SZ 19.02.2026
16:26 Uhr

(+) Deutsche Olympia-Bewerbung: Ein Nein vom Bundespräsidenten für die Spiele 2036


Deutschland stürzt sich in seine Olympia-Bewerbung. Doch nun stellt Frank-Walter Steinmeier die Kandidatur an einem der möglichen Daten infrage – aus historischen Gründen.

(+) Deutsche Olympia-Bewerbung: Ein Nein vom Bundespräsidenten für die Spiele 2036

Es ist eine große deutsche Lobbyarbeit zu verzeichnen in diesen Tagen von Mailand und Cortina d’Ampezzo. Deutschland würde gerne die Olympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 ausrichten, und entsprechend lassen sich viele hochrangige Politiker blicken an den Wettkampfstätten der laufenden Winterspiele. Unter anderem der Bundesfinanzminister und die Staatsministerin für Sport waren schon da, ebenso Vertreter aus Städten beziehungsweise Regionen, die sich für geeignet halten. Und für die Spitzen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gehört es gerade ohnehin zur Daueraufgabe, bei den führenden internationalen Sportpolitikern die angeblichen Vorzüge der deutschen Kandidatur anzupreisen.

Vor zweieinhalb Monaten hat der DOSB die Bewerbung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingereicht, im September will er die konkrete Stadt/Region nachmelden: Berlin, Hamburg, München und Rhein/Ruhr stehen zur Wahl. Doch unabhängig davon, dass trotz aller Besuche beim Bob und Biathlon die Chancen für einen Zuschlag insbesondere fürs Jahr 2036 international als sehr übersichtlich gelten, kommt nun noch einmal eine ganz andere und sehr viel grundsätzlichere Debatte auf die Agenda – angestoßen vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier höchstselbst.

Der Vize-Kanzler bekräftigt, dass der Bund Geld gibt für die Olympia-Bestrebungen. Die Politik redet auch in dem Gremium mit, das die Konzepte der Bewerberstädte bewertet.

Dieser stellt nämlich, wie zunächst der Spiegel berichtete, die Bewerbung für 2036 generell infrage. Steinmeier sehe das Jahr 2036 als „historisch problematisch“ für eine deutsche Olympia-Bewerbung an, sagte ein Sprecher des Bundespräsidialamtes. Der Hintergrund: 2036 wären es exakt 100 Jahre nach den Sommerspielen von Berlin, die zur Propaganda-Veranstaltung der Nationalsozialisten gerieten. Der Bundespräsident hoffe aber, so der Sprecher weiter, dass Deutschland die Spiele in den Jahren 2040 oder 2044 ausrichten könne.

Ein Bundespräsident, der eine Bewerbung ablehnt: Das ist nicht nur ein Vorgang, der international registriert wird. Die allgemeine politische Unterstützung ist ein wichtiges Kriterium – und wenn sich jetzt der protokollarisch höchste Mann im Staat dagegen ausspricht, ist das ein bemerkenswertes Zeichen. Aber diese Aussagen dürften nun auch im Land noch einige Kontroversen nach sich ziehen.

Die politische Positionierung zu dieser Frage hat sich in den vergangenen Jahren durchaus verändert. Als vor einem knappen Jahrzehnt erstmals Gedanken über eine Bewerbung für die Sommerspiele 2036 aufkamen und das Propaganda-Jubiläum als Thema recht intensiv diskutiert wurde, gab es dafür von der Bundesregierung keine Unterstützung. So erklärte der im letzten Kabinett von Angela Merkel für den Sport zuständige Innenminister Horst Seehofer (CSU) im Jahr 2019 zu solchen Überlegungen: „Das halte ich nicht für denkbar. Wir bekämen eine unsägliche internationale Diskussion und würden damit auch die olympische Idee beschädigen.“

Auch die Ampelkoalition von Olaf Scholz ließ sich auf dieses Thema nicht ein. Als die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) im Sommer 2024 ein Memorandum of Understanding unterzeichnete, um eine generelle Unterstützung der Bundesregierung für eine Bewerbung zu hinterlegen, tat sie das nur mit einem Begleittext. Darin hieß es: „Die Bundesregierung favorisiert für die Spiele in Deutschland das Jahr 2040 – 50 Jahre nach der deutschen Einheit.“ Formal gab es damit keine Unterstützung für eine Bewerbung für die Spiele 2036.

Das änderte sich erst nach dem Regierungswechsel im vergangenen Jahr. Im Dezember signierten der Bundeskanzler Friedrich Merz, der DOSB und Vertreter der interessierten Städte eine sogenannte „politische Vereinbarung“. Die durfte der Sport nicht nur als Zusicherung einer großen finanziellen Unterstützung verstehen, sondern auch als Zustimmung für eine Bewerbung zu allen möglichen Austragungsjahren, 2036 inklusive. Nur deswegen konnte er den sogenannten „Continuous dialogue“ mit dem IOC beginnen, mit dem man als offizieller Olympia-Bewerber gilt. Die Debatte um das 100-Jahre-Datum wurde in dieser Zeit und seitdem allerdings kaum geführt – bis nun der Bundespräsident kam.

Auf eine Anfrage an die Bundesregierung zu Steinmeiers Äußerungen erklärte ein Sprecher, die Bundesregierung bekenne sich „klar zur deutschen Olympia-Bewerbung des DOSB“. Eine Festlegung auf ein konkretes Jahr sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht erforderlich, und der DOSB gehe „somit folgerichtig für die Jahre 2036, 2040 und 2044 ergebnisoffen in den Prozess mit dem IOC“. In der Stellungnahme des Sprechers heißt es mit Blick auf die konkrete Aussage von Steinmeier nur: „Klar ist: Seiner historischen Verantwortung muss sich Deutschland dabei stets bewusst sein.“

Der DOSB wiederum tat so, als gäbe es gar keinen Widerspruch des Bundespräsidenten zum eigenen Bewerbungsbeschluss. „Der DOSB begrüßt, dass der Bundespräsident die Bewerbung unterstützt“, teilte er mit. Die Bewerbung erfolge „editionsunabhängig“, und die Entscheidung, wann die Spiele zurück nach Europa kehren, treffe allein das IOC: „Wenn dies der Fall ist, muss Deutschland die beste Bewerbung aus Europa anbieten können.“

München, Berlin, Hamburg, Rhein-Ruhr? Im nationalen Vierkampf um eine Olympiakandidatur geht es um den Spitzenplatz im neuen Bewertungssystem. Doch dieses ist nicht nur sehr kompliziert, sondern auch sehr dehnbar – sogar bis kurz vor der Entscheidung.

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