|
10.12.2025
11:12 Uhr
|
Nach Jahren voller Tragödien ziehen die deutschen Handballerinnen endlich ins WM-Halbfinale ein. Eine große Last fällt ab – und Bundestrainer Gaugisch sagt: „Jetzt kann alles passieren.“

Die Playlist in der Westfalenhalle war nicht zu dem Zweck zusammengestellt worden, die deutschen Handballerinnen zu necken. Als diese nach ihrem 30:23-Viertelfinalsieg gegen Brasilien lachend und mit von Freudentränen geröteten Augen vor 10 522 Zuschauern eine Ehrenrunde drehten, dröhnte aus den Boxen der Gassenhauer „Oh, wie ist das schön“ mit der diesmal lakonisch anmutenden Zeile „So was hat man lange nicht gesehen“.
Man kann sogar sehr genau sagen, wie lange nicht: 18 Jahre ist es her, dass deutsche Handballerinnen bei einer Weltmeisterschaft zuletzt ins Halbfinale eingezogen sind. 2007 holten Spielerinnen wie Grit Jurack, Nadine Krause und Maren Baumbach unter dem Bundestrainer Armin Emrich in Paris sogar WM-Bronze. Der Tag galt seither als Ausgangspunkt für vielerlei Tragödien, die die nachfolgenden Nationalspielerinnen in den vergangenen Jahren erlitten haben.
„Sooo unglaublich lange haben wir auf diesen Moment gewartet“: Zum ersten Mal seit 17 Jahren stehen die DHB-Handballerinnen unter den letzten Vier eines großen Turniers. Beim 30:23 gegen Brasilien überzeugte erneut die Defensive.
17 Turniere in Serie hatte die deutsche Frauenhandball-Nationalmannschaft seit ihrer medaillenlosen EM-Halbfinal-Teilnahme 2008 bestritten, ohne noch einmal unter die letzten vier zu gelangen. Von diesen 17 Turnieren hat Antje Döll, 37, sieben mitgemacht, Alina Grijseels, 29, acht und Emily Vogel, 27, und Xenia Smits, 31, je zehn. Jedes dieser Turniere endete mit einem verlorenen Alles-oder-nichts-Spiel, jedes entpuppte sich letztlich als eine Enttäuschung. „Diese Spielerinnen sind durch tiefe Täler gegangen“, sagte am Dienstagabend in den Jubel hinein der Bundestrainer Markus Gaugisch: „Und das ist jetzt der Lohn dafür, dass sie drangeblieben sind und nach all den Rückschlägen nie aufgegeben haben.“
Der Sagenheld des Niemalsaufgebens ist Sisyphos, der einen immer wieder herunterrollenden Stein immer wieder tapfer und unermüdlich auf den Berg hinaufrollt. Vier der Heldinnen des deutschen Frauenhandballs sind Döll, Grijseels, Vogel und Smits, weil sie sich nie haben entmutigen lassen und jedes Jahr aufs Neue versucht haben, einen ewig anmutenden Bann zu brechen. Als hätte es Sisyphos am Ende tatsächlich geschafft, dass der Stein auf dem Berg liegen bleibt.
