Ob sie sich überhaupt zum Warm-up heraustrauen würden? Blöde Frage. Warum auch nicht? Sie könnten sogar „mit einer relativen Leichtigkeit“ in dieses Viertelfinale gehen, hatte Stürmerin Laura Kluge vor der Partie gegen Kanada gesagt.
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14.02.2026 20:42 Uhr |

Ob sie sich überhaupt zum Warm-up heraustrauen würden? Blöde Frage. Warum auch nicht? Sie könnten sogar „mit einer relativen Leichtigkeit“ in dieses Viertelfinale gehen, hatte Stürmerin Laura Kluge vor der Partie gegen Kanada gesagt.
Für die deutschen Eishockeyfrauen war es das erste olympische Viertelfinale überhaupt, drei ihrer vier Vorrundenspiele hatten sie gewonnen; für Kanada sollte es nur eine Durchgangsstation auf dem Weg ins Endspiel werden. Die Frauen mit dem Ahornblatt auf dem Trikot waren 13-mal Weltmeister, fünfmal haben sie Olympiagold gewonnen. Überdies verfügen sie, nur mal zum Beispiel, über Marie-Philip Poulin. Die 34-Jährige, Teamkollegin von DEB-Torfrau Sandra Abstreiter bei Montréal Victoire in der nordamerikanischen Profiliga PWHL, hält einen einsamen Rekord: 2010, 2014 und 2022 schoss sie jeweils das entscheidende Tor im Olympia-Finale, dasselbe gelang ihr bei der WM 2021.
1976 traute dem deutschen Eishockeyteam niemand etwas zu – außer „schlechte Leistungen und mieses Benehmen“. Doch dann geschah das „Wunder von Innsbruck“.
Trotzdem kamen die Deutschen pünktlich eine Dreiviertelstunde vor dem Spiel zum Aufwärmen aus der Kabine. Und nicht starr vor Ehrfurcht. „Egal, wie es ausgeht“, meinte Kluge, PWHL-Profi bei Boston Fleet: „Für uns kann es nur gut ausgehen.“
Nun, es ging relativ gut aus. Zumindest besser, als es manche insgeheim vielleicht doch befürchtet hatten. Kanada gewann, aber die Niederlage hielt sich mit 1:5 (0:2, 0:1, 1:2) im ehrbaren Rahmen. In der Endabrechnung belegt das deutsche Team, das sich erstmals seit 2014 für die Spiele qualifiziert hatte, Platz sieben. „Wir haben im ganzen Turnier gezeigt, dass wir nicht zu Unrecht im Viertelfinale stehen“, sagte Kluge. „Nach oben fehlt halt noch ein bisschen.“
Diese Lücke zu schließen, daran muss der Deutsche Eishockey-Bund arbeiten. „Es war sehr, sehr wichtig für uns, hier zu sein und zu lernen“, sagte Bundestrainer Jeff MacLeod. „Solche Spiele bringen uns voran.“ Es würde helfen, wenn mehr Spielerinnen den Sprung in die PWHL schaffen würden, um sich täglich an den Besten messen zu können, meint Kluge. Die größten Probleme bleiben aber die fehlende Breite im Nachwuchs und der Übergang von den 16-Jährigen zu den Erwachsenen, weil dort die Angebote fehlen. „Da passiert zu wenig“, sagt Christian Künast, Vorstand Sport beim DEB. Überlegungen gibt es, von einer U16-Liga über internationale Kooperationen bis zur Unterstützung der Frauen-Bundesliga durch die Klubs der ersten oder zweiten Männer-Liga. „Aber wir können niemanden zwingen.“ Es gehe um Überzeugungsarbeit, und das Auftreten der Frauen in Mailand sei beste Werbung gewesen, sagt Künast: „Die Leute sehen, das ist guter Sport.“ Auch gegen Kanada hätten sie „über kurze Strecken gezeigt, dass wir mithalten können“, fand Laura Kluge.
Verglichen mit der Begegnung gegen den Rekord-Olympiasieger war der Zweikampf zwischen David und Goliath ein Duell auf Augenhöhe. In Deutschland gibt es etwa 1500 aktive Spielerinnen, in Kanada geht die Zahl in die Hunderttausende. Die drei deutschen PWHL-Spielerinnen – neben Abstreiter und Kluge noch Nina Jobst-Smith (Vancouver Goldeneyes) – haben zusammen 40 Spiele in der seit drei Jahren existierenden Profiliga absolviert. Allein Poulin hat doppelt so viele. „Jeder erwartet, dass Kanada gewinnt“, sagte Abstreiter. Aber hat nicht auch der kleine David dem Riesen Goliath eine vor den Latz geknallt?
Nach exakt 100 Sekunden traf Brianne Jenner mit dem ersten Torschuss zum 1:0 für die Kanadierinnen. An die Sensation zu glauben, fiel nun schon etwas schwerer. Aber dann fing Kluge in Unterzahl ein schlampiges Zuspiel ab, zog allein zum Tor von Emerance Maschmeyer und … Vielleicht machten ihr unterwegs die Gedanken die Beine schwer. Ihr Versuch strich am Tor vorbei. „Am Ende fehlt uns dann die Erfahrung und die Kaltschnäuzigkeit, um das auch auszunutzen“, sagte sie.
Die Deutschen spielten dennoch couragiert weiter. Wer ein kanadisches Schützenfest erwartet hatte, sah sich im Irrtum. Auf dem Gesicht von Marie-Philip Poulin ließen sich sogar Züge von Frustration erkennen. Bis Claire Thompson ein Schüsslein von der blauen Linie zum Tor schickte und der Puck Abstreiter durch die Schoner hoppelte (17.). „Den würde ich gern zurückhaben“, sagte die Torhüterin. Allerdings hatten die Kanadierinnen, ohne die ganz große Brillanz auszustrahlen, mittlerweile klar die Kontrolle und spielten ihre läuferische Überlegenheit aus. 17:3 Torschüsse allein im zweiten Drittel bildeten ihre Dominanz recht präzise ab. Nach dem 0:4 war die Entscheidung gefallen.
Bei den Deutschen machte sich der Kräfteverschleiß bemerkbar. Aber ein Tor wollten sie noch schießen. Und sie bekamen es, ausgerechnet in Unterzahl. Franziska Feldmeier fasste sich ein Herz und verlud Maschmeyer (49.). Gold für die Moral. So war auch das 1:5 (56.) leichter zu ertragen. Torschützin: Marie-Philip Poulin.
Eishockeystar Leon Draisaitl, deutscher Fahnen- und Erwartungsträger, spricht über das Leben als Promi im olympischen Dorf, die Chancen des DEB-Teams – und diesen einen Penalty seines Vaters vor 34 Jahren.
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