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17.02.2026
16:36 Uhr
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Einer für alle, alle für einen? Das deutsche Eishockey-Team gewinnt nach einer internen Aussprache 5:1 gegen Frankreich. Nun wartet im Viertelfinale die Slowakei – ein machbarer Gegner.

Der D’Artagnan des deutschen Eishockey-Teams: Leon Draisaitl (gelbes Trikot) beim Schussversuch vor dem französischen Tor. (Foto: Carolyn Kaster/AP)
Namen von französischen Eishockeyspielern lesen sich wie Figuren aus einem Alexandre-Dumas-Roman: Bellemare, Auvitu, Bertrand. Klingt wie Athos, Porthos, Aramis. Wann immer die deutsche Nationalmannschaft zuletzt auf die Nachbarn aus dem Land der Liebe traf, wann immer sie noch Punkte für ein Viertelfinale brauchte oder einen Sieg für das Selbstvertrauen, kamen Les Bleus gerade recht. Zuletzt bei der WM 2024 gewannen die Deutschen 6:3, bei der WM 2023 glatt und geschmeidig 5:0.
Am Dienstagmittag in Mailand ging es um die Qualifikation für das Viertelfinale bei den Olympischen Spielen. Und wieder konnte das DEB-Team ein wenig Aufmunterung gut gebrauchen.
Von Gefängnisausbrüchen, trickreichen Landwirten und einem lückenhaften Lächeln: Eishockey von A bis Z.
„Wir wussten schon, wie wichtig dieses Spiel ist“, sagte Bundestrainer Harold Kreis. Dank des 3:1-Auftaktsiegs gegen Dänemark war Deutschland Zweiter der Gruppe C geworden und hatte einen tragfähigen Ast des Turnierbaums erwischt: Jenseits von Frankreich wartete bereits die Slowakei als nächster Gegner, nicht Kanada oder einer der anderen ganz Großen. Nach dem 5:1 (3:0, 1:1, 1:0)-Sieg gegen die Franzosen war ihm die Erleichterung anzumerken: „Die Mannschaft hat die Gunst der Stunde genutzt. Aber die Jungs haben das nicht geschenkt bekommen, sie haben dafür gearbeitet.“ Nicht nur nach Ansicht von Verteidiger Moritz Seider hat die Mannschaft nun die „historische Chance“, nach 2018, als sie Silber gewann, wieder um die Medaillen zu spielen.
Nach den Niederlagen gegen Lettland (3:4) und Weltmeister USA (1:5) hatte sich die Stimmung vorübergehend eingetrübt, am Abend vor der Partie gegen die Franzosen gab es eine Aussprache unter den Spielern – ohne den Trainerstab. „Das ist völlig normal“, sagte Kreis: „Die Trainer sind bei so etwas selten eingeladen. Die Spieler können dann einfach freier miteinander sprechen.“ Thema der Unterredung sinngemäß: Spielen wir eigentlich nach dem alten Musketier-Motto Einer für alle und alle für einen? Und wenn ja, können wir uns einigen, nach welchem Plan? „Wir haben so viel Potenzial“, hatte Dominik Kahun gesagt: „Aber wir müssen das mal vierzig, sechzig Minuten aufs Eis bringen.“
Die Rolle des D’Artagnan, des jugendlichen Helden, war seit Turnierbeginn für Leon Draisaitl, 30, vorgesehen, Kapitän und NHL-Celebrity von den Edmonton Oilers. Er führt die feinste Klinge im deutschen Team. Aber das wissen auch die Gegner und stellen meistens einen oder gleich zwei Spieler auf den Mittelstürmer ab. In Unterzahl ist das allerdings kaum möglich, und Draisaitl nutzte den Raum, den die Franzosen ihm gaben, prompt: erstes Powerplay, erstes Tor nach schöner Vorarbeit von Tim Stützle (4. Minute). Einen solchen Spielbeginn hatte Kreis sich erhofft: „Die Mannschaft kam aus dem Startblock, und man hat gesehen: Hey, wir sind hier, und wir wollen gewinnen.“ Anders als gegen die Dänen und die Letten gelang es ihr diesmal auch, nachzulegen. Frederik Tiffels lupfte den Puck präzise über die rechte Schulter von Frankreichs Goalie Julian Junca zum 2:0 ins Ziel (11.).
