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03.02.2026
17:48 Uhr
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Aaron Anselmino muss seine Leihe nach Dortmund beenden, um vom FC Chelsea kurz darauf an RC Straßburg weitergegeben zu werden. Ein Lehrstück über die Folgen des „Multi-Club-Ownership“.

Aarón Anselmino überzeugte beim BVB, steigt auf dem Transfermarkt aber aus der Champions League in die Conference League ab. (Foto: Celina Leiers/STEINSIEK.CH/Imago)
Vor einer Woche veröffentlichte Borussia Dortmund ein Video, in dem sich Aaron Anselmino unter Tränen von seinen Mannschaftskameraden und Trainer Niko Kovac verabschiedete. Es wurde deutlich, wie schwer dem 20-jährigen Argentinier sein Abschied vom BVB fiel. Aber: London was calling. Sein Stammverein Chelsea hatte am Tag zuvor dank einer Klausel im Vertrag die Leihe des Innenverteidigers abgebrochen. Dortmund war machtlos. „Wir hätten Aarón gerne behalten, aber das Thema hatte sich in dem Moment erledigt, als uns Chelsea informiert hat, dass sie ihn zurückwollen“, sagte Sportdirektor Sebastian Kehl.
Eine sportliche Rolle war dabei von den West-Londonern wohl nie für den Verteidiger eingeplant. Anselmino war für eine Woche ein Asset am Verhandlungstisch der Chelsea-Transfer-Verantwortlichen. Ein Szenario, das sich Kehl „ein Stück weit ausgemalt“ hatte.
Medienberichten zufolge sollte Anselmino Chelseas Position im Poker um das französische Abwehrtalent Jeremy Jacquet von Stade Rennes stärken. Nach dem Motto: Wir haben Anselmino zurückgeholt, so dringend brauchen wir Jacquet gar nicht. Der Bluff ging nicht auf, Jacquet unterschrieb lieber einen ab Sommer gültigen Vertrag beim FC Liverpool, Stade Rennes kassiert angeblich 69 Millionen Euro.
Und Anselmino? Den sah man am letzten Tag der Transferperiode wieder in den sozialen Medien. Mit einem perfekten Ich-werde-gerade-von-meinem-neuen-Klub-vorgestellt-Lächeln steht er zwischen Präsident Marc Keller und Sportdirektor David Weir, den Verantwortlichen vom Racing Club Straßburg. In den Kommentaren unter dem Post häufen sich zum einen die schwarzen und gelben Herzen der BVB-Fans, die Anselmino gerne weiter in der Bundesliga gesehen hätten. Zum anderen liest man immer wieder „BlueCo Out“. BlueCo ist das Konsortium des US-Amerikaners Todd Boehly, dem der RC Straßburg und der FC Chelsea angehören. Es ist im europäischen Fußball gerade das aktuelle Musterbeispiel für einen „Multi-Club-Owner“. Und es ist der Grund, wieso Anselmino jetzt im Elsass spielt und nicht in der Champions League.
Das Hin-und-her-Schieben von Personal zwischen den beiden Klubs erfährt im Fall Anselmino seine vorläufige Zuspitzung. Fans des RC Straßburg protestieren schon seit der Übernahme 2023 gegen BlueCo, dessen Name sich von der Vereinsfarbe des „Flagship Club“ Chelsea ableitet. Anfang Januar mussten diese Fans dann mitansehen, wie das Mutterschiff ihren erfolgreichen Trainer Liam Rosenior kurzerhand über den Ärmelkanal nach London holte, nachdem sich Chelsea von Coach Enzo Maresca getrennt hatte. Rosenior wiederum wollte wohl lieber Straßburgs besten Verteidiger Mamadou Sarr haben als Aaron Anselmino. Kein kompliziertes Unterfangen. Schließlich hatte Chelsea Sarr 2025 schon gekauft und dann direkt wieder nach Straßburg verliehen. Es wirkt, als hätte man Anselmino im Tausch dagegen abgegeben, um die elsässischen Fans nicht noch weiter zu verärgern.
„Letztendlich ist es immer doof für die Fans, Feeder Club zu sein.“ So nennt Tommy Quansah von der Universität Lausanne Klubs, die größere Vereine innerhalb eines Konstrukts füttern müssen. Er forscht seit drei Jahren zu Multi-Club-Ownership. „Viele von ihnen sind vertikale Konstrukte. Man hat einen Klub, der dem anderen zuliefert. Das ist ja auch bei Red Bull ähnlich.“ Seit der Gründung von RB Leipzig im Jahr 2009 sind 22 Spieler den Weg von Red Bull Salzburg zu Rasenballsport gegangen – auch wenn es sich inzwischen formell nicht mehr um Partnerklubs handelt.
An aufsteigende Karrieren innerhalb eines Konstrukts haben sich Fußballfans wohl inzwischen gewöhnt. Dass aber ein junger, talentierter Spieler den Weg zurück gehen muss, ist ein Novum. Obwohl von kleineren Verletzungen geplagt, hatte Anselmino in den Spielen für den BVB überzeugen können. Aufgrund des engen Terminplans der Rückrunde und den Verletzungen von Emre Can und Filippo Mané hätte er beim BVB in Bundesliga und Champions League weitere Einsätze in gewohntem Umfeld und auf höchstem Niveau sammeln können.
Mit Straßburg spielt er jetzt in der Ligue 1 und der Conference League. Neben ihm sind aktuell noch drei weitere Teamkollegen von Chelsea dort. Insgesamt war Straßburg seit dem Vorsommer in 28 Leihgeschäfte involviert. In diesem Winter holte man unter anderem Demba Diop vom 1. FC Nürnberg zurück, verlieh ihn nach Toulouse weiter und schickte dafür Rabby Nzingula zum Zweitligisten.
Die Hoffnung dabei ist immer, das nächste große Talent zu finden – und irgendwann zum FC Chelsea zu schicken. In Straßburg, beim „Feeder-Club“, wird nur gekocht, in London gegessen. Und Aaron Anselmino ist in dem Fall eine Zutat.
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