SZ 16.02.2026
09:12 Uhr

(+) Deutsches Eishockey-Team bei Olympia: „Die DEL-Spieler sind genauso wichtig“


Der mediale Fokus auf die NHL-Profis nervt manche im deutschen Eishockey-Team – auch die Spieler aus Nordamerika. Soll gegen Frankreich der Einzug ins Viertelfinale gelingen, ist das ganze Team gefordert.

(+) Deutsches Eishockey-Team bei Olympia: „Die DEL-Spieler sind genauso wichtig“

Am Sonntag zeigte Mailand sich von seiner besten Seite: Sonne, blauer Himmel, 17 Grad. Im Parco Sempione zwischen Castello Sforzesco und Arco della Pace, wo das olympische Flämmchen lodert, nutzten die Menschen das laue Frühlingswetter für einen Spaziergang und einen Spritz. Zwischen den Ständen mit Getränken und gerösteten Maronen spielten Straßenmusiker. Um einen von ihnen hatte sich eine Gruppe deutscher Eishockeyfans versammelt und sang im Wechsel mit dem Künstler den Refrain zu Britney Spears’ „Baby One More Time“. Die meisten von ihnen trugen Trikots mit dem Namen Draisaitl auf dem Rücken und der Nummer 29. Besonders inbrünstig schmetterten sie die Zeile „I still believe, still believe“.

Nun muss man nicht extra erklären, worum es in dem Lied tatsächlich geht (nicht um Eishockey, so viel sei verraten). Es reicht zu wissen, was zu sehen war: Die deutschen Fans waren da, trotz der 3:4-Niederlage am Vortag gegen Lettland, und auch der Glaube an das deutsche Team und seinen Kapitän Leon Draisaitl war intakt.

Eishockeystar Leon Draisaitl, deutscher Fahnen- und Erwartungsträger, spricht über das Leben als Promi im olympischen Dorf, die Chancen des DEB-Teams – und diesen einen Penalty seines Vaters vor 34 Jahren.

Es heißt, Glaube kann Berge versetzen. Aber um das Team der USA zu schlagen, hätte es eines Wunders bedurft, das selbst von einem Spieler wie Draisaitl, der grundsätzlich jeden Abend zu außergewöhnlichen Taten befähigt ist, zu viel verlangt ist. Der Weltmeister ist zu diesen Olympischen Spielen ausschließlich mit NHL-Profis der gehobenen Kategorie angereist. Zwei von ihnen, die Brüder Matthew und Brady Tkachuk, kümmerten sich nahezu ausschließlich darum, den Aktionsradius des deutschen Ausnahmestürmers von den Edmonton Oilers einzuengen. Das zeigte Wirkung.

Das Team von Bundestrainer Harold Kreis unterlag bei seinem ersten Auftritt in der Santagiulia Ice Hockey Arena nicht ganz überraschend mit 1:5 (0:1, 0:2, 1:2). „Wir spielen hier gegen eine Mannschaft, die Ambitionen auf Gold hat, und das haben wir im ersten Drittel sehr, sehr gut umgesetzt“, sagte Kreis: „Im zweiten haben die Amerikaner aber noch mal einen Zahn zugelegt. Wir haben unseren Flow dann nicht mehr gefunden.“ Die Leistung aus den ersten zwanzig Minuten, sagte Kreis, müsse die „Benchmark“ sein für das Spiel gegen Frankreich. Die Franzosen sind am Dienstag (12.10 Uhr) der nächste Gegner in einem K.-o.-Spiel um den Einzug ins Viertelfinale. Nur die drei Gruppenersten Kanada, Slowakei und USA sowie der beste Gruppenzweite (Finnland) qualifizierten sich direkt für die Runde der letzten acht Teams.

Dass Deutschland trotz der Niederlage im letzten Gruppenspiel nun in Frankreich, Letzter der Gruppe A mit null Punkten, sogar einen vermeintlich leichten Gegner hat, ist dem Modus geschuldet. Als Zweiter der Gruppe C rangiert die DEB-Auswahl in der Setzliste etwa vor den Schweden, die in Gruppe B trotz sechs Zählern lediglich Dritte geworden waren. So hätten sich die Deutschen mit der am Ende doch sehr deutlichen Niederlage eigentlich arrangieren können. In der Analyse taten sich jedoch Dissonanzen auf.

„Wir waren besser in unserer Struktur als gegen Dänemark und Lettland“, fand NHL-Stürmer Nico Sturm: „Aber wir kommen manchmal von unserem System weg, weil wir jetzt eben Spieler haben, die in ihren Klubs auch Spielmacher sind, weil wir jetzt diese Qualität haben.“ Viele hatten gar vom besten deutschen Kader der Geschichte geschrieben und gesprochen, zumindest waren noch nie so viele NHL-Profis in einem deutschen Olympiateam. „Aber unser System ist immer noch Verteidigen“, sagte Sturm, „und nicht in Schönheit sterben.“ Um gegen eine Mannschaft wie die USA zu gewinnen, benötige man einen perfekten Tag. Den hatten die Deutschen nicht. Dabei hatten sie gut angefangen.

Nur 30 Stunden nach der  3:4-Niederlage gegen die Letten stand diesmal Maximilian Franzreb im Tor, Philipp Grubauer erhielt eine Pause. Der Mannheimer konnte sich gleich in der zweiten Minute gegen Matt Boldy auszeichnen. In hoher Taktung sollte es weitergehen. Franzreb aber sog die Pucks an wie ein trockener Schwamm das Wasser.

Nach einer Druckphase der Deutschen brandete Szenenapplaus für die DEB-Auswahl auf. Vielleicht hatte sich herumgesprochen, was zu diesem Zeitpunkt bereits Gewissheit war: Weil die Dänen zuvor die Letten 4:2 besiegt hatten und diese beiden mit der deutschen Mannschaft punktgleich waren, stand das DEB-Team im direkten Vergleich als Gruppenzweiter fest, unabhängig vom Ausgang des Spiels gegen die USA. Die Spieler wussten davon zunächst nichts. Entsprechend groß war der Ärger über das 0:1 durch Zach Werenski 8,7 Sekunden vor der ersten Pause.

Auch nach dem Wechsel machten die Deutschen, die nun das Ergebnis zwischen Dänemark und Lettland kannten, nicht den Eindruck, als wollten sie das Spiel nicht gewinnen. Ein Sieg gegen den Weltmeister hätte schließlich den Gruppensieg und den direkten Weg ins Viertelfinale eröffnet. Nach dem 0:2 (24.) durch Auston Matthews war dieser Weg allerdings ein paar Meter länger geworden. Und nach dem 0:3 (38.) noch länger. Nach dem 0:4 (42.) und Matthews’ zweitem Treffer drohte der Abend sogar richtig unangenehm zu werden. „Wir hatten zu viele Scheibenverluste. Und dafür bezahlst du gegen so eine Mannschaft sofort“, sagte NHL-Profi Tim Stützle.

Die deutschen Zuschauer in der Santagiulia-Arena erkannten das Bemühen der Mannschaft an und sangen fast so schön wie das Grüppchen tagsüber im Sempione-Park. Sie glauben weiterhin daran, dass bei diesen Spielen Großes möglich ist. Zumindest der Ehrentreffer durch Stützle (52.) war noch drin, bereits das vierte Turniertor für den Stürmer der Ottawa Senators. Und ein Mutmacher. Dennoch war Stützle hinterher nicht glücklich: „Mir geht es, um ehrlich zu sein, auf den Keks, dass immer nur über die NHL-Spieler geredet wird. Wir sind eine Mannschaft. Jeder muss seine Rolle einnehmen. Und da sind die DEL-Spieler genauso wichtig.“

Ähnlich sieht es Moritz Müller, der zwar nicht mehr der Kapitän des Teams ist, aber auch mit 39 Jahren einer, auf den die Mannschaft hört. Müller also sprach: „Wir haben ganz tolle Spieler, die zu den besten auf der Welt gehören. Aber wir dürfen nicht denken, dass jedes Mal, wenn wir denen die Scheibe geben, ein Wunder passiert. Auch andere Nationen haben Topspieler dabei. Wir müssen als Mannschaft besser spielen. Und damit meine ich alle.“ Sie haben ja noch etwas vor bei diesem Turnier.

Mit nur einem Sieg aus der Gruppenphase zu kommen und danach um Medaillen zu spielen? Unmöglich ist das nicht. Das DEB-Team ist selbst das beste Beispiel. Bei den Winterspielen 2018 hatte die Mannschaft unter Marco Sturm ihre Auftaktpartien gegen Schweden und Finnland verloren und nur gegen Norwegen und auch erst nach Penaltyschießen zwei Pünktchen eingesammelt. Um danach in den K.-o.-Runden gegen die Schweiz (2:1), Schweden (4:3, jeweils nach Verlängerung) und Kanada (4:3) zu triumphieren. Der Höhenflug führte schließlich zu Silber, nachdem es selbst im Finale bis 55,5 Sekunden vor Schluss so ausgesehen hatte, als könnten die Deutschen die Olympischen Athleten aus Russland niederringen.

Diese Mannschaft von 2018 sei eine der zwei besten gewesen, die er erlebt habe, sagte Moritz Müller, neben jener, die 2023 WM-Silber gewann. Die Klasse von 2026, der Jahrgang der Hochbegabten, müsse da noch hinkommen. Der Weg führt über Frankreich, erstes Etappenziel ist das Viertelfinale.

1976 traute dem deutschen Eishockeyteam niemand etwas zu – außer „schlechte Leistungen und mieses Benehmen“. Doch dann geschah das „Wunder von Innsbruck“.

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