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01.02.2026
14:48 Uhr
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Was tun gegen einen übermächtig wirkenden Gegner? Die deutschen Handballer wollen den Favoriten im EM-Finale mit einer knallharten Defensive vor Probleme stellen. Und die Dänen äußern Respekt.

Nicolaj Jacobsen dachte lange nach über die Frage, was die deutsche Abwehr gerade so stark macht. Dann seufzte er und sagte: „Was soll ich darauf antworten, ich glaube, wir haben gegen Deutschland im ersten Spiel ganz gut gespielt, die spielen mit viel Kraft, aber wir haben in den letzten Spielen gezeigt, dass wir gute Lösungen finden können.“ Dann sagte der dänische Nationaltrainer einen für ihn typischen Satz: „Mir ist das egal, ich kümmere mich nicht um die, sondern nur darum, wie wir das Spiel gewinnen können.“
„Das Spiel“, damit meinte Jacobsen das Finale der Handball-Europameisterschaft im dänischen Herning, der Gastgeber ist an diesem Sonntag (ab 17.30 Uhr, ZDF) Favorit, zumal das deutsche Team in der Hauptrunde klar mit 26:31 unterlegen war. Doch seither hat die Nationalmannschaft starke Leistungen gezeigt, die nach Ansicht von Bundestrainer Alfred Gislason auf der Abwehrarbeit seiner Mannschaft beruhen. Und im Gegensatz zu seinem Kollegen hat der Isländer auch eine Erklärung parat, was seine Defensive so stark macht: „Die Breite an Spielern und die Beweglichkeit, die sie haben“, sagte Gislason. „Wir haben vier Leute, die sehr gut auf beiden Innenblockpositionen spielen können, und einige Spieler, die Halbpositionen spielen können. Das macht unsere Abwehr extrem flexibel.“
Das große Ziel ist erreicht: Die deutschen Handballer stehen im EM-Finale, nach einem verdienten 31:28 gegen Kroatien. Kurz vor Schluss wird es noch einmal knapp.
Gislason hatte vor dem Turnier einen kleinen Paradigmenwechsel vollzogen. Bisher nominierte er nur Spieler, die auch im Angriff einen Beitrag leisten können, für die EM nahm er in Tom Kiesler und Matthes Langhoff zwei Abwehrspezialisten mit. „Das war sehr wichtig“, wie sich herausgestellt habe: „Langhoff hat ein phänomenales Spiel gegen die Kroaten gemacht, Kiesler war – bis er krank wurde – der beste Abwehrspieler des gesamten Turniers.“ Ausgerechnet vor dem Halbfinale hatte sich der Gummersbacher einen Magen-Darm-Virus eingefangen und im „Viertelstundentakt gekotzt“, wie Gislason berichtete. Im Finale ist er wieder einsatzbereit.
Auch Linksaußen Rune Dahmke sah darin eine sinnvolle Ergänzung: „Viele Jahre mussten Johannes Golla und Julian Köster fast allein im Innenblock buckeln“, nun habe man „vier, fünf Alternativen, die alle auf einem sehr hohen Niveau agieren können“. Die größte Stärke der DHB-Auswahl laut Dahmke: „Wir haben vielleicht besser als jede andere Mannschaft die Kräfte verteilt, um die Topleute zu schonen. Deshalb sind wir auch schwerer auszurechnen.“
Golla profitiert sichtlich von der Aufteilung, der Kapitän zeigt im Angriff eine Topleistung nach der anderen, weil er sich in der Abwehr nicht mehr 60 Minuten lang aufreiben muss. Vor allem Kreisläufer-Kollege Justus Fischer sprang ein, im Finale fehlt er allerdings mit einem Infekt, eine klare Schwächung für das deutsche Team. Nach der Niederlage im Serbien-Spiel habe Golla gemerkt, dass er nicht jedes Spiel 60 Minuten durchhalten könne, was er mit Gislason besprochen habe. Und der sei „fein damit“ gewesen und habe Fischer Vertrauen geschenkt. Mittlerweile besprechen das die beiden Kreisläufer auf dem Feld: „Wir machen das untereinander aus, wer gerade eine Pause braucht, das ist eine ganz coole Zusammenarbeit.“
Es haben sich Automatismen entwickelt, sagte Golla, „wir haben ein gutes Zusammenspiel und blindes Verständnis, wissen, wo der andere hinläuft“. Was vorwiegend bei Zweikämpfen helfe, so könnten beide aktiv nach vorn gehen und auch die Torhüter unterstützen. Lob hatte der Kapitän auch für Kiesler und Langhoff parat: „Sie spielen mittlerweile eine große Rolle, die Jungs haben super reingefunden und setzen große Akzente.“
Wovon nicht zuletzt der Angriff profitiert. „Es ist gut, dass sich ein paar Jungs in der Abwehr mehr ausruhen können“, sagte Köster, der ebenfalls in den Turnieren vorher zu den strapazierten Vielspielern zählte: „So können wir einen guten Abwehr-Angriff-Wechsel machen, das bringt auch vorn mehr Qualität ins Spiel.“ Köster erinnerte daran, dass im Angriff ebenfalls zwei Neulinge viel Entlastung für die etablierten Kräfte bringen: In Marko Grgic und Miro Schluroff wurden zwei enorm torgefährliche Spieler integriert, beide haben ihre Qualitäten schon unter Beweis gestellt.
Und nicht zuletzt Torhüter Andreas Wolff war voll des Lobes über die neue Breite im Team. „Jeder hat seine Stärken, seinen eigenen Stil“, mit jedem Spiel werde die Abstimmung besser: „Ich freue mich schon auf die Zukunft mit unserer Abwehr, wenn wir uns noch weiter verbessern, können wir viel erreichen.“
Vorerst gilt es aber ein Finale zu spielen, gegen einen übermächtig wirkenden Gegner. Der ist gewarnt. „Ich finde, dass Deutschland eine der besten Abwehrreihen der Welt hat, mit zwei Top-Torhütern“, sagte Simon Pytlick. „Wir sind momentan nicht bei 100 Prozent, haben mit unseren verletzten Kreisläufern Probleme.“ Der neben Mathias Gidsel beste Angreifer der Dänen meinte die Verletzungen von Emil Bergholt (Fuß), Lukas Jörgensen (Kreuzbandriss) sowie von Simon Hald, der nach einem Schlag auf den Kopf beim 31:28-Halbfinalsieg gegen Island ins Krankenhaus gebracht wurde.
Sein Trainer zeigte sich dennoch in der ihm eigenen Art zuversichtlich. Die Dänen sind zwar viermal in Serie Weltmeister geworden, aber der bis dato letzte Triumph bei kontinentalen Titelkämpfen datiert aus dem Jahr 2012, was in den heimischen Medien als „EM-Fluch“ bezeichnet wird. „Das kommt doch von einer Unwissenheit“, sagte Jacobsen, „die meisten in dieser Truppe haben erst ein- oder zweimal eine EM gespielt. Warum sollen sie für etwas leiden, das andere nicht geschafft haben?“ Im Team sei das ohnehin kein Thema: „Das ist typisch für die dänischen Medien und kümmert nur die klugen Experten.“ Er jedenfalls werde dafür sorgen, dass diese Thema bald vom Tisch sei.
Andreas Wolff, 34, gegen Emil Nielsen, 28: Das große Handballduell zwischen Deutschland und Dänemark wird auch zwischen den Pfosten entschieden. Über zwei Torhüter, die sich in den Köpfen der Angreifer besonders wohlfühlen.
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