|
24.02.2026
16:48 Uhr
|
Der skeptisch beäugte Wechsel von Edin Dzeko zum Zweitliga-Tabellenführer erweist sich als Glücksfall: Der 39-Jährige trifft und trifft, legt Tore vor – und Schalke bleibt auf Aufstiegskurs.

Schiedsrichter Timo Gerach nahm selbst die erste Untersuchung am Patienten vor und befand, dass dieser Fall etwas für echte Fachleute war. Er blickte zur Bank von Schalke 04 herüber und winkte das medizinische Personal herbei. Allerdings machte im nächsten Augenblick der Mann, der neben Schiri Gerach stand, die gegenteilige Geste: Bleibt, wo ihr seid, signalisierte er den Ärzten, bevor er sich zum Verletzten herunterbeugte und mit sanftem Griff dessen Hände nahm. Und wahrlich, so geschah es, wenn auch ohne Posaunenklang vom Himmel: Dejan Ljubicic, der eben noch fast apathisch und scheinbar desolat auf dem Boden gekauert hatte, stand auf und war wieder gesund.
Seltsamerweise ist Edin Dzeko später nicht nach dieser Szene aus der späten ersten Halbzeit befragt worden, in der er den Doktor abbestellte und die Heilung am Kollegen selbst vollbrachte. Dabei enthielt dieser Vorgang viel mehr Wundersames als all die Fußball-Szenen, die später rastlos debattiert wurden. Edin Dzeko schießt ein Tor, bereitet ein anderes Tor vor, bringt die Gegner zur Verzweiflung – na und? So ist das seit mehr als zwanzig Jahren an allen Orten, wohin ihn der Fußball geführt hat. Seit dem Einstand beim Fudbalski Klub Željezničar Sarajevo in seiner bosnischen Heimatstadt bis zum heutigen Engagement bei Schalke 04 hat Dzeko in 689 Erst- und Zweitligaspielen 287 Tore geschossen und in seiner kooperativen Art wahrscheinlich 1000 in die Wege geleitet.
Auch Vincent Kompanys Anti-Rassismus-Plädoyer zeigt, welcher Glücksgriff dem FC Bayern bei der Trainerwahl gelungen ist. Und sein nächster Meistertitel wird immer wahrscheinlicher.
Aber dass er an Ort und Stelle allein durch Worte und Handreichung einen Versehrten wiederherstellt, das ist bisher nicht überliefert worden, auch nicht von seinen jüngsten Stationen in Italien und der Türkei, wo man einem Mirakel grundsätzlich nicht abgeneigt ist. Auf Schalke, wo bekanntlich schon Papst Johannes Paul II. Mitglied war (wenn auch kein zahlendes), ist Dzeko hingegen nicht mehr sicher vor der Seligsprechung.
Am Samstagabend wäre es beinahe schon so weit gewesen. Zum 5:3 des Zweitliga-Tabellenführeres gegen den 1. FC Magdeburg trug er nicht bloß das erwähnte Tor plus Torvorlage und eine sehr produktive Rolle in der Angriffsmitte bei, sondern auch das, was junge Leute derzeit gerne Aura nennen. Jene Ausstrahlung von Persönlichkeit, die den Kollegen Dejan Ljubicic abrupt dazu animierte, sich wieder zu erheben. Sportlich gesehen hat Dzeko sein Alter, das angeblich 39 Jahre beträgt, auch diesmal überzeugend geleugnet. Das Kopfballtor zur 2:1-Führung erzielte er aus dem Stand, unwiderstehlich und kraftvoll. Sein Gegenspieler Alexander Nollenberger drängte, drückte, schob, warf sich dazwischen – vergeblich. Nicht mal fünf Elefanten hätten Dzeko vom Fleck bewegt.
Dieses Kopfballduell sei „ein Mismatch hoch zehn“ gewesen, sagte später Magdeburgs Trainer Petrik Sander. Der Sky-Experte Simon Terodde fühlte sich in jener Szene an sich selbst erinnert. Dzeko sage zu den Mitspielern das Gleiche, was auch er immer gesagt habe: „Bring den Ball in die Box, irgendwo stehe ich schon.“ Und genauso sei es gekommen beim 2:1.
Nach Spielschluss hieß es dann wieder Edin hier, Edin da. Wie alle anderen Mitspieler war Dzeko zu Gast in der Fankurve, wo inklusive des verletzten Torwarts Loris Karius die gesamte Mannschaft gefeiert wurde, als wäre soeben die Saison mit dem Triple beendet worden. Doch auf dem riesigen Videoschirm in der Stadionmitte erschien nicht das Bild von Kapitän Kenan Karaman oder vom glamourösen Karius, dessen Mantel aussah, als hätte er ihn von William „Buffalo Bill“ Cody geliehen. Der Fokus richtete sich stattdessen vorrangig auf Edin Dzeko, der die Feier erfreut, aber eher staunend zur Kenntnis nahm. Seine Frau und die Kinder waren aus Florenz zu Besuch, wo sie weiterhin wohnen, es dürfte ihnen gefallen haben.