Die Franzosen waren in ihrer Gruppe ziemlich verprügelt worden: 0:4 gegen die Schweiz, 3:6 gegen Tschechien und zum Abschluss mit 2:10 Toren vom Topfavoriten Kanada. Von den Großen also, denen das deutsche Team bislang nur ein Mal begegnet ist, als es sich gegen die USA blaue Beulen abgeholt hat. Die Franzosen zu unterschätzen, verbot sich also, „das haben wir auch zu keinem Zeitpunkt getan“, sagte Kreis. Besser noch ein Tor nachschieben: Wieder war es Stützle, der diesmal John-Jason Peterka bediente, der Junca zum 3:0 verlud (19.). Die deutschen NHL-Profis hatten die Tormaschine angeworfen.
Stützle, mit vier Treffern und zwei Vorlagen bislang bester deutscher Scorer im Turnier, hatte nach der Niederlage gegen die USA noch verbal auf den Tisch gehauen. Ihm gehe es „auf den Keks“, dass die NHL-Spieler zu sehr im Fokus stünden. Stichwort: bester deutscher Kader der Geschichte. Auch die Spieler aus der deutschen Liga seien wichtig, wenn das DEB-Team in Mailand etwas erreichen wolle. „Die Jungs sind alle befreundet. Und sie wissen auch, dass sie in dieser Konstellation wahrscheinlich nicht noch einmal in der Kabine sitzen werden“, sagte Kreis.
Vor allem Stützle hatte sich offensichtlich viel vorgenommen, war offensiv auffälligster Spieler und übernahm auch in der Defensivarbeit Verantwortung. „Wir (die NHL-Profis, d. Red.) bekommen viel Eiszeit, dann müssen wir auch performen“, sagte der 24-Jährige von den Ottawa Senators. Seinem famosen Solo über die halbe Eisfläche stand nur Junca im Weg.
Für Frankreichs Torhüter war nach dem ersten Drittel bereits Feierabend. Trainer Yorick Treille wollte seine Equipe wachrütteln und beorderte Antoine Keller zwischen die Pfosten, einen 21-Jährigen vom HC Ajoie, Tabellenletzter in der Schweiz. Der Kniff wirkte. Pierre-Edouard Bellemare, Teamkollege Kellers in Ajoie, spielte die ganze Erfahrung seiner 40 Jahre und einer bewegten NHL-Vergangenheit aus, spielte den Puck von der Grundlinie vors Tor, den Rest erledigte Moritz Müllers Wade (25.).
Die Frage war, wie die deutschen Spieler auf diesen unglücklichen Gegentreffer reagieren würden. Würden sie, sinnbildlich gesprochen, den Kopf verlieren wie Ludwig XVI. auf der Guillotine? Oder geschlossen vorrücken wie die Musketiere gegen die Garde des Kardinals? „Wenn man 3:0 führt, ist es schwer, sich wieder zu fokussieren“, sagte Stützle: „Auch eine Mannschaft wie Frankreich kann solche Chancen nutzen. Aber nach dem 3:1 sind wir wieder aufgewacht.“
Keller geriet unter Beschuss wie einst die Bastille. Aber der junge Schlussmann ließ sich weder von Peterka noch von Tobias Rieder düpieren und hatte anschließend Glück, dass Marc Michaelis den Puck statt ins leere Tor nur an den Pfosten schob. Der Mannheimer musste selbst darüber lächeln. Der Keller-Komplex? War überwunden, als Josh Samanski im Powerplay zum 4:1 (48.) traf. Erstes Turniertor für den Teamkollegen von Leon Draisaitl in Edmonton. Am Ende hielt Torhüter Philipp Grubauer den Sieg fest, Nico Sturm traf in der Schlussminute zum 5:1 ins leere Tor.
Noch ein Erfolg gegen die Slowakei am Mittwoch (12.10 Uhr, ZDF und Eurosport), und Deutschland spielt tatsächlich um die Medaillen. 2022 in Peking setzte es ein krachendes 0:4 gegen das Team um Starstürmer Juraj Slafkovsky. „Die sind Erster in ihrer Gruppe geworden, das heißt, dass das eine sehr gefährliche Mannschaft ist. Das ist uns bewusst“, sagte Draisaitl. Seider versprach: „Wir werden bereit sein.“ En garde!
Eishockeystar Leon Draisaitl, deutscher Fahnen- und Erwartungsträger, spricht über das Leben als Promi im olympischen Dorf, die Chancen des DEB-Teams – und diesen einen Penalty seines Vaters vor 34 Jahren.
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