SZ 19.02.2026
15:16 Uhr

(+) Deutsches Eishockey-Team nach dem Aus: Schmerzhafte Einsichten


Immerhin bei der Aufarbeitung der Viertelfinalniederlage zeigen die deutschen Eishockeyspieler Geschlossenheit: Aber die Erkenntnis, dass das Gefälle zwischen NHL- und DEL-Profis zu groß war, kommt zu spät.

(+) Deutsches Eishockey-Team nach dem Aus: Schmerzhafte Einsichten

Nichts wie weg. Am Morgen nach dem Aus im Viertelfinale bei den Olympischen Winterspielen verteilten sich die deutschen Eishockeyspieler fächerartig über den Globus. Für die Profis aus der nordamerikanischen NHL ging es vom Flughafen Malpensa aus über den Atlantik, nach Edmonton, Ottawa, Utah, Minnesota, die ersten Zubringer verließen am Donnerstag um sechs Uhr morgens das olympische Dorf. Die anderen machten sich nach und nach auf den Heimweg nach Berlin, Mannheim, München, Köln. Bis zum frühen Nachmittag war die Unterkunft besenrein.

Niemand sah einen Grund, sich länger in Mailand, am Ort der 2:6-Niederlage gegen die Slowakei, aufzuhalten. Spieler und Stab hatten zuvor von einer historischen Chance gesprochen, mit dem womöglich besten Kader der deutschen Eishockey-Geschichte wie 2018 um die Medaillen zu spielen. Ob es demzufolge eine historische Niederlage war? Nico Sturm, einer von acht NHL-Profis im deutschen Team, so vielen wie nie zuvor, sagte: „Könnten wir bitte mit den Superlativen mal aufhören? Es war ein Spiel, das wir hätten gewinnen können, gegen einen Gegner, den wir schon geschlagen haben. Es war eine große verpasste Chance.“

Die Analyse, warum sie diese Chance verpasst hatten, fiel bedeutend schwerer.

„Das waren einfach zu viele Fehler heute“, sagte Leon Draisaitl direkt nach dem Spiel: „Ich weiß nicht, wie viele Konter wir zugelassen haben. Das tut weh.“ Der Kapitän, Fixpunkt der Mannschaft, Fahnenträger des deutschen Olympiateams bei der Eröffnungsfeier, NHL-Idol bei den Edmonton Oilers, war die Galionsfigur der Mannschaft und Symbol der deutschen Hoffnungen auf ein Turnier, wie es die Deutschen bislang nicht gesehen hatten. „Wir wollen der Welt mal zeigen, wie gut wir wirklich Eishockey spielen können“, hatte Draisaitl angekündigt. Als er nach nur 23 Sekunden im Auftaktspiel gegen Dänemark zum 1:0 traf, grinste er, die Experten nickten sich zu, und die Fans zu Hause an den Fernsehern rieben sich die Hände: Jetzt geht’s los.

Zu früh gefreut. „Wir sind verdient ausgeschieden“, sagte Draisaitl: „Wir hätten schon gerne besser gespielt, aber wir haben nie so richtig zu unserem Spiel gefunden. Manchmal finden sich Mannschaften schneller. Manchmal dauert es länger. Bei uns hat es etwas zu lange gedauert.“

Zum Abschied aus Italien hinterließ er eine Botschaft bei Instagram: „Es war nicht das Turnier, das wir uns erhofft hatten, aber dennoch ein unvergessliches Erlebnis voller schöner Erinnerungen. Danke, Mailand! Und vielen Dank an alle für eure Unterstützung.“

Die Aufarbeitung des Turniers, das mit Platz sechs rein formal ein respektables Ergebnis lieferte, dürfte etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Vielleicht haben wir zu viel darüber gesprochen, wie gut wir sind, und uns nicht genug darauf konzentriert, dass es hier nur über Kampf und Geradlinigkeit geht“, sagte Verteidiger Moritz Müller. Der 39-Jährige war der älteste Olympia-Teilnehmer. Vor dem Turnier hatte er sein Amt an Draisaitl abtreten müssen, in den ersten beiden Spielen bekam er – in Summe – 5:37 Minuten Eiszeit. Dabei lief das Turnier über weite Strecken an dem gerade erst von einem Achillessehnenriss genesenen Kai Wissmann und Jonas Müller vorbei. Ihr Berliner Teamkollege Korbinian Geibel, bei der vergangenen WM einer der Aufsteiger, spielte keine einzige Sekunde.

Auch im Sturm traf Bundestrainer Harold Kreis diskutable Entscheidungen. Dass er auf die Offensivkraft seiner NHL-Edeltechniker Draisaitl, Tim Stützle oder JJ Peterka setzte: nachvollziehbar. Dass er Draisaitl auch am Vortag des Viertelfinales gegen biedere Franzosen mehr als 24 Minuten aufs Eis befahl, schon weniger. Kreis argumentierte: „It’s a playoff game. You go with your best players.“ Wenn es eng wurde, mussten also immer wieder die ersten beiden Reihen aufs Eis. Draisaitl sagte, er sei die Vielspielerei gewohnt. Aber fünf Spiele in sieben Tagen sind auch für NHL-gestählte Körper kein Klacks. „Die Frage ist vielleicht berechtigt, ob ich sie zu viel eingesetzt habe“, sagte Harold Kreis: „Aber dass alle die gleiche Eiszeit bekommen, das wird es nicht geben.“ Auch der Mannheimer Justin Schütz blieb ohne jeden Einsatz.

Knackpunkt aber war das Gefälle zwischen NHL- und DEL-Profis. „Es ist uns nicht gelungen, übers komplette Turnier unser Spiel aufs Eis zu bringen“, sagte Moritz Müller. „Es gab nur Phasen, aber es war nicht konstant genug. Wir haben nie so richtig unsere Team-Identität gefunden, wie wir denn als Mannschaft eigentlich spielen wollen. Spielen wir hintenrum und kontrollieren die Scheibe oder spielen wir schnell nach vorn? Mal war es das eine, mal das andere.“ Ob der zum Teil selbstauferlegte Erwartungsdruck zu hoch war?  „Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Welt auf unserer Schultern lastet“, sagte Nico Sturm. DEB-Sportvorstand Christian Künast bestätigte im ZDF: „Wir waren ein sehr, sehr gutes Team außerhalb des Eises. Auf dem Eis sind wir es nie so richtig geworden.“

Künast sieht in der Nachwuchsarbeit die Herausforderung für die Zukunft. „Zu den ganz großen Nationen wie Kanada, USA, Schweden fehlt uns sehr viel, und es ist die Breite. Wir haben sehr, sehr gute Spieler, aber wir haben sie nicht in der Anzahl wie diese Nationen.“ Vor allem nicht in der Abwehr. Moritz Seider, einziger deutscher Weltklasseverteidiger von den Detroit Red Wings, zog Parallelen zur WM 2025: „Wir sind eine Mannschaft, die sehr viel über Stolz und Willen kommt. Ab und an versuchen wir, dass wir zu niedlich spielen. Wir müssen einfach wieder direkter werden. Das hat man schon in Dänemark gesehen.“ Damals hatte das DEB-Team erstmals seit 2018 das Viertelfinale verpasst. Nächste Chance zur Besinnung: im Mai bei der WM in der Schweiz. Dann ohne die meisten NHL-Profis.

Ein Lapsus nach dem anderen: Das deutsche Eishockeyteam verliert 2:6 gegen die Slowakei – und verpasst durch das Olympia-Aus eine historische Chance, die so schnell wohl nicht wiederkommen wird.

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