SZ 13.02.2026
16:15 Uhr

(+) Ein Jahr nach Attentat auf Verdi-Demo: Der Schock ist vergangen, der Schmerz bleibt


Hunderte gedenken am Jahrestag des Anschlags auf die Verdi-Demo der Getöteten und Verletzten. Der Bürgermeister erinnert an das berührende Statement der Familie von Amel und Hafsa: Ihr Tod darf nicht politisch instrumentalisiert werden.

(+) Ein Jahr nach Attentat auf Verdi-Demo: Der Schock ist vergangen, der Schmerz bleibt

Zwischen den beiden Fahrtrichtungen der Seidlstraße befindet sich ein schmaler Grünstreifen mit ein paar Bäumen. Von einem zum anderen haben sie von Verdi an einem schwarzen Band Karten gehängt und Briefe. Es sind Botschaften des Mitgefühls, sie gingen vor einem Jahr bei der Gewerkschaft ein. Ein junger Mann war mit seinem Auto in eine Verdi-Demonstration gefahren, hatte zwei Menschen getötet und Dutzende verletzt. Es war am 13. Februar 2025, vor einem Jahr.

Verdi und die Stadt München haben zum Gedenken am Ort des Attentats geladen. „Der erste Schock von damals ist vergangen. Die Trauer und der Schmerz sind geblieben“, sagt Bürgermeister Dominik Krause (Grüne). Er trägt eine Rede vor, die Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) halten wollte, doch er musste wegen einer Erkrankung absagen. Seine Sprecherin verschickt ein Statement von ihm: „Das Leid und die Folgen des Anschlags begleiten unsere Stadt bis heute – an diesem ersten Jahrestag werden Schmerz und Erinnerung besonders spürbar.“

Einige Hundert Menschen sind gekommen, unter ihnen viele, die an jener Streikdemo teilgenommen haben. 44 wurden teils schwer verletzt, als der Attentäter mit seinem Mini ins Ende der Versammlung fuhr, an der Kreuzung zur Karlstraße war das.

Krause erinnert an die beiden Getöteten; auf Wunsch ihrer Angehörigen werden ausschließlich ihre Vornamen genannt. „Amel war eine Frau, die an ihre Möglichkeiten glaubte“, sagt Krause. Mit vier Jahren sei sie aus Algerien nach Deutschland gekommen, habe Umweltschutz studiert, seit 2017 mit ihrem Mann in München gelebt und für die Münchner Stadtentwässerung gearbeitet, als Projekt- und Sachgebietsleiterin. Amels Tochter Hafsa war zwei Jahre alt, sie habe gerade begonnen, ihre ersten Sätze zu sprechen. Ihr Name bedeute „kleine Löwin“, sagt Krause. „Ihre Familie wollte ihr Werte wie Gerechtigkeit, Offenheit und Menschlichkeit mitgeben.“

Krause dankt Verdi für das Engagement nach dem Anschlag. Gemeinsam mit der Stadt habe die Gewerkschaft Anlaufstellen geschaffen und Hilfe organisiert. Ein Gegenpol zu jenen, die den Anschlag politisch instrumentalisieren wollten. Der Bürgermeister zitiert aus dem Statement, das „unseren größten Respekt“ verdiene. Es haben die Angehörigen der Getöteten verfasst, kurz nach dem Attentat, sie nahmen Bezug auf Amels Einsatz für Solidarität und Gleichheit: „Es war ihr sehr wichtig“, schrieb die Familie, „ihrer Tochter diese Werte mitzugeben. Wir möchten bekräftigen, dass der Tod und der Verlust nicht benutzt werden sollen, um Hass zu schüren oder politisch instrumentalisiert zu werden.“

Diese Worte hätten „unglaublich viel Kraft gegeben“. Das sagt Claudia Weber, Geschäftsführerin von Verdi München, und bedankt sich bei der Familie Amels. Der Flaucher sei deren Lieblingsort gewesen. Dort steht seit ein paar Monaten eine Parkbank zur Erinnerung an Mutter und Tochter. „Geht mal am Flaucher spazieren“, sagt Weber zu den Anwesenden, „und setzt euch auf die Bank und denkt an die beiden.“ Sie bittet um eine Minute des Schweigens. Es wird nicht ganz still. Man hört ein Martinshorn. Man hört ein Rascheln. Der Wind lässt die Beileidsbotschaften zwischen den Bäumen flattern.

Weber erinnert an die Demonstrierenden von damals, „die heute noch kämpfen“ mit den Folgen der Tat. Das Mitgefühl, das die Betroffenen damals gehört, gelesen, gespürt hätten, sei etwas Besonderes. Die Gewerkschafterin dankt jenen, die geholfen hätten, unter anderem: Stadtwerken, Stadtentwässerung, Straßenreinigung, Abfallwirtschaftsbetrieb, Gewerkschaftern, Polizei, Rettungskräften, Seelsorgern, Psychologen und OB Reiter stellvertretend für die Stadt. „Viele haben geholfen, viele helfen heute noch, und viele spüren diese Kraft, wenn wir zusammenstehen.“

Wenige Hundert Meter entfernt, im Strafjustizzentrum, hat der Tag im Prozess gegen den Attentäter wie jeder andere begonnen. Augenzeugen sind keine geladen, damit jeder, der möchte, die Gedenkveranstaltung besuchen kann. So hatte es der Vorsitzende Richter im Vorfeld des Jahrestags erklärt. Stattdessen verliest ein Unfallanalytiker seine Erkenntnisse. Die wichtigste Botschaft: Es gebe „keine Hinweise auf eine Fehlfunktion“ bei dem 2009 zugelassenen Mini des Attentäters. Ein technischer Defekt als Ursache für die Kollision scheidet somit endgültig aus.

Zurück auf die Seidlstraße. Dort ruft Luise Klemens, Landesbezirksleiterin von Verdi, die Anwesenden auf, weiter für Solidarität einzutreten. Gerade jetzt, da weltweit Gerechtigkeit und Menschenrechte zurückgedrängt würden, müsse man zusammenhalten.

Krause, Weber und Klemens sprechen Worte, denen bei anderer Gelegenheit viel Applaus gefolgt wäre. Jetzt aber ist der Beifall verhalten, ein zu lautes Klatschen würde sich komisch anfühlen. Und so endet die Veranstaltung schweigend. Viele Menschen haben eine Blume in der Hand, legen sie nieder, halten kurz inne, an jener Ecke der Kreuzung, die vor einem Jahr schon einmal provisorischer Gedenkort war. Wer weiß, wie viele die alten Bilder vor Augen haben, Bilder, die sie kaum loswerden.

Der 13. Februar beginnt im Gerichtssaal ohne einen Moment des Gedenkens. Stattdessen trägt ein Gutachter seine Erkenntnisse zum Tathergang vor. Einen technischen Defekt am Fahrzeug schließt der Experte aus. Die SZ dokumentiert jeden einzelnen Prozesstag.

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