Diese Vorgeschichte muss man kennen, um zu verstehen, warum Emily Vogel und Alina Grijseels am Dienstagabend in der Dortmunder Westfalenhalle ihre Tränen schon kaum mehr zurückhalten konnten, als das Viertelfinalspiel gegen Brasilien noch gar nicht beendet war. Vogel links im Rückraum und Grijseels in der Mitte waren nur zwei, drei Meter auseinander, warfen sich den Ball zu und schauten sich dabei an. Kurz vor Schluss lag ihr Team uneinholbar in Führung. „Da ist mir klar geworden, dass wir das nicht mehr verlieren können“, erzählte Vogel, „und Alina hat mich angeguckt und rübergerufen: ‚Emmy, Emmy, noch ein bisschen!‘ Weil sie gesehen hat, dass ich schon kämpfe.“
Grijseels, die für Borussia Dortmund in der Bundesliga spielt und für die das Länderspiel in der Westfalenhalle ein doppeltes Heimspiel war, hat Vogel allerdings nicht nur aus Gründen der sportlichen Disziplin zum Durchhalten ermahnt. Sondern, weil sie selbst gegen die Tränen kämpfte. „Ein, zwei Minuten vor dem Ende habe ich realisiert, dass es reichen wird, dass wir es geschafft haben“, berichtete sie: „Da kommen mir die Tränen und ich gucke zu Emmy rüber, und der passiert genau das Gleiche. Das hat mir nicht gerade geholfen, mich noch mal zusammenzureißen.“
Und so fungierte dieses 30:23 gegen Brasilien vor fanatischem Heimpublikum als großer Moment der Erlösung für jahrelang gebeutelte Handballerinnen. Deshalb durfte Vogel, die vor ihrer Hochzeit Bölk hieß, hinterher emotional sagen: „Wir haben sooo fucking lange auf diesen Moment gewartet.“ Und Grijseels ergänzte: „Jetzt haben wir geschafft, wonach wir uns all die Jahre gesehnt haben – wir mussten viel Kritik einstecken und wollten zeigen: Wir haben viel gearbeitet, wir haben viel investiert.“
Für den Bundestrainer Gaugisch, der 2022 angetreten ist und vier der enttäuschend endenden Turniere miterlebt hat, ist der aktuelle Erfolg eigentlich nur eine logische Konsequenz der vergangenen Jahre. „Die Spielerinnen sind gewachsen“, sagte er: „Sie haben nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch in ihren Vereinen K.-o.-Spiele mitgemacht. Blomberg und Bensheim haben in der Bundesliga Playoffs gespielt, Emmy Vogel und Xenia Smits kennen das aus der Champions League.“ Die Spielerinnen seien daran gereift. „Das ist einfach eine Entwicklung“, sagt Gaugisch, „es braucht lange, um diese Stabilität zu finden, aber das ist für mich nicht nur ein mentales Thema, sondern vor allem ein handballerisches.“
Und jetzt geht es weiter. Am Freitag steht in Rotterdam das Halbfinale an gegen den Sieger des erst am späten Mittwochabend ausgetragenen Viertelfinals zwischen dem amtierenden Weltmeister Frankreich und dem WM-Dritten Dänemark. Am Sonntag geht es in Rotterdam dann um eine Medaille. In einem möglichen Endspiel könnte der Europameister und Olympiasieger Norwegen der Gegner sein. In einem möglichen Spiel um Platz drei könnte es gegen gastgebende Niederländerinnen um Bronze gehen.
„Wir nehmen den Rückenwind mit nach Rotterdam“, sagt Gaugisch. „Jetzt kann alles passieren, obwohl wir leider nicht mehr die komplette Home-Crowd hinter uns haben“, sagt die Rückraumspielerin Vogel. „Alles ist möglich, wenn wir weiter so als Mannschaft zusammenspielen“, sagt die Abwehrspielerin Aimée von Pereira, für die es das allererste Turnier ist.
Sollten die deutschen Spielerinnen am Ende ohne Medaille aus der WM gehen, könnte das am Sonntag noch mal einen Moment der Enttäuschung bedeuten. Aber die Euphorie vom Dienstag in Dortmund kann ihnen niemand mehr nehmen. Die müssen sie für immer abspeichern. An jenem Abend hat Emily Vogel gesagt: „Dieses Halbfinale erreicht zu haben, das fühlt sich schon an wie Gold.“
Am Mittwoch beginnt die Handball-WM in Deutschland. Bundestrainer Markus Gaugisch spricht über den Stellenwert des Frauenhandballs, Probleme auf dem Fernsehmarkt und den Plan, bei der WM endlich eine Topnation zu besiegen.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Gutscheine: