SZ 17.02.2026
16:25 Uhr

(+) Deutscher Frust in Nordischer Kombination: „Das ist ein Witz“


Den erfolgsverwöhnten deutschen Kombinierern gelingen auf der Schanze nur Hüpfer – in der Loipe können sie die Hypothek nicht mehr aufholen. Ein historisches Debakel droht.

(+) Deutscher Frust in Nordischer Kombination: „Das ist ein Witz“
Wenigstens Top-Ten-Plätze:  Vinzenz Geiger (vorn) kommt als Neunter wenig begeistert kurz vor seinem Teamkollegen Johannes Rydzek ins Ziel. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Zusammen liefen Vinzenz Geiger und Johannes Rydzek den letzten kleinen Hügel hinauf, sie bogen auf die Zielgerade ein, aber es wurde kein Fotofinish zwischen den besten deutschen Kombinierern. Rydzek ließ Geiger höflich den Vortritt, es ging ja nicht um Gold, Silber oder Bronze. Das ging es nie in diesem Rennen. Es ging um Platz neun und zehn. Julian Schmid, der Dritte im Bunde, wurde Zwölfter. Später sagte Schmid: „Die Haxen waren relativ blau, dann musste ich die anderen ziehen lassen.“

Das Trio hatte bei seinem zweiten olympischen Wettkampf in Predazzo von der Großschanze und in Tesero über zehn Loipenkilometer nicht den Hauch einer Chance. Der Norweger Jens Luraas Oftebro wurde Olympiasieger, der Österreicher Johannes Lamparter gewann Silber, der Finne Ilkka Herola Bronze. Geiger, immerhin zweimaliger Olympiasieger und Team-Weltmeister sowie Weltcup-Gesamtsieger von 2025, lag im Ziel 1:36 Minuten zurück.

Der Nordische Kombinierer Johannes Rydzek und seine Schwester, Langläuferin Coletta, im Gespräch über Deutschlands aktuell erfolgreichsten Wintersport-Familienbetrieb.

Wie seine Kollegen Johannes Rydzek, 34, und Julian Schmid, 26, hatte der 28-Jährige schon morgens nach dem Springen all seine Chancen ad acta gelegt. Sein Hüpfer auf nur 120,5 Meter handelte ihm eine Hypothek von 1:43 Minuten auf den führenden Japaner Ryota Yamamoto ein, als 18. ging Geiger in die Loipe. Bei Rydzek, 2018 Olympiasieger von der Großschanze in Pyeongchang, war der Sprung nur unwesentlich besser, sein Rückstand: 1:23 Minuten. Zwischen beide schob sich noch Schmid, der 1:35 Minuten zurücklag. Das Fazit von Geiger schon nach dem Springen: „Das ist ein Witz.“

Am Ende sagte Geiger reichlich frustriert: „Es gehören zwei Disziplinen zu unserem Sport, letzte Woche hat die eine gut geklappt, diese Woche die andere. Ich hoffe, dass ich am Donnerstag beide hinkriege.“ Beim ersten Wettkampf in der Vorwoche von der Normalschanze waren die DSV-Kombinierer noch besser gesprungen, dann aber in der Loipe am Ende eingebrochen. Rydzek war als Achter bester Deutscher gewesen.

Eigentlich gelten die DSV-Kombinierer bei Winterspielen als Medaillengaranten, 2022 in Peking, 2018 in Pyeongchang, 2014 in Sotschi: Immer gab es Gold. Nun verpassten sie erstmals seit 2010 eine olympische Einzelmedaille. Sie selbst und auch Bundestrainer Eric Frenzel, selbst Olympiasieger von Sotschi und Pyeongchang, rätseln über die Gründe der ausufernden Formschwäche: „Wir kommen auf der Schanze nicht mit den Besten mit, da waren wir heute nicht konkurrenzfähig. Durch die Bank war die Sprungleistung zu schlecht. Das ist ernüchternd“, sagte Frenzel.

Aber eine Lösung haben sie trotz vieler absolvierter Trainingssprünge nicht gefunden. Wo denn das Problem auf der Schanze liege, wurde Geiger noch gefragt. Die Antwort: „Ja, das habe ich auch noch nicht herausgefunden.“ Rydzek, der erfahrene Olympionike, versuchte es mit einem Blick über den Tellerrand hinaus: „Man braucht das auf der Schanze nicht schönreden. Aber manchmal geht es sich eben nicht ganz aus, es zerplatzen mehr Träume bei Olympia, als Träume in Erfüllung gehen.“

Dabei hatten vor allem die Deutschen, die die Nordische Kombination teilweise dominiert hatten im vergangenen Jahrzehnt, geplant, viel Werbung für ihren Sport zu machen. Einen Sport, der auf der Beobachtungsliste des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Winterspiele 2030 steht. Wegen zu schlechter TV-Quoten und zu geringen Vermarktungsmöglichkeiten überlegt das IOC, die Kombinierer aus dem Programm zu nehmen. Die Kombiniererinnen waren noch nie am Start, es ist die einzige Sportart bei Winterspielen, in der keine Geschlechtergleichheit herrscht. Für 2030 gibt es auch deshalb wohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder es sind Frauen und Männer bei der Nordischen Kombination dabei – oder die Sportart wird komplett gestrichen. Letzteres hätte fatale strukturelle Folgen in den Mitgliedsverbänden, weil auch die Sportförderung wegfiele.

Am Donnerstag haben die deutschen Männer noch eine letzte Medaillenchance im Teamsprint. Sollte es ihnen dort auch nicht gelingen, aufs Podest zu kommen, wären es für sie die ersten medaillenlosen Winterspiele seit Nagano 1998, ein historisch schwaches Abschneiden. Ohnehin wird das Team D in Predazzo und Tesero nicht eben verwöhnt mit Podestplätzen, nur dem Skispringer Philipp Raimund ist dies bislang mit seinem Goldsprung auf der Normalschanze geglückt. Ansonsten gab es vierte Plätze, Pleiten, Pech und Pannen.

Nun haben neben den Kombinierern eigentlich nur noch die Langläuferinnen im Teamsprint am Mittwoch reelle Medaillenchancen. Mit dabei, neben Laura Gimmler: Coletta Rydzek. Johannes Rydzek wird beim Rennen seiner Schwester zuschauen. „Ich werde mitbibbern“, sagte er. Auf dass der Knoten vielleicht doch noch platzen möge. Und parallel dazu werden sie sich nochmal intensiv dieser verflixten Schanze in Predazzo widmen müssen, auf der sie sich am Dienstag jeglicher Chancen beraubten.

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