SZ 05.02.2026
12:16 Uhr

(+) Deutsche Bahn: Nach Angriff auf Zugbegleiter: Ermittler werten Videos aus Zug aus


Warum die Kontrolle derart eskalierte, ist noch immer unklar. Der Verdächtige ist bisher nicht polizeibekannt. Der Betriebsratschef im DB-Regionalverkehr macht sich für den Einsatz von Bodycams mit Tonfunktion stark.

(+) Deutsche Bahn: Nach Angriff auf Zugbegleiter: Ermittler werten Videos aus Zug aus

Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz gehen die Ermittler den noch offenen Fragen nach. Sie werten unter anderem Videoaufzeichnungen aus dem Zug aus. Das genaue Motiv der Tat am frühen Montagabend ist weiter unklar, der Verdächtige schweigt.

Ein 36 Jahre alter Bahnmitarbeiter hatte in einem fahrenden Regionalexpress nahe Kaiserslautern einen allein reisenden Mann kontrolliert, der kein gültiges Ticket hatte. Nach Angaben der Polizei forderte der Zugbegleiter den 26 Jahre alten Fahrgast deshalb zum Verlassen des Zuges beim nächsten Halt in Homburg auf. Den bisherigen Ermittlungen zufolge schlug der Mann daraufhin den Zugbegleiter unvermittelt und mehrmals heftig mit den Fäusten.

Zugbegleiter Serkan C. verlor das Bewusstsein, musste reanimiert werden und starb eineinhalb Tage später in einer Klinik in Homburg. Todesursache war laut Obduktionsergebnis eine Hirnblutung als Folge von stumpfer Gewalt gegen den Kopf. Ein Messer oder andere Gegenstände seien bei der Tat nicht verwendet worden.

Der mutmaßliche Täter, ein Grieche, der nach eigenen Angaben seinen Wohnsitz in Luxemburg hat, wurde kurz nach der Tat in Homburg festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war er der Polizei in Deutschland zuvor nicht aufgefallen. Es gebe keine „Vorfälle, polizeiliche Erkenntnisse oder Vorstrafen hier in Deutschland“, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin Iris Weingardt. Weitere Ermittlungen dauerten an. Zudem seien ergänzende rechtsmedizinische und kriminaltechnische Untersuchungen in die Wege geleitet worden. Neben der Sichtung des Videomaterials würden auch Zeugen vernommen.

Die Tat löste deutschlandweit Entsetzen aus. Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, forderte einen besseren Schutz für Zugbegleiter. Sie sollten in Regionalzügen immer zu zweit unterwegs sein und nicht allein. Außerdem sollten Bahnmitarbeiter durchgehend Bodycams tragen. Das sind kleine Kameras, die am Körper angebracht werden und aufzeichnen können. Zugbegleiter könnten zudem durch einen Notrufknopf an der Armbanduhr ausgestattet werden. „Das ist alles immer mit Kosten verbunden. Aber Sicherheit ist nicht verhandelbar“, sagte Burkert.

Was läuft schief? Und wann wird es besser? Expertinnen und Experten geben am 11. Februar in München exklusive Einblicke in das System Deutsche Bahn.

Auch der Betriebsratschef im DB-Regionalverkehr macht sich für den Einsatz von Bodycams mit Tonfunktion stark. „Wir brauchen eine Bodycam, die auch Tonaufzeichnungen wiedergibt und nicht nur das Filmmaterial“, sagte Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats DB Regio Schiene/Bus im Gespräch mit dem Sender WDR 5. Es sei für ihn nicht nachvollziehbar, dass der Datenschutz dem entgegenstehen solle. Die Videoaufnahmen vom Angriff auf seinen Kollegen zeigten, dass dieser sich vorbildlich verhalten habe, sagte Damde. „Er hat deeskaliert, und trotzdem ist es passiert.“ Es sei aber wichtig zu hören, was gesprochen werde – auch um später besser beweisen zu können, wie sich solche Situationen steigerten. Dies sei daher einer der ersten Punkte, die er mit Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) besprechen wolle.

Die Deutsche Bahn teilte mit, dass es im Jahr 2025 rein rechnerisch pro Tag acht verbale oder auch körperliche Übergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens gegeben habe. „Die Hälfte der Angriffe betrifft das Zugpersonal im Regionalverkehr. Auf Sicherheitskräfte entfällt gut ein Drittel“, sagte ein Bahnsprecher. „Auch Reinigungskräfte oder Servicekräfte am Bahnhof werden Opfer von Angriffen.“ Es gebe eigens eine App, um solche Taten zu melden.

Mehr und mehr Mitarbeitende würden daher mit Bodycams ausgerüstet, sofern diese das wünschten. Die Erfahrungen damit seien positiv. „Sie können den Konflikt deeskalieren, wenn ein Angreifer sich auf dem Bildschirm sieht.“ Auch Trainings zur Deeskalation gehörten beispielsweise zur regelmäßigen Fortbildung der etwa 20 000 Bahnmitarbeiter mit Kundenkontakt. „Aber bei einer derart hemmungslosen Gewalt, wie wir sie jetzt erlebt haben, gibt es keinen hundertprozentigen Schutz“, sagte der Bahnsprecher.

An diesem Donnerstag findet von 16 Uhr an in Ludwigshafen, der Heimatstadt Serkan C.s, ein Totengebet in der Alemi Islam Moschee statt.

Die Erwartungen an die Deutsche Bahn sind ja nicht mehr hoch, die an die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla dafür umso höher. Sie räumt jetzt erst mal in der Führungsetage auf: Pünktlicher wird so kein einziger Zug, aber immerhin sie ist voller Zuversicht.

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