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25.01.2026
10:02 Uhr
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Eine der größten Sozialeinrichtungen in Bayern will sich selbst mit Energie und Rohstoffen versorgen – die TU München ist mit mehreren Lehrstühlen an dem Pilotprojekt beteiligt.

Das Dominikus-Ringeisen-Werk (DRW) ist mit 6000 Mitarbeitern, die 5500 Menschen mit Behinderungen begleiten, eine der größten sozialen Einrichtungen in Süddeutschland. Am Hauptsitz in Ursberg im Landkreis Günzburg hat der katholische Priester Dominikus Ringeisen bereits bei der Gründung 1884 darauf gesetzt, vor Ort zu produzieren und nachhaltig zu wirtschaften. Heute hat das DRW ein Nahwärmenetz, Blockheizkraftwerke, Hackschnitzel- und Photovoltaikanlagen und nutzt Wasserkraft – und will nun mit dem deutschlandweiten Pilotprojekt „TUM goes DRW“ eine Kreislaufwirtschaft mit autarker, regionaler Energie- und Rohstoffversorgung schaffen.
„Wir möchten die Versorgungssicherheit steigern“, sagt der stellvertretende DRW-Vorstandsvorsitzende Michael Winter. „Der großflächige Stromausfall in Berlin hat eindrücklich gezeigt, wie verletzlich unsere Infrastruktur ist.“ Gerade läuft die Machbarkeitsstudie, am Ende soll die TU München, die mit mehreren Lehrstühlen beteiligt ist, gemeinsam mit dem DRW am Standort Ursberg ein sogenanntes Reallabor für zirkuläre Bioökonomie schaffen – also Forschung unter realen Bedingungen.
Die Forschungsergebnisse des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekts sollen als Blaupause dienen für dezentrale, autonome Energiesysteme im ländlichen Raum in ganz Europa, also für andere Kommunen, für Industrie und weitere Einrichtungen.
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Was kompliziert klingt, heißt es beim DRW, folge einem einfachen Prinzip: „Was bisher als Abfall galt, wird zur Energiequelle.“ Reststoffe wie Gülle, Bioabfälle, Klärschlamm oder Speisereste sollen in Wärme, Strom, Dünger, Biokohle, nutzbare Gase und sogar in Wasserstoff umgewandelt werden, der dann Erdgas ersetzen kann. Batteriespeicher sollen sicherstellen, dass Energie auch dann verfügbar ist, wenn sie gerade nicht produziert wird. Das dritte Grundprinzip, auf dem der Ansatz beruht, ist die Umsetzbarkeit: Die Effekte sollen wirtschaftlich messbar sein. Es geht dem DRW nicht um symbolische Nachhaltigkeit, sondern um tragfähige sowie krisenfeste Betriebsmodelle.
„Das DRW steht als größter sozialer Träger in der Region täglich in der Verantwortung für zahlreiche Menschen mit Unterstützungsbedarf. Die Energie- und Rohstoffversorgung ist deshalb keine abstrakte Industriefrage, sondern Teil der Daseinsvorsorge“, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Winter. Auf diese Weise können Pflegeplätze für Menschen mit Behinderung nachhaltig gesichert werden. Dabei will das DRW in Ursberg auch die umliegenden Gemeinden an der künftigen Energieversorgung beteiligen, um Emissionen aus der fossilen Energieerzeugung und laufende Kosten zu verringern.
Das DRW ist mit seinen gewachsenen Strukturen, nicht nur, was die bereits vorhandenen Anlagen wie Wasserkraft und Blockheizkraftwerke betrifft, ein idealer Standort für ein solches Reallabor. Alleine in Ursberg leben 1000 Menschen mit Behinderungen. Täglich pendeln mehrere Tausend Menschen dorthin, in die Arbeit oder in die Schule. Das DRW verfügt in Ursberg über Wohnangebote, es betreibt ein Krankenhaus und ein Sanitätshaus, es gibt eine Klostergärtnerei und einen Garten- und Landschaftsbaubetrieb, ein Café, einen Gasthof und eine Zentralküche für Gemeinschaftsverpflegung sowie Catering. Das DRW betreibt ein Textil- und Kunstgewerbe und eine Weberei, eine Buchbinderei und sogar ein Sägewerk.
Es gibt also genug Ressourcen und Wertstoffe, die angezapft werden können. Und es gibt zahlreiche Einrichtungen, die unterschiedlich versorgt werden müssen. Die Energieflüsse dieser Einrichtungen, so steht es in der Projektbeschreibung, sollen in ein einheitliches System integriert werden – eben in ein Modell der Kreislaufwirtschaft, das ökologisch wie ökonomisch tragfähig ist. Die miteinander vernetzten Anlagen sollen KI-gestützt gesteuert werden. Wird das System hochgefahren, wird die öffentliche Anbindung schrittweise so weit wie möglich zurückgefahren.
Eine Machbarkeitsstudie, erläutert Julia Winterstein, Projektleiterin beim DRW, ist gerade in Arbeit. Sie soll zeigen, welche Möglichkeiten der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft am Standort Ursberg umsetzbar sind. Und welche Mengen etwa an regionalem Bioabfall überhaupt anfallen und dementsprechend verwertet werden können.
Die Technische Universität München wertet unter anderem solche Daten aus, in Zusammenarbeit mehrerer Lehrstühle, etwa dem für Industrielle Chemie und Heterogene Katalyse. Die begleitende wissenschaftliche Arbeit der TU München soll sicherstellen, dass die Ergebnisse belastbar sind, um neue Wege für eine ressourcenschonende, CO₂-neutrale Wertschöpfung zu entwickeln und in realer Umgebung zu erproben.
Bei der Familie Rothermel im schwäbischen Ursberg ist das ganze Jahr über Ostern. Auch kurz vor Heiligabend laufen hier bunte Eier vom Band. Zu Besuch in der ältesten Eierfärberei Deutschlands.
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