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08.02.2026
16:50 Uhr
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Franziska Preuß muss beim letzten Schießen der Mixed-Staffel in die Strafrunde, wieder sind Nachlader ihr großes Thema. Trotzdem bringt sie den dritten Platz hinter Frankreich und Italien ins Ziel.

Philipp Nawrath hatte es mit einer Form von Doppelbelastung zu tun: Vor ihm die Reporter, doch viel interessanter waren die Szenen hinter seinem Rücken, oben auf der Videoleinwand. Und so hörte der deutsche Biathlet auf, über sich zu sprechen, drehte sich stattdessen um und sah einer anderen zu: Franziska Preuß war gerade am Schießstand angekommen, versenkte alle fünf Scheiben und entlockte Nawrath ein „Ja!“.
In dem Moment, als Nawrath aufschrie, hatte Schlussläuferin Preuß dem gemischten deutschen Olympiaquartett die Chance auf Gold bewahrt. Minuten später schien plötzlich alles verloren. Und doch jubelte das deutsche Team am Ende. Nicht über Gold, dafür hatten sie die zweite deutsche Medaille dieser Winterspiele ins Ziel gerettet. Und die glänzt in Bronze.
Der Olympiastandort Antholz steht den Biathleten ungeteilt zur Verfügung. Verglichen mit den übrigen 15 olympischen Disziplinen ist der Skijägerschaft eine Form von Exklusivität zu eigen in diesem Tal in Südtirol, wo weitaus weniger Hotels zu finden sind als etwa Misthaufen. Zahlreiche Olympiasportler sind in bäuerlichen Pensionen untergebracht, die hintersten Kämmerlein sind ausgebucht, von Antholz-Mittertal bis Antholz-Niederrasen, und jeder Zuschauer dürfte froh sein ums eigene Bettchen in diesen olympischen Tagen, denn alle wissen: Ist der Schweinestall zu klein, steht das Schwein auf einem Bein.
In Antholz in Südtirol herrscht Rummel wie noch nie, Ärger um die Beschilderung und Irritation über eine gesperrte Lokalheldin. Eindrücke aus einer Gemeinde, in der nichts mehr normal ist.
Zum Stallgeruch des Biathlonsports gehört, dass auch gejubelt wird, wenn die anderen gewinnen. In diesem Fall bedeutete das: Weder Italien noch Deutschland gewann, obwohl die Anhängerschaften dieser beiden Verbände die Tribünen bevölkert und Antholz zu einem deutsch-italienischen Spektakel verwandelt hatten. „Die eine Hälfte des Stadions hat für mich gebrüllt, die andere Hälfte für den Giaco“, erklärte Startläufer Justus Strelow, der sich mit dem Italiener Tommaso Giacomel gemessen hatte und aussichtsreich auf Nawrath übergeben hatte, ehe Vanessa Voigt die Hälfte der Frauen eröffnete.
Womöglich sind andere Disziplinen in der Szene angesehener als die Mixed-Staffel. Wenn aber olympische Medaillen vergeben werden, dann fragt kaum mehr jemand nach der Disziplin, sondern höchstens nach der Farbe des Edelmetalls. Darum ging es nun, im Finale dieses Rennens, da das deutsche Quartett 35 von 35 Scheiben bei sieben Schießeinlagen versenkt hatte, ganz ohne Fehl und Nachlader, eine Trefferquote mit Seltenheitswert. Preuß hatte vor den Augen Nawraths höchstselbst dazu beigetragen, und zückte ein letztes Mal das Gewehr.
Die Französin Julia Simon war allen entrückt, nach ihrer fehlerlosen Stehendeinheit war klar, dass Frankreich die Goldmedaille sicher hatte. Für Preuß ging es nun um eine klassische olympische Frage: Silber, Bronze – oder Blech? Nur zweimal hätte sie noch ins Schwarze treffen müssen, um die Angelegenheit im Zweikampf mit der Italienerin Lisa Vittozzi zu klären. Aber was heißt da nur. Die letzten Scheiben sind im Biathlon immer die schwierigsten, speziell in olympischen Medaillenrennen, die Fallhöhe könnte nicht tiefer sein. Und so kam es, wie es kam.
Preuß schoss zweimal daneben, musste Nachladerpatronen in den Lauf schieben. Dass sich die Nachlader für sie „gerade eher wie Gegner“ anfühlen würden, hatte sie vor drei Wochen in Ruhpolding erklärt, nachdem sie sich dort eine Staffel-Strafrunde geleistet hatte. Auf den Tribünen wurden Hände zum Gebet gefaltet. Doch es sollte alles nicht helfen. Vielmehr wirkte es nun, als hätte jemand die Filmrolle aus Ruhpolding wieder hervorgeholt. Preuß verbrauchte fünf Patronen, traf damit aber nur noch eine Scheibe – und musste in die Strafrunde einbiegen.
Deutsche Erfolge suchte man in dieser jüngeren olympischen Disziplin Mixed-Staffel bisher vergeblich. Doch die Dramaturgie dieses Sonntags hatte eine finale Pointe. Vittozzi hatte zwar inzwischen alle Scheiben abgeräumt und war für Italien auf Silberkurs. Doch nicht nur Preuß’ Trefferbild erinnerte an eine Jahrmarktschießbude. Maren Hjelmeset Kirkeeide setzte noch einen drauf, als hätten die beiden einander inspiriert: Die norwegische Schlussläuferin verfehlte neben Preuß stehend vier von fünf Scheiben und musste schließlich gar zwei Extrarunden drehen. Eine zu viel, um Preuß einen finalen Bronze-Zweikampf in der Loipe zu liefern.
„Die drei vor mir haben einen grandiosen Job gemacht, das hat uns gerettet, mein Stehendschießen war heute wirklich nicht das Gelbe vom Ei“, sagte Preuß im Ziel am ZDF-Mikrofon. Und tatsächlich seien die Nachlader wieder ihr großes Thema gewesen. Die eigentlich am wenigsten drastische Form der Bestrafung für Fehlschüsse bereitet ihr offenbar mentale Schwierigkeiten. Sie habe „mit der Nähmaschine gekämpft“, so Preuß, also mit zittrigen Gliedmaßen, was beim Präzisionsschießen nicht zielführend ist.
Warum sich das Starttrio trotz hundertprozentiger Trefferquote nicht hatte absetzen können? „Wir waren jetzt vielleicht nicht ganz in so einer super Höhe, wo wir uns vorbereitet haben“, erklärte Philipp Nawrath im Ziel auf SZ-Nachfrage. Die deutschen Biathleten hatten sich unlängst in Obertilliach in Tirol auf die Spiele vorbereitet, also etwa 170 Höhenmeter tiefer gelegen als nun das Antholzer Biathlonstadion. Mit Rennen eins sei die Eingewöhnungszeit an die Höhe aber in der Regel vorbei, so Nawrath. In diesem romantisch-rustikalen Tal, wo die Nähmaschine nicht nur zum Inventar der Bauernstuben gehört.
Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.
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