltbar“ fiel. „Wenn der den richtig trifft, hat er den“, sagte Frankfurts Manager Krösche.

Union hätte durch den eingewechselten Andrej Ilic fast noch in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielt. Doch abgesehen davon, dass Ilic auf wundersame Weise außerstande zu sein scheint, das Tor zu treffen – eine Niederlage wäre kaum verdient gewesen. Zwecks Materialisierung des Saisonziels „europäischer Wettbewerb“ benötigt die Eintracht dringend einen Sieg. Daran, dass es ihm egal ist, wie er erlangt wird – „ob per Zivil- oder Strafrecht“ –, hat sich nach der Visite in Berlin nichts geändert.

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