Doch vor dem Familientreffen blieben Dzeko die Interviews nicht erspart, in denen er Lobhudeleien abwehren musste, die ihm unangenehm sind. „Ich bin einer von elf“, sagte er, „ich sehe mich nicht als einen, der besser ist als die anderen.“ So reden Ausnahmespieler zwar gern, aber das heißt ja nicht, dass sie es auch so meinen. Bei Dzeko ist das, nach den ersten Erfahrungen der Schalker, ernst gemeint. „Bescheiden wie kein Zweiter“ sei er, sagen Klubmitarbeiter. Und das gilt sogar in jener Währung, die im Profigeschäft am meisten zählt.
Dzeko gehört, versichern Eingeweihte, nicht zu den Topverdienern im Kader – „und das nicht mal knapp“. Er selbst hatte ja vor Weihnachten Kontakt zu Schalke aufgenommen, zuerst über seinen Nationalelf-Kollegen Nikola Katic, dann über Trainer Miron Muslic. Seine Berateragentur sondierte auch bei anderen Klubs, aber der Wunsch war klar: Dzeko wollte nach Gelsenkirchen. Eben deshalb sei er doch gekommen, sagte er nach der Feier mit den Fans, „weil ich wusste, wie Schalke ist“.
Dass Dzeko jetzt der große Star ist auf Schalke, das kann niemand verhindern, wie sollte man? Der Klub hat schon weit mehr als 10 000 Trikots mit der Nummer 10 und seinem Namen verkauft, Tassen und Schals laufen auch bestens. Wie beim Spanier Raúl, der 2010 nach Gelsenkirchen kam und als königliche Hoheit dort so gar nicht hinzugehören schien, erweist sich auch beim Weltklassestürmer Dzeko ein scheinbar irreales Bündnis als Traumpaarung. Und das, anders als bei Raúl, ohne Eingewöhnungsfrist. Nahezu selbstverständlich hat sich Dzeko auf Anhieb eingereiht, seine vier Tore und drei Vorlagen in 305 Einsatzminuten sind bloß die zählbaren Anhaltspunkte einer sportlichen Bilanz, die wohl nicht mal der optimistische Trainer Muslic erwartet hatte: Das hohe Alter, die fremde Liga, die Schalker Mannschaft mit ihrem bis dahin zwar erfolgreichen, aber rohen und aufreibenden Defensivfußball – das waren ja zulässige Argumente, um die Sache misstrauisch zu sehen.
Nun heißt es, der große Dzeko mache alle Mitspieler besser – so wie damals Raúl Schalker Profis namens Edu, Baumjohann oder Jurado vorübergehend zu Champions-League-Format verhalf. Doch das ist bloß ein Teil der Verwandlung beim Tabellenführer der zweiten Liga. In Wahrheit hat das Management um Sportvorstand Frank Baumann die richtigen Schlüsse aus der Hinrunde gezogen und dem Team außer Dzeko drei weitere Spieler zugefügt, die zu versiertem Fußball imstande sind und das Niveau heben. Der Trainer hat den Stil an die Zugänge angepasst, hinten steht jetzt ein Spieler weniger, vorn einer mehr. Gelaufen wird trotzdem mehr denn je, 125 Kilometer waren es am Samstag, Saisonrekord. Dzeko fiel dabei nicht merklich ab.
Sein Fleiß ist nicht nur auf Schalke gerichtet, er braucht die Einsatzzeiten und den Rhythmus für die Länderspiele Ende März, wenn es für Bosnien um die WM-Qualifikation geht. Dann wird er mit seinem Gelsenkirchener Nachbarn anreisen, Nikola Katic, der fünf Minuten vom Stadion entfernt im Haus nebenan wohnt. Und er wird Sead Kolasinac wiedersehen, früher Schalke, heute Atalanta Bergamo, der ihm Anfang des Jahres nicht nur geraten, sondern befohlen hatte, den Schritt nach Schalke zu machen. Ein Edin-Dzeko-Trikot als Dankeschön wäre angebracht – leider ist der Artikel im Fanshop zurzeit ausverkauft.
Reihenweise Flanken, die zu Toren führen: Der Norweger Julian Ryerson hat sich beim BVB zum Vorlagen-Phänomen entwickelt. Auch bei der WM könnte er eine prominente Rolle spielen.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: