SZ 11.02.2026
16:51 Uhr

(+) Deutsche Biathletinnen bei Olympia: Die Göttin der Skijagd übersieht Team Deutschland


Biathletin Franziska Preuß liegt beim olympischen Einzel bis kurz vor Schluss auf Goldkurs, beim letzten Schießen aber vergibt sie alle Medaillenchancen. Vanessa Voigt hadert als Vierte noch mehr mit ihrem Schicksal.

(+) Deutsche Biathletinnen bei Olympia: Die Göttin der Skijagd übersieht Team Deutschland
„Es war so ein klassisches Harakirischießen und gar nicht mehr im Rhythmus“, sagte Franziska Preuß nach dem olympischen Einzelrennen. (Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Die Goldmedaille hing an einer Untertasse, so groß ist eine Zielscheibe im Biathlon, wenn die Skijäger stehend das Kleinkalibergewehr zücken und zum Schuss ansetzen. 115 Millimeter Spielraum hatte also die deutsche Biathletin Franziska Preuß an diesem Mittwochnachmittag. 115 Millimeter, aus der Nähe ein Geschirr-Service, aus 50 Metern Entfernung aber ein Hemdknopf. 50 Meter und fünf finale Treffer auf den Hemdknopf war Preuß nun entfernt von ihrer ersten olympischen Goldmedaille. Die Stadionuhr in der Südtirol Arena zeigte 15.18 Uhr an. Und dann drückte Preuß ab, schnell schoss die 31-Jährige, aber nicht so präzise wie zuvor. Zwei Hemdknöpfe überstanden ihre Serie, die deutsche Medaille zerbröselte.

Saggra, heißt es hier in Südtirol. Das hätte es nicht zwingend gebraucht, nicht wenn es nach den Tausenden ging, die im Antholzer Stadion fleißig deutsche Flaggen geschwenkt hatten. Denn um 15.18 Uhr offenbarte die älteste und einst einsame Biathlondisziplin „Einzel“, warum früher nicht zwingend alles besser war. Preuß bekam sogleich zwei Minuten Strafzeit auf ihre Gesamtzeit addiert und hatte so keine seriösen Chancen mehr, das olympische Treppchen zu erklimmen. Dies erledigte parallel für sie die Französin Julia Simon, die mit nur einem Fehler und eben einer Minute Strafzeit, im Ziel angekommen war. Sie gewann Gold vor ihrer Teamkollegin Lou Jeanmonnot.

Seit dem Tod des Biathleten Sivert Bakken wird diskutiert: Warum trug der Norweger im Schlaf eine Höhenmaske? Welchen Zweck haben solche Geräte? Und wann sind sie gefährlich? Ein Gespräch mit Mediziner Wilhelm Bloch.

Franziska Preuß sah man den Frust im Antholzer Stadion an diesem Nachmittag besonders deutlich an. Frust über ein Rennen, das sie nahezu perfekt gestaltet hatte, bis auf wenige Sekunden bei diesem verflixten letzten Schießen. „Es hat gar nicht mehr gestimmt vom Timing zwischen Abzug und Zielen“, sagte Preuß danach in der ARD: „Es war so ein klassisches Harakirischießen und gar nicht mehr im Rhythmus“. Zwei Zielscheiben, die eben nicht fielen, als Deutschlands Sportlerin des Jahres 2025 es so gar nicht gebrauchen konnte.

Rhythmus, das war ihr Thema, den ganzen Winter über, der schwierig begann und nie wirklich einfacher wurde. Trotz gelungener Vorbereitung, an deren Ende sich Preuß allerdings an der Hand verletzte, was vieles verkomplizierte – weniger auf der Strecke als am Schießstand, weil das Spiel mit Abzug und Fingern eben alles andere als trivial ist. Es ist eine Kunst für sich, bei sehr hohem Puls plötzlich sehr ruhig zu atmen und zu zielen. Und doch schien sie alles von sich geschüttelt zu haben, nun da sie wie mit Rückenwind über die Loipe hastete und alle Zeiten pulverisiert hätte.

Die Göttin der Skijagd, falls es sie gibt, hatte Team Deutschland an diesem Tag übersehen. Nicht nur Preuß, am Ende auf Rang zehn, hatte denkbar knapp Gold und überhaupt eine Medaille verfehlt. Noch mehr musste ihre Teamkollegin Vanessa Voigt mit ihrem sportlichen Schicksal hadern. Die Thüringerin hatte im Spiel mit der Präzision ihr Können gezeigt, sämtliche Scheiben versenkt und war der Bronzemedaille entgegen gespurtet. Nur schnell war die 28-Jährige nicht gewesen, sowohl in der Loipe als auch am Schießstand. Und hier gibt es eine Vorgeschichte: Voigt war wiederholt für ihre angeblich zu langsamen Schießzeiten kritisiert worden, in Oberhof hatte es deswegen sogar „ein Krisengespräch, ein härteres Gespräch“ gegeben, wie Bundestrainer Kristian Mehringer vor dem Einzelrennen erzählt hatte, dabei seien Tränen geflossen. „Das kann nach hinten losgehen“, hatte Mehringer berichtet. „Aber unser Ziel war, dass es nach vorne losgeht.“ Stand Mittwoch ging diese Taktik fast auf, aber nicht ganz.

Das war am Sonntag zu sehen, als Voigt der Mixed-Staffel – auch da schon fehlerlos – mit zu Bronze verhalf. Diesmal allerdings fehlte Voigt hierzu eine Portion Glück. Nachdem Voigt in Peking die olympische Bronzemedaille noch um 1,3 Sekunden verpasst hatte, fehlten ihr im Ziel diesmal 13 Sekunden auf den dritten Platz. Es sei für sie „total schwierig, meine Gedanken zu ordnen“, erklärte Voigt im Ziel. „Grundsätzlich bin ich enorm stolz auf meine Leistung.“

Dies dürfte noch mehr auf die Bulgarin Lora Hristova zutreffen, die wie Voigt alles traf aber etwas schneller auf den Langlaufskiern unterwegs war. Die 22-Jährige sicherte ihrem Verband eine olympische Medaille, die niemand auch nur erahnt hätte, außer vielleicht ein 71 Jahre alter Mann aus dem oberbayerischen Ruhpolding. Der frühere Spitzentrainer Wolfgang Pichler betreut und beherbergt das bulgarische Biathlonteam seit mehreren Jahren – und so hat diese Medaille zumindest einen schwarz-rot-goldenen Farbtupfer.

Